Zur falschen Hautfarbe kam auch noch das falsche Milieu dazu: „Ein deutscher Boxer“ schildert die erstaunliche Karriere des Charly Graf.

Stuttgart - Die Geschichte von Charly Graf erinnert an das tragische Leben des Amerikaners Rubin Carter. Der schwarze Mittelgewichtsboxer, dem Bob Dylan einst den Song „Hurricane“ widmete, wurde 1966 in einem fadenscheinigen Mordprozess verurteilt; erst zwanzig Jahre später wurde die Anklage fallen gelassen. Charly Graf war nicht ganz so lange im Gefängnis und vor allem nicht unschuldig. Davon abgesehen aber sind die Parallelen der Lebenswege offenkundig: Beide hatten die falsche Hautfarbe. Bei Graf, 1951 als uneheliches Kind eines schwarzen Besatzungssoldaten in Mannheim geboren, kam noch das falsche Milieu hinzu: Nach frühen Erfolgen war er zwar in seinem Kiez der König, doch dann folgte keine Karriere im Ring, sondern im Rotlichtviertel.

 

Der vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilmer Eric Friedler („Aghet – ein Völkermord“) erzählt Grafs Leben in neunzig fesselnden Minuten. Wie in allen Biografien sind es vor allem die Brüche, die das Porträt interessant machen: erst der Karriereknick, als der Schwergewichtsboxer viel zu früh in einem großen Kampf „verheizt“ wird, dann das wundersame Comeback, als er zehn Jahre später doch noch deutscher Meister wird – und das als Insasse der Justizvollzugsanstalt Ludwigsburg. Was Grafs Leben und diesen Film jedoch so bemerkenswert macht, ist die wundersame Wandlung, die der Boxer erlebt hat. Es klingt fast wie ausgedacht: Im Stuttgarter Hochsicherheitsgefängnis Stammheim trifft der Mann aus Mannheim auf den RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Eine Begegnung, die sein Dasein von Grund auf ändert; heute ist Graf Sozialarbeiter.

Eine Figur wie ein Schrank

Natürlich lässt es sich der unter anderem mit dem Grimmepreis und dem Deutschen Fernsehpreis geehrte Friedler nicht nehmen, Graf angemessen in Szene zu setzen. Der Mann hat ohnehin eine Figur wie ein Schrank, und als ihn die Kamera im Gefängnisflur im Gegenlicht zeigt, wirkt er erst recht wie ein Koloss. Umso größer ist der Kontrast, wenn Graf redet und in wohlüberlegten Worten sein wechselvolles Leben reflektiert. Friedler lässt ihm die Zeit, die er braucht. Einmal sucht Graf eine gefühlte Minute lang nach dem richtigen Wort. Dann sitzt er da wie sein eigenes Monument; ein Augenblick wie eine Oase im hektischen Fernsehalltag.

Dramaturgisch geschickt zögert Friedler auch jene Szene hinaus, in der sich die beiden so unterschiedlichen Freunde endlich um den Hals fallen. Zunächst berichten beide, wie das damals war, als sie sich im sogenannten Affenkäfig, dem Hofersatz auf dem Stammheimer Anstaltsdach, das erste Mal über den Weg gelaufen sind. Beide sind bis heute überzeugt, das Aufeinandertreffen sei arrangiert worden, damit sie sich gegenseitig drangsalieren. Doch die Konfrontation von Milieu und Ideologie führte keineswegs zum großen Knall, im Gegenteil: Boock eröffnete dem Boxer, für den bisher allein das Recht des Stärkeren galt, ganz neue Horizonte. Er brachte ihm im übertragenen Sinn das Lesen bei und ermunterte ihn außerdem, wieder zu boxen. Boock hat laut Graf verhindert, dass der wegen Zuhälterei und Körperverletzung verurteilte Boxer vollends in die Kriminalität abgetaucht sei und später womöglich zum Mörder geworden wäre.