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Dominikanische Republik Auszeit in Puerto Plata

Von Wolfgang Molitor aus Puerto Plata 

Vor allem All-inclusive-Touristen schätzen die Dominikanische Republik. Doch der Karibik-Staat hat mehr zu bieten als Sonne, Sand und Cocktails.

Puerto Plata - Hubert freut sich. Drei Wochen Urlaub in der Dominikanischen Republik. Traumwetter, Traumstrände. Hubert kommt zum dritten Mal. Die letzten beiden Jahre war er in Punta Cana, dem wichtigsten Feriengebiet der Karibik-Insel. 60 Kilometer Kokosnussküste, pulverfeiner Sandstrand, ein 30 Kilometer langes Korallenriff, gepflegte All-inclusive-Anlagen. Flughafen vor der Tür, dazu Wasserski und Golf. Doch Hubert ist bescheiden. „Morgens am Strand nach rechts, nach dem Mittagessen nach links“ - der 69-Jährige hat konkrete Vorstellungen. Diesmal traut er sich was. Statt nach Punta Cana geht’s nach Bayahibe.

Hubert ist gespannt. Ein Fischerdorf sei das. Das hat er im Prospekt gelesen. Hubert lässt sich überraschen. Spanisch versteht er nicht, lernen will er es nicht mehr, und die Sonne scheint über dem Hotelstrand so heiß wie außerhalb der Anlage. Warum die Insel erkunden, mal ganz abgesehen von dem Essen? Fragt Hubert. Er ahnt nicht, was er alles verpasst. Wie viele der 183 887 deutschen Touris (von insgesamt knapp vier Millionen) im vorletzten Jahr. 2013 dürften es über 20 Prozent mehr gewesen sein. Es muss ja nicht gleich ein Aufenthalt in Casa de Campo sein, wo der Normalsterbliche es schwerhat, Einlass zu finden.

Die Hacienda gibts für 20 Millionen Dollar

2000 Luxusvillen stehen auf dem 2800 Hektar großen Gelände, das 1974 für den Zucker-Giganten Gulf&Western entworfen wurde. Ein Stall für 300 Pferde, ein Polo- und Rodeoplatz, Yachthafen, 14 Tennisanlagen, 60 Schießstände, ein Golfwagen pro Hotelzimmer und, und, und. Zurzeit sucht die Hacienda auf Punta Minitas II einen Besitzer: sechs Schlafzimmer, 1450 Quadratmeter Wohnfläche, Swimmingpools, ein paar Gästebungalows. Das Ganze für 20 Millionen Dollar. Madonna und amerikanische Ex-Präsidenten machen hier Ferien. Nichts für Hubert. Wie wär’s da mit einem Abstecher ins nahe Altos de Chavon?

Oberhalb des Rio Chavon erfreut das Dörfchen mit gelungenen Nachbauten eines toskanischen Marktfleckens aus dem 16. Jahrhundert. Steinquader und Ziegel, Kopfsteinpflaster, ein Amphitheater - Charles Bludhorn, der Gulf&Western-Zuckerpräsident, hatte die Mediterran-Imitation, eine Mischung von Kitsch und Kunst, 1976 in Auftrag gegeben. Als Geburtstagsgeschenk für seine Tochter. Oder doch gleich nach La Romana, nur sieben Kilometer weiter? Dorthin, wo das echte Leben einer jahrhundertealten Arbeiterstadt zu sehen ist, wo Frauen in kleinen Geschäften und an zusammengenagelten Holzständen Obst, Hühner, Gemüse oder Lose verkaufen. Und Flaschen mit trockenen Wurzel- und Rindenstückchen - für „Mama Juana“, das Nationalgetränk.

Zweimal muss die Flasche mit Gin gefüllt werden und jeweils eine Woche ziehen; in Woche drei werden die Gin-durchtränkten Stückchen (der Gin wird abgegossen) in der Flasche mit zwei Vierteln Rum, einem Viertel Honig und einem Viertel Rotwein gefüllt. Wenn der Blick wieder klar geworden ist, sieht man die Armutsflüchtlinge aus Haiti, die auf dem Supermarkt-Parkplatz Avocados verkaufen. Oder den alten Schwarzhändler, der eine Zigarrenkiste unter der Jacke hervorzieht. Das würde Hubert doch sehr irritieren. Juan Santana rollt Coaba-Zigarren. 300 Stück am Tag. Fünf verschiedene Tabaksorten pro Zigarre. „Die teuersten bleiben fünf Jahre in der Reifekammer“, sagt Ritzy Bargas, die Verkäuferin. Seit fünf Jahren sitzt der 45-Jährige im Geschäft an der Plaza Colon, dem stolzen Platz von Santo Domingo.

Zwischen Juans weißen Zähnen qualmt eine Lancero

Am 5. Dezember 1492 war die Insel von Christoph Kolumbus entdeckt worden. 1506 machte sie Sohn Diego zur ersten Hauptstadt der westlichen Welt. Zwischen Juans weißen Zähnen qualmt eine Lancero. Er hat sie alle im Blick, wenn er durchs Fenster schaut: Touristen vor der Kirche Santa Maria la Menor, die 1546 von Papst Paul III. zur „ersten Erzbischöflichen Kathedrale der Neuen Welt“ geweiht wurde. Leute, die von der Festung Ozama vorbei an exerzierenden Tourismus-Polizisten über die schattige Einkaufsstraße El Conde schlendern, den Weg über die Calle Las Damas vorbei am Pantheon und dem Museum de las Casas Reales zur Plaza Espana finden, wo der Palast von Diego Colon steht und im Hafen die Fähre nach Puerto Rico anlegt.

