Manche schauen bei Albrecht Dürers Bildern gar nicht mehr hin: wegen Mief von anno schnuffzich. Marie Noëlles Dokumentarfilm „Dürer“ bei Arte beseitigt diesen Irrtum.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Vertrautheit ist der Brutherd der Verachtung. Diese gallige Weisheit trifft auch auf das Verhältnis mancher Menschen zu Albrecht Dürer zu. Einige Generationen lang waren dessen Bilder – das Porträt seiner Mutter im Alter, die betenden Hände, der Hase, das Selbstbildnis als Dreizehnjähriger – fester Bestandteil von Apothekenkalendern und von Sinnspruchseiten sowie Grundstock der Wandschmuckangebote in der Was-Nettes-fürs-Zuhause-Ecke vieler Billigkaufhäuser. Für all jene, die das nebenbei wahrnahmen, wurde Dürers Kunst so Teil des Hintergrundrauschens spießbürgerlicher Kitschbedürfnisse: Rührbildchen für die falsche Sehnsucht nach einer besseren alten Zeit.

Es gibt einige Wege, diese völlig falsche Einschätzung loszuwerden, und der 90-minütige Dokumentarfilm „Dürer“ von Marie Noëlle bei Arte ist nicht der schlechteste. Schnell und klar dringt die nach „Ludwig II.“, „Marie Curie“ und „Heinrich Vogeler“ sehr porträterfahrene Filmemacherin zur aufregenden historischen Wahrheit vor: Der 1471 in Nürnberg geborene Dürer war kein Zipfelmützenmann des Status quo, sondern ein Revoluzzer an der Grenze zur selbstmörderischen Ketzerei, ein aufsehenerregender Popstar in einem Milieu kleingehaltener Handwerker und ein Mix aus genialischem Sucher und pfiffigem Geschäftsmann.

Faustschlag auf den Tisch

Dieser Dürer muss nicht umständlich aus anderen Quellen extrahiert und zu den Bildern hinzugedacht werden. Er springt einen aus dem Werk selbst an, wenn man weiß, worauf man zu achten hat. Auf Dinge, die einem selbstverständlich für gegenständliche Malerei scheinen, die bei Dürer aber wider alle damalige Konvention und Schicklichkeitsgebote Premiere hatten. So schaut uns der Maler auf einem um 1500 entstandenen Selbstbildnis direkt an. Das war damals eine Haltung, die höchsten Mächten vorbehalten war: Christus durfte derart prüfend und dadurch eben höchst präsent trotz leiblicher Abwesenheit auf den Bildbetrachter zurückschauen. Einem gewöhnlichen Menschen aber war eben das nicht gestattet, was Dürers Bild zu einem kecken theologischen Faustschlag auf den Tisch machte. Das irdische Individuum wird zum Platzhalter des himmlischen Heilands, ein Akt der Selbstermächtigung, aber auch der Selbstverpflichtung.

Noëlle nutzt keine außergewöhnlichen Mittel, nur die gewöhnlichen, also Interviews mit Experten und nachgespielte Szenen, die aber auf den Punkt. Wanja Mues verkörpert Dürer, Hannah Herzsprung Dürers Frau Agnes. Das Inszenierte gibt nie vor, die historische Wirklichkeit voll zu fassen. Es bleibt als Annäherung, als Gedankenspiel kenntlich. Den eigentlichen Dürer, gibt das sympathisch zu, finden wir in den Gemälden.

Dürer. Arte, Samstag, 20.15 Uhr.