Dominator des Radsports Tadej Pogacar peilt das Double an

Der Mann im Rosa Trikot: Tadej Pogacar. Foto: Imago/Stefano Sirotti

Der Slowene will zuerst den Giro d’Italia und anschließend die Tour de France gewinnen. Bisher liegt er bei der Italien-Rundfahrt voll im Plan.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Interessant am Profiradsport ist seine Unberechenbarkeit – normalerweise. Denn in der Historie gab es immer wieder Fahrer, die das Peloton dominiert haben, der bekannteste war Eddy Merckx, den sie „Kannibale“ nannten, weil er seinen Gegnern nicht den kleinsten Sieg gönnte. Ob Tadej Pogacar auch eine solche unersättliche Legende werden kann, ist offen. Doch schon allein, dass es ihm zugetraut wird, zeigt seine außergewöhnliche Klasse. Und das, was in dieser Saison passiert, ebenfalls.

 

Der Slowene hat 2024 nicht viele Rennen bestritten. Doch fast immer, wenn er am Start stand, war er nicht zu schlagen. Erst bei der Strade Bianchi, dann bei der Katalonien-Rundfahrt, bei der er vier Etappen und den Gesamtsieg holte, sowie bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Nur Mailand-Sanremo, ein weiteres Monument des Radsports, gewann er nicht, stand allerdings als Dritter auf dem Podium. Derzeit führt Pogacar erstmals in seiner Karriere den Giro d’Italia an, dem angesichts der Überform des Slowenen schon jetzt jegliche Spannung abgesprochen wird. „Wenn er nicht vom Rad fällt, wird er siegen“, sagt Ex-Profi und TV-Experte Jens Voigt, „ich sehe keinen, der ihn gefährden könnte.“

Verärgert über die Order aus dem Teamauto

Am Ende der ersten Etappe hatte Pogacar das Rosa Trikot noch knapp verpasst, das er sich dann aber nach dem zweiten Teilstück am Sonntag überstreifte. Dabei war nicht mal alles nach Plan gelaufen. Kurz vor dem Schlussanstieg hatte der Kapitän des UAE-Teams einen Vorderraddefekt, über Funk wurde er aufgefordert, noch eine Kurve zu nehmen. In dieser kam Pogacar zu Fall, sichtlich verärgert über die Order aus dem Mannschaftswagen schnappte er sich das Ersatzrad. Ohne seinen Computer und folglich ohne Wattzahlen und Streckendetails machte er sich an die Aufholjagd und 4,5 Kilometer vor dem Ziel an der Wallfahrtskirche Santuario di Oropa davon. Anfangs konnte seinem Antritt am ersten ernsthaften Anstieg des Giro Ben O’Connor folgen, allerdings nicht lange. „Ich war mutig, wollte Pog hinterher“, sagte der Australier, „ich war wahrscheinlich der dümmste Kerl im Rennen.“

Im Gegensatz zu O’Connor, der durchgereicht wurde, hielt Geraint Thomas, auch er ein Anwärter auf Platz zwei der Giro-Gesamtwertung, den Abstand zu Pogacar in Grenzen – weil er sein eigenes Tempo anschlug. „Ich hatte gehofft, mit ihm mithalten zu können, aber wenn ich es getan hätte, wäre ich explodiert“, sagte der Tour-Sieger von 2018, „Tadej ist halt Tadej.“

Die Strecke ist wie gemacht für den Slowenen

Klar, noch ist es viel zu früh, um zu resignieren. Stürze, Defekte, Krankheiten, Hungeräste – im Radsport ist ein Missgeschick schnell passiert. Doch jeder weiß: Läuft alles normal, wird der Gesamtsieger am Ende des Rennens in Rom Tadej Pogacar heißen. Denn die Strecke ist wie für ihn geschaffen.

Die sechste Etappe in der Toskana enthält zwölf Kilometer Schotterpiste, die der Überflieger liebt. Am siebten Tag gibt es ein 38,5 Kilometer langes Zeitfahren, am Ende der ersten Woche eine Bergetappe, die nicht zu schwer ist und sich erneut zum Attackieren eignet. Dort, orakelt Voigt, werde man Pogacar „zum letzten Mal im vollen Angriffsmodus sehen. Danach dürfte er mit rund zwei Minuten Vorsprung führen. Ab dann wird er den Fuß vom Gas nehmen und Kräfte sparen.“ Für sein ganz großes Ziel.

Die Tour de France hat der Slowene bereits zweimal gewonnen (2020, 2021), den Anspruch an sich selbst damit aber noch nicht erfüllt. „Ich will“, sagte er der „L’Equipe“, „der Beste in der Geschichte sein.“ Weshalb er in diesem Jahr das Double anpeilt: Erst den Gewinn des Giro, dann den Triumph bei der Tour.

Tadej Pogacar: „Ich fühle mich bereit für das Double“

Das ist ein ziemlich waghalsiges Unterfangen, an dem schon einige Stars gescheitert sind. Erst sieben Fahrern ist dieser Coup gelungen: Eddy Merckx gleich dreimal (1970, 1972, 1974), zuvor Fausto Coppi (1949, 1952) und Jacques Anquetil (1964), danach Bernard Hinault (1982, 1985), Stephen Roche (1987) und Miguel Indurain (1992, 1993). Das bislang letzte Double liegt schon 26 Jahre zurück, 1998 gewann Marco Pantani in den Hochzeiten des Epo-Dopings beide Rundfahrten. „Ich bin zu jung, um mich persönlich an Pantani erinnern zu können“, sagt Pogacar (25), „doch es wäre ein Traum, es ihm gleichzutun.“

Sehr wahrscheinlich ist, dass dies beim Giro ohne Probleme klappen wird. Beobachter sprechen schon davon, die drei Wochen in Italien seien das perfekte Trainingslager. Die Tour verlor Pogacar jedoch zuletzt zweimal nacheinander gegen Jonas Vingegaard, der allerdings vor einem Monat bei der Baskenland-Rundfahrt schwer stürzte. Niemand weiß, ob der Däne bis zum Tour-Start am 29. Juni in Florenz wieder in Form kommen kann. Sollte Vingegaard nicht fit genug sein, wäre Pogacar wie nun beim Giro der große Favorit. Der Slowene hätte aber auch nichts gegen ein weiteres episches Duell mit seinem Dauerrivalen einzuwenden: „Ich fühle mich bereit für das Double.“ Aller Unberechenbarkeit des Radsports zum Trotz.

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