„Don Karlos“ im Staatstheater Schiller und der Fatalismusclown

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Hasko Weber inszeniert Schillers „Don Karlos“ im neu eröffneten Staatstheater. Richtig überzeugen kann die Inszenierung aber nicht.

Königin vor Straßenkämpfer: Lisa Bitter als domestizierte Elisabeth. Foto: dpa
Königin vor Straßenkämpfer: Lisa Bitter als domestizierte Elisabeth. Foto: dpa

Stuttgart - Christian Wulff tritt jetzt auch bei Schiller zurück. Der Bundespräsident nimmt seine letzte Amtshandlung, logisch, im letzten Akt von „Don Karlos“ vor: Karlos, der Prinz, ist in Gefahr, weil sich sein Vater, König Philipp, aus Eifersucht an ihm rächen will. Also zieht Marquis von Posa seinen Prinzenfreund mit kaltem Kalkül aus dem Verkehr und bringt ihn hinter Gitter, weshalb er jetzt nicht nur im Madrider Luxusgefängnis, sondern dort auch vorm laufenden Fernseher hockt. Und was sieht Karlos? Eben. Lieber wäre dem Knacki zwar, wenn statt des deutschen Präsidenten der spanische Monarch seinen Palast räumen würde, aber: Rücktritt ist Rücktritt, immerhin. Leise, sehr leise wehen nun die Worte aus Schloss Bellevue in den Zuschauerraum, man hört und ahnt die juristisch und diplomatisch zu Tode gequälte Plastiksprache von Wulff und schätzt nach diesem Sekundenschock doch wieder sehr die Verse von Schiller. Sie haben Kraft, Feuer, Leidenschaft und – Inhalt.

Um den Inhalt des „Don Karlos“, des ganzen Schauspiels mit seinen labyrinthischen Handlungsläufen und philosophischen Gedankengängen, unversehrt und unverstümmelt – darum scheint es Hasko Weber in seiner Inszenierung zu gehen. Er gibt Schiller, was des Schillers ist. Über fünf Akte hinweg bezeugt er ihm seine unbedingte Hochachtung, so dass man glauben könnte, es handle sich bei dieser – trotz neckischer Wulfferei – werknahen Aufführung um eine Liebesgabe an das Publikum: Seht her, ihr Schwaben! Euer Hausheilige hat die Ehre, das neue Theater zu eröffnen, ist das nicht toll? Ja, einen solchen Dank könnte man hinter der braven Regie des Intendanten vermuten, wüsste man es nicht besser. „Don Karlos“ ist nur zufällig wegen des verschobenen Eröffnungstermins zur Eröffnungsinszenierung aufgestiegen. Aber diesen Rang nimmt er jetzt ein. Und diesem Rang und den Qualitäten, die man sich davon erhofft, wird die Inszenierung nicht gerecht.

Schiller ist ein harter Brocken

Zugegeben, Schillers 1787 uraufgeführtes Drama ist ein harter Brocken, es zu inszenieren harte Arbeit. Eine familiäre Tragödie verschränkt sich mit einem politischen Konflikt, beides schier unauflösbar ineinandergemengt in Herz und Kopf des 23-jährigen Karlos. Er liebt seine Stiefmutter, Königin Elisabeth, „ohne Hoffnung, lasterhaft mit Todesangst“. Sein Freund Marquis Posa verspricht Hilfe und arrangiert ein Treffen mit der Königin, fordert im Gegenzug aber auch seinerseits Hilfe von Karlos. Der Prinz, so Posa, möge den Aufstand der niederländischen Provinzen gegen die spanische Fremdherrschaft anführen – und damit auch den Kampf gegen die Despotie seines eigenen Vaters. Schiller wirft nun eine ausgeklügelte Intrigenmaschine an, um das Politische dem Privaten, das Private dem Politischen unterzurühren – und wie nebenbei lässt er, zwei Jahre vor Ausbruch der französischen Revolution, auch noch philosophische Fragen dialogisch erörtern: Was ist Freiheit? Wie kann der Mensch sie erlangen? Und die Menschheit sie verwirken?

Wer diesen „Don Karlos“ heute inszenieren will, ist gut beraten, die Handlungs- und Ideenfülle zu bändigen. Andernfalls überfordert er nicht nur sein Publikum, sondern auch sich selbst. So wie eben jetzt Hasko Weber: da er die ungeheure Stoffmasse ja kaum gewichtet und bewertet, stehen auf der Bühne alle Stoffteile gleich gültig nebeneinander und erwecken nolens volens auch den Eindruck einer großen, umfassenden Gleichgültigkeit, gerade so, als hätte die Regie vor dem herandonnernden Schiller-Tsunami kapituliert. Okay, es ist keine Kapitulation auf ganzer Linie, denn ein paar Zeichen des Widerstands, ein paar das Schauspiel strukturierende Regieeinfälle lassen sich zum Glück dann doch noch blicken. Sie tun es unübersehbar im Bühnenbild.

Nicht die niederländischen Provinzen, nicht Flandern und Brüssel sind hier im Aufruhr, sondern Ägypten und Kairo. Thilo Reuther infiziert den Königs­palast mit dem arabischen Frühling. Volksrevolutionäre Szenen vom Tahrir-Platz spannt er als deckenhohe Wandprospekte auf, mal ausgeblichen wie ein Gobelin, mal konturiert wie eine Fototapete, mal wie ein von Goya gemaltes Filmplakat. Rechts und links flankiert von Kalaschnikows, bildet die Arabellion den Hintergrund für die ­Kabalen. Und durch diese verwickelte Intrigenwelt fährt eine Figur, die auf ihrem Rollstuhl nun ­tatsächlich auch mehr als nur äußerlichen Schauwert für sich verbuchen kann: der verkrüppelte, allen Zeiten enthobene Großinquisitor des Lutz Salzmann, der klassisch clownesk geschminkt und kostümiert ist, ein Notebook auf seinem verdorrten Schoß liegen hat und daraus Heiner Müller liest. Revolutionen scheitern an ihrem Größenwahn – das ist, sinngemäß, der finstere Kommentar, den Müllers Fatalismusclown, wenn er gespenstisch herbeirollt, zu Schillers Freiheitsenthusiasmus abgibt.

Webers Schiller verpufft

Hätte Weber doch mehr von diesen starken, sinnfällig argumentierenden Einfällen! Hat er aber nicht: der Großinquisitor, der mit seiner zerfließenden Schminke an den Joker des Heath Ledger erinnert, dieser katholische Strippenzieher, der das Komische grotesk ins hässlich Böse pervertiert, findet in der stumpfen Aufführung niemanden, der es mit seiner Schlagkraft aufnehmen könnte. Noch am ehesten dazu befähigt wären: der Don Carlos des Jan Krauter, der von seinen erotisch-politischen Leidenschaften fein- und grobmotorisch durchgerüttelt wird; der Marquis von Posa des Marco Albrecht, der unter seinem hippen Hut alle Gedanken und Gefühle unter Kontrolle hat; sowie die Elisabeth der Lisa Bitter, die sich – nervös die Hände reibend, manisch den Arm kratzend – in ihrer Haut sichtlich nicht wohlfühlt. Aber selbst dieses Trio liefert nicht, was „Don Karlos“ als Sprachkunstwerk unbedingt erfordert. Es macht die Sätze des jambisch kühn aufragenden Versmassivs nicht wirklich transparent – und nur weit von Ferne ahnt man, wie die steilen Gedankengipfel des Dramas eigentlich in unendlicher Schönheit glimmen, leuchten, glühen müssten!

Dass sich dieses Wunder bei Schiller ereignen kann, hat vor einem Jahr die junge Regisseurin Jette Steckel gezeigt. Im Hamburger Thalia-Theater machte sie aus „Don Karlos“ das Stück der Stunde – mit einem famosen Ensemble und einem herausragenden Jens Harzer, der seinen Posa geschmeidig wie ein Computervirus in das spanische Machtsystem einloggte. Mit tollen Spielern setzte Jeckel tolle Ideen um. Davon kann man in Stuttgart bei Weber jetzt nur träumen. Sein Schiller verpufft, auch wegen mangelnder Sprechkultur, glanzlos im neuen, schön glänzenden Haus.

Vorstellungen 20., 26. und 28. Februar sowie 9. ,10. und 24. März.