Dokumentarfilm Drei Affen wollen ans Meer

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Es ist ein ungewöhnliches Experiment, das die Freunde Bart, Jakob und David vom Bodensee an die französische Küste führt: Einer sieht nichts, einer hört nichts, einer spricht nicht. Jetzt läuft ihr Roadmovie in den Programmkinos.

Bart hat die Augen verbunden, Jakob trägt Kopfhörer, David schweigt. Wie lassen sich so Konflikte austragen? Foto: privat
Bart hat die Augen verbunden, Jakob trägt Kopfhörer, David schweigt. Wie lassen sich so Konflikte austragen? Foto: privat

Stuttgart/Konstanz - Jakob fällt gierig über die Dosenravioli her. Als die Tupperbox leer ist, stochert er noch immer darin herum. Erst nach einer Weile sieht er ein, dass nichts mehr zu finden ist. Da beschleicht ihn ein schlimmer Verdacht: Nur weil ich nichts sehe, geben mir meine Freunde die kleinste Portion. Sein Magen knurrt.

Es ist der Beginn jener Phase, in der die Freundschaft von David, Bart (beide 30) und Jakob (28) auf ihre wohl härteste Probe gestellt wird. Vor wenigen Tagen sind sie am Bodensee gestartet. In drei Wochen wollen sie zu Fuß, per Anhalter und mit ­öffentlichen Verkehrsmitteln den Atlantik erreichen. Die Reise ist ein verrücktes Experiment, entwickelt sich aber schnell zu einer schonungslosen Selbsterfahrung. Jakob hat zwei lichtundurchlässige Okklusionspflaster auf die Augen geklebt. David trägt einen dicken Kopfhörer, der zusätzlich ein Dauerrauschen produziert und ihn von allen Geräuschen abkapselt. Bart kann zwar sehen und hören, darf aber nicht sprechen. Und jetzt sind sie im Schwarzwald, es regnet. Das Zelt ist durchnässt. Der Gaskocher macht die Ravioli höchstens lauwarm. Und Jakob nörgelt. Da hilft es auch nicht, dass ihm Bart einen Nachschlag reicht. Von seiner eigenen Portion gibt er etwas ab. Doch das kann Bart nicht sagen und Jakob nicht sehen. David sieht alles und könnte reden, doch er ist in seiner eigenen Welt. Unbeteiligt schaut er zu, wie sich der Konflikt zwischen den beiden Freunden zu einer Krise aufschaukelt.

Wohin soll’s gehen? Ins tiefste Innere

Es beginnt vor drei Jahren alles mit dem Telefonat zweier alter Freunde. Schon seit Jugendzeiten fahre er mit Bart gemeinsam in den Urlaub, erzählt David Stumpp. Jetzt lebt der eine in Berlin, der andere am Bodensee. Doch das gemeinsame Reisen verbindet die jungen Männer immer noch. Nur wo soll die nächste Reise hingehen? „Auf einmal war das Bild der drei Affen im Raum“, sagt Bart Bouman. „Nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen. Das wär’s.“ Dass daraus ein Film werden sollte, war sofort klar, obwohl das verwunderlich ist. Bis dato waren die Protagonisten keineswegs Filmschaffende. Erst als die Idee geboren war, schrieb sich David für zwei Semester bei der Berliner Filmhochschule ein.

Ein dritter Mann war schnell gefunden. Im Freundeskreis sei die Idee so gut angekommen, dass gleich ein paar Freunde gerne mitgekommen wären, sagt David. Dennoch dauerte es ein Jahr, ehe die Reise losgehen konnte. Zunächst musste Geld für ein Filmteam zusammengebracht werden. Dabei half eine Crowdfunding-Kampagne, die innerhalb von eineinhalb Monaten 10 000 Euro einbrachte. Für den anschließenden Schnitt gab es Geld von der baden-württembergischen Filmförderung.

Der Rollentausch schärft die Sinne

Vieles hatten die drei bedacht und geplant. Was es tatsächlich heißt, blind, taub oder sprachlos zu sein, hatten sie nicht getestet. Und so stand die Reise zwischendurch auf des Messers Schneide. Erst als nach einer Woche verabredungsgemäß die Rollen getauscht wurden, wurde klar, was der jeweils andere empfand. Nun hatte David die Pflaster vor den Augen, nun musste er blind vertrauen. Und er bemerkte, wie sich andere Sinne schärften: das Hören, das Riechen, auch das Hungergefühl. „Es macht einen nervös, wenn das Auge nicht mitessen kann, wenn man nicht weiß, wie viel da ist, und wenn man darauf angewiesen ist, dass die anderen einen versorgen.“

Kann er nun ermessen, was eine Behinderung für einen Menschen bedeutet? Das gewiss nicht, sagt David. Vielleicht aber sei der Respekt dafür gewachsen, wie Behinderte ihr Leben meisterten. Am anstrengendsten sei ihm übrigens der Verzicht auf das Hören gefallen. „Man fühlt sich unglaublich isoliert und einsam.“