Er beobachtet die, die in der Hitze der Nacht vorm Kolumbus-Denkmal ihre Arbeit machen. Augusto, den Schuhputzer. Und jene, die vorm Hard-Rock-Café unter Pappelfeigen versuchen, ins Gespräch zu kommen. Wie Manuel, der Stricher. Eine Tagestour aus dem Südosten über die gut ausgebaute Autobahn El Coral nach Santo Domingo, zu den Höhlenseen im Parque de los tres Ojos und zum Papamobil von Papst Johannes Paul vor dem gigantischen Kolumbus-Leuchtturm - wer weiß, ob Hubert nicht doch für einen Tag hinter den Hotelzäunen von Bayahibe hervorgelockt werden könnte, auch wenn nur acht Prozent der Touristen einen Abstecher in die Hauptstadt machen.

Dabei lohnt der Besuch nicht nur am 28. Februar, wenn auf der Uferstraße, dem Malecon, der Karnevalsumzug mit typischen Maskeraden aus allen Narrenhochburgen des Landes, Tänzern und Kapellen stattfindet. Viktor gibt Gas. Mehr als acht Stunden Autofahrt von der Hauptstadt entfernt. In Puerto Plata, im Norden, begann an der traumhaften Bernsteinküste der dominikanische Massentourismus Anfang der 1980er - mit ein paar All-inclusive-Resorts an der Costa Dorada. Längst ist Punta Cana im Südosten vorbeigezogen, trotz des sandigen Skite-Paradieses Cabarete und des sündigen Sosua.

Täglich 25.000 Flaschen Brugal-Rum

Auch wenn Davidoff hier seine feinen Zigarren produziert (die Dominikanische Republik führt im Jahr 80 Prozent des weltweiten Gesamtexports aus, weit mehr als Kuba) und der formidable Brugal-Rum täglich in 25 000 Flaschen abgefüllt wird (nur zehn Prozent gehen in den Export). Das geht einem durch den Kopf, wenn man sich hinter Viktor auf einer Honda 90 an den Sitz klammert. Auf seinem gelben Leibchen die Nummer MO 80. Viktor ist Motoconcho-Chauffeur, trägt einen Helm und schneidet die Kurven so souverän wie den Bussen die Vorfahrt, um seinen Sozius durch die Innenstadt zur Teleferico, der Seilbahn zum 800 Meter hohen Hausberg Loma Isabel de Torres, zu bringen.

Am Glorieta Victoriana, dem 1880 errichteten Musikpavillon auf dem Parque Central und an den bunten britischen Kolonialhäusern mit ihren Gingerbread-Verzierungen vorbei. 50 Pesos, rund einen Euro, nimmt er für die paar Kilometer. Muss man erwähnen, dass es für den Fahrgast keinen Kopfschutz gibt? Vor dem Eingang zur Seilbahn verkürzt ein Quartett im Merengue-Zweivierteltakt für ein paar Pesos das Warten. Die vier klopfen an der Marimba, raspeln auf der Guira, ziehen am Akkordeon und schlagen die Tambora, was das Zeug hält - schade, dass die Gondel nicht länger auf sich warten lässt.

Die Dominikanische Republik ist mehr als Sonne und Cocktails, nicht nur koloniales Gestern. Wenn es Mitte Januar die ersten der 200 Buckelwale in die Bucht von Samana für zwei Monate ins salzarme warme Wasser zum Paaren und Kalben zieht, offenbart die Insel ihre Reize als Naturschauplatz: Wandertouren im ewigen Frühling um Jarabacoa zum höchsten Berg der Karibik, dem 3175 Meter hohen Pico Duarte, River-Rafting auf dem Rio Jimenoa, ein Speedboat-Ausflug von Samana zum Nationalpark Los Haitises. Capitano Luis Hidalgo holt aus dem 225-PS-Außenbordmotor die letzten Reserven heraus. „20 Meilen in der Stunde“, sagt der 23-Jährige.

Auf den Kalksteininseln lassen sich Braunpelikane, Fregattvögel, Blaureiher und Wasserhühner in den Baumkronen längst nicht mehr vom Lärm verjagen. Im Höhlensystem Cuevas de Cano Hondo reagieren die Fledermäuse genervter auf die Öko-Besucher, die es zu den in Fels geritzten magischen Zeichnungen zieht, die von den Tainos, den Ureinwohnern, stammen sollen. Entspannt wird später am Traumstrand der Isla Levantado. Oder im türkisfarbenen Wasser unter den Kokospalmen der vier Kilometer langen Playa Rincon. Bacardi-Feeling pur. Hubert fühlt sich rundum wohl. Auch ohne Öko, alte Geschichte und Insel-Trip. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Vielleicht geht’s nächstes Mal zur Abwechslung wieder zurück nach Punta Cana, sagt Hubert und freut sich. „Weil es da ein richtig gutes Schweineschnitzel gibt.“

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