Donald Trump macht „1984“ wieder spannend George Orwells Schrecken im Weißen Haus

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Der bekennende Nichtleser Donald Trump bewegt den Buchmarkt in den USA. Romane aus vergangenen Tagen landen plötzlich wieder auf den Bestsellerlisten, weil Leser sich Aufschluss über die neue Politik erhoffen – von George Orwells „1984“ etwa.

Donald Trump macht ein Wahlversprechen, setzt das Gegenteil um und preist sich als Mann, der Wort hält: „1984“ lässt grüßen. Foto: AP
Donald Trump macht ein Wahlversprechen, setzt das Gegenteil um und preist sich als Mann, der Wort hält: „1984“ lässt grüßen. Foto: AP

Stuttgart - Der neue US-Präsident Donald Trump gibt der Welt Rätsel auf. Nicht, weil er ein besonders komplizierter Charakter wäre, sondern weil er ein so erschreckend einfacher Typ ist, ein verzogenes Kind auf dem Sessel eines mächtigen Mannes. Was gerade gut war, kann gleich darauf schlecht sein, ein Freund ein Feind, das Böse, das Gute. Aus launisch-opportunistischer Schlichtheit entsteht so wabernde Instabilität und allumfassende Ungewissheit.

Nur eines schien bisher gewiss: Donald Trump werde eine Katastrophe für die Kulturszene, will er doch jede Förderung streichen. Doch eine der ersten konkreten Auswirkungen seiner Herrschaft ist eine Gewichteverschiebung auf dem Buchmarkt. Kaum hatte Trumps Beraterin Kellyanne Conway den Schlüsselbegriff der „alternativen Fakten“ für ihre konsequent auf Lügen aufbauende Politik erschaffen, war beim Versandriesen Amazon und in vielen Buchhandlungen quer durch die USA kein Papierexemplar von George Orwells 1949 erstmals erschienenem Roman „1984“ mehr zu bekommen. Eilig wird es nun nachgedruckt und pendelt auf den Spitzenplätzen der Verkaufscharts hin und her.

Etwas Unerwartetes passiert

Im Moment des Schreibens dieses Artikels steht es auf dem dritten Platz, den ersten nimmt Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“ ein, auch das keine Neuerscheinung, sondern zweiunddreißig Jahre alt. Atwood erzählt hier von einer Zukunftsgesellschaft, in der religiöse Fundamentalisten aus den USA eine Diktatur gemacht und eine demütigende Ungleichstellung der Frauen durchgesetzt haben. Aus sehr viel tieferer Versunkenheit noch ist Sinclair Lewis’ „It Can’t Happen Here – Das ist bei uns nicht möglich“ von 1935 zurück ans Licht gestiegen (Platz 22 der Amazon-Buchcharts): die Geschichte eines Populisten, der mittels freier Wahlen in den USA an die Macht kommt, aber dann nach dem Vorbild des deutschen Faschismus die Demokratie im Nu entkernt und eine Diktatur errichtet.

Etwas Unerwartetes passiert da. Menschen wenden sich literarischen Fiktionen zu, weil sie von ihnen habhafte Aufschlüsse über ihre Lebensrealität erwarten. Und das mitten in einer Epoche, in der auch Vielleser meinen, zumindest jene Literatur, die man mit dem immer ein wenig nach Pudelfrisurenwettbewerb klingenden Ausdruck „schöngeistig“ belegt, sei gesellschaftlich bedeutungslos geworden.

Überwachung ist nicht eimmal das Schlimmste

Dass da etwas Komplexes und Frisches geschieht, lässt sich am besten am Beispiel von „1984“ zeigen. Diese aus Wut und Entsetzen über das Verkommen linker Freiheitsutopien zum stalinistischen Unterdrückungsapparat geborene Vision lieferte dem kollektiven Bewusstsein den Kurzbegriff für den totalen Überwachungsstaat. Die neue Hinwendung zu dem Roman aber reißt diese Verhüllung der Hauptaussage durch einen Randaspekt entschlossen weg.

Nur fünfzehn Prozent der mangelsozialistischen Zukunftsgesellschaft, nämlich die Parteimitglieder, werden bei Orwell penibel überwacht. Bei jenen fünfundachtzig Prozent der Bevölkerung, die man für die Fabriken und für die Schlachtfelder des Dauerkriegs braucht, ist die Dauerüberwachung unnötig. Ihr politisches Desinteresse, ihre Zufriedenheit mit den gebotenen Ablenkungen durch Trashkultur, Sport und die Chance auf Lotterieglück machen weitere Gängeleien überflüssig.

Weg mit der Wirklichkeit

Was aber von oben bis unten durchgreift in dieser Gesellschaft, das sind die neue Sprache und das neue Denken, will heißen die Auflösung der verbindlichen Fakten und nachprüfbaren Wirklichkeit. In der Gesellschaft von 1984 können sich Aussagen, Wertungen, Sachverhaltsdarstellungen jederzeit ändern. Und die Erinnerung daran, dass es gerade noch anders war, muss ebenso wie die Vorahnung, dass es morgen erneut anders sein könnte, sofort unterdrückt werden: Das wären Gedankenverbrechen. Doppeldenk (im Original: Doublethink) und Neusprech (Newspeak) heißen die Techniken der Wirklichkeitsbeseitigung. Das immer weiter reduzierte Neusprech soll die Denkfähigkeit so einschränken, dass Widersprüche nicht mehr wahrgenommen werden. Doppeldenk ist auch das, wozu Trump seine Wähler auffordert, denen er das Vorgehen gegen die Finanzeliten versprochen hat, nur um dann Hochfinanzzocker ins Kabinett zu holen.

Über Trumps kümmerlichen Wortschatz, seine zurückgebliebene Grammatik, sein jämmerliches Phraseninstrumentarium hat man sich oft lustig gemacht. Aber was persönliches Entwicklungsdefizit sein mag, entpuppt sich im Licht von „1984“ auch als Zentralelement des angestrebten Radikalumbaus der Gesellschaft druch Trumps Mannschaft.

Die Hoffnung der Naiven

Trump lebt eine Sprache vor, in der viele Debatten gar nicht erst geführt, manche Probleme nicht einmal umrissen werden können. Eine Sprache, in der Handlungsvorgaben immer nur brutal schlicht oder unkontrollierbar uneindeutig sein können.

In George Orwells „1984“ ist das reduzierte Neusprech längst eine mittels der Todesstrafe durchgesetzte Vorgabe von oben. Aber man ahnt, dass es einmal eine Stufe dieser Diktatur gegeben haben könnte, auf der Naive und weniger Gebildete sich geborgen und aufgehoben fühlten in einer einfacheren Politikersprache. Donald Trump versucht, seinen Wählern so ein Angebot der aufs Volksbedürfnis heruntergebrochenen Politikersprache zu machen. Und ein achtundsechzig Jahre altes Buch ist angetreten, um ihn zu entlarven.




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