Es sind nur die Vorwahlen im kleinen US-Staat Iowa. Und doch muss sich die Welt wohl darauf einstellen, dass Donald Trump Kandidat der Republikaner für die Präsidentschaftswahl wird. Trump hat schon einmal gezeigt, dass er eine solche Wahl gewinnen kann. Machen die Amerikaner ihn noch einmal zum mächtigsten Mann der Welt? Das könnte die Zukunft der Nato infrage stellen und den Kriegsverbrecher Wladimir Putin entscheidend stärken. Das ist das große, bedrohliche Bild. Deutschland und die Europäer müssen dafür einen Plan haben, wie Unions-Fraktionschef Friedrich Merz gerade mit Recht gesagt hat.
Ein Stich ins Herz
Ein Wahlsieg Trumps würde vielen in Deutschland das Herz erschüttern, die mal in den USA als Austauschschüler waren. Die das Land lieben und nicht fassen können, was daraus geworden ist. Gleichzeitig könnte sich in das Erschrecken etwas von dem überheblichen Spott mischen, mit dem viele Deutsche auf die USA schauen. Wie können nur so viele Amerikaner auf einen solchen populistischen, sexistischen und aggressiven Hochstapler reinfallen?
Doch Achtung! Hochmut könnte vor dem Zerfall des eigenen Systems stehen. In Deutschland gibt es zwar (noch) keinen Trump. Aber die Art, wie mit der AfD eine in großen Teilen rechtsextreme, die Demokratie verachtende Partei wachsenden Erfolg hat, ist besorgniserregend. Und: Schon jetzt werden Kommunalpolitiker – also Menschen, die sich vor Ort engagieren – von Hass und Gewalt bedroht. Deutschland ist noch ein ganzes Stück von der extremen Form einer gesellschaftlichen Spaltung entfernt, wie es sie in den USA gibt. Doch es gibt Warnsignale, dass etwas zu kippen droht. Hier müssen die Vertreter der demokratischen Parteien und die Zivilgesellschaft gemeinsam gegensteuern. Mit Courage – aber auch mit einem klugen politischen Plan.
Die Wut der Arbeiter
Als Trump zum ersten Mal Präsident wurde, lag dies vor allem daran, dass die Demokraten die Enttäuschung der Arbeiter unterschätzt und ihnen kein echtes Angebot gemacht hatten. Der aussortierte Fabrikarbeiter und die unterbezahlte Kassiererin hatten nichts mehr zu verlieren. Sie sagten sich: Dann probieren wir es einfach mit Trump.
In Deutschland gibt es eine stärkere Tradition, Menschen in der Not zu unterstützen. Dennoch gibt es nach vielen Krisen den verständlichen Wunsch nach einer Pause von Veränderungen. Genau die sind – wenn es um den Umbau der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität geht – aber dringend nötig. Sicherheitsangebote wie der höhere Mindestlohn waren wichtig. Jetzt geht es darum, den Menschen die Notwendigkeit von Veränderung empathisch zu vermitteln. Kanzler Olaf Scholz tut sich da leider schwer. Unabhängig davon ist es eine Aufgabe für die komplette demokratische Klasse, einschließlich der Ministerpräsidenten.
Es braucht Beziehungsarbeit
Die Gemeinsamkeit der Demokraten in Deutschland braucht es auch, um zu verhindern, dass kulturelle Themen den politischen Diskurs vergiften. Keiner muss sich übers Gendern streiten, wenn Politiker gemeinsam klarmachen, dass alle sprechen dürfen, wie sie möchten – und wenn alle den jeweils anderen zugestehen, dass sie legitime Gründe für ihre Entscheidung haben.
Fehlt es an der Bereitschaft zum gegenseitigen Verständnis, besteht die Gefahr, dass unsere Gesellschaft derjenigen in den USA in einem immer ähnlicher wird: Menschen, die unterschiedlich denken und leben, sprechen oft nicht mehr miteinander. Was wissen Großstädter vom Leben im Dorf? Gelingt es wenigstens dem Fußballverein, alle Schichten zusammenzubringen? Es braucht Beziehungsarbeit, damit das Land nicht auseinanderdriftet. Da sind alle gefordert. Nicht nur die Politik.