Donzdorfer Fahrlehrer übt Kritik Fahrschüler stehen im Stau

Der Donzdorfer Fahrlehrer Bernd Klaus muss seine Führerscheinanwärter um Geduld bitten, weil Prüfer fehlen. Foto: Staufenpress

Fahrschüler und Fahrlehrer müssen viel Geduld aufbringen: Ein großer Mangel an Fahrprüfern führt zu Verzögerungen bei der praktischen Führerscheinprüfung. Die Pandemie trägt nur einen Teil der Schuld.

Donzdorf - Staus sind für Autofahrer ein Ärgernis. Doch gewöhnlich fängt diese Form der Geduldsprobe erst an, wenn man den Führerschein besitzt und sich in den Kreis der Millionen deutscher Kraftfahrer einreihen darf. Die angehenden Autofahrer dieser Tage bekommen einen Lehrgang zu Stauresistenz jedoch unfreiwillig schon im Rahmen der Fahrschule. Und dabei handelt es sich auch nicht um Zusatzstunden, sondern um Wochen.

 

Es ist kein Spaß für Bernd Klaus von der „Fun“-Fahrschule in Donzdorf und seine Kollegen, wie lange Fahrlehrer und Fahrschüler derzeit auf den Termin zur praktischen Führerscheinprüfung warten müssen. Grund ist der Mangel an Prüfern. Die Prüflinge stehen im Stau wie sonst nur Pkw vor Holledau. „Wir haben ohne Ende Nachfrage“, berichtet Bernd Klaus. Dennoch müsse er seinen Betrieb zurückfahren, da die Wartezeit für Prüfungen sehr lange sei. Zwei Motorradschüler hätten aus diesem Grunde bereits ihre Ausbildung abgebrochen.

Frust auf allen Seiten

Viele Fahrschüler warten sehnlichst auf den Führerschein. Das schafft Frust auf allen Seiten. Doch die Fahrschulen können nichts dafür, betont Bernd Klaus. Laufende Aufträge im dreistelligen Bereich hat der Fahrlehrer, der seit 25 Jahren im Geschäft ist. Trotzdem muss er seinen Betrieb mit sechs Fahrlehrern, einem Azubi und „Arbeit ohne Ende“ drosseln. 25 Prüflinge könnte er auf einmal vorstellen. Er habe fast 100 Fahrschüler ohne Fahrstunde, um diesen keine unnötigen Stunden zu verursachen, darunter auch etliche Feuerwehrangehörige, die den Lkw-Schein bräuchten.

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Das Landes-Verkehrsministerium bestätigt: Coronabedingte Schließungen hätten zum Ausfall zahlreicher Fahrerlaubnisprüfungen geführt, und „auch die geltenden Hygienevorschriften für die Fahrschulen und Fahrerlaubnisprüfungen“ hätten einen „Stau an prüfungsreifen Bewerbern“ zur Folge. Somit gebe es eine große Zahl von Fahrschülern, die nun zur Prüfung anstehen.

Corona ist nicht allein schuld

Corona habe die Situation nur verschärft, sagt dagegen Bernd Klaus. Das Problem habe in schwächerer Form schon vorher bestanden. Habe das für eine Fahrschule zur Verfügung stehende Kontingent früher einen halben oder gar ganzen Tag umfasst, reiche es derzeit nur für drei Fahrschüler. Einen Grund sieht er im planwirtschaftlichen System. Die Fahrlehrer würden es begrüßen, wenn es neben dem Monopolisten des Tüv eine weitere Prüforganisation gebe und Fahrschulen nicht länger Bittsteller wären. „Man hat es kommen sehen“, bestätigt ein weiterer Fahrlehrer aus dem Kreis, der nicht genannt werden möchte. Er befürchtet, dass Prüflinge seine Aussagen möglicherweise mit gescheiterten Prüfungen bezahlen könnten. Es sei „verpennt worden“, Personal einzustellen, auch wenn sich nun etwas bewege, beispielsweise durch Samstagsprüfungen und Umschulungen vereinzelter Fahrlehrer.

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Den Fahrprüfer an sich gebe es eigentlich gar nicht, erklärt Vincenzo Luca vom Tüv Süd. Es handle sich um Sachverständige, die ein Ingenieurstudium mit Zusatzausbildung absolviert hätten. „Sie sind daher nicht einfach auf dem Markt zu akquirieren“, betont der Tüv-Sprecher. Eine andere Möglichkeit erlaube der Gesetzgeber nicht. Auch Luca verweist auf Corona und darauf, dass es sich um ein bundesweites Phänomen handle. Überall herrsche diese Knappheit an Prüfern. Zugleich weist er auf die Anstrengungen hin, die unternommen würden: „Wir nehmen Kollegen aus dem Schichtbetrieb raus, um Prüfungen zu machen.“ Statt bei der Fahrzeugprüfung würden Sachverständige nun auch bei Prüfungen eingesetzt. Dies gelinge ganz gut, weitere Prüfungstermine könnten angeboten werden, unter anderem auch samstags. Wo immer vertretbar, werde alles möglich gemacht, betont Luca. Beispielsweise werde auch über Kreisgrenzen hinweg ausgeholfen, da sich die Situation teilweise unterscheide.

Verkehrsministerium bemüht sich um zusätzliche Kapazitäten

Auch seitens des Verkehrsministeriums bemüht man sich um Abhilfe. Es hat sich mit dem Tüv Süd darauf verständigt, vorübergehend zusätzliches Personal bei den Theorieprüfungen einzusetzen. Durch diese Maßnahme würden zusätzliche Kapazitäten für die praktischen Prüfungen geschaffen. Das Ministerium habe die Ausnahmegenehmigung dafür erteilt, dass Prüfer nicht mehr jede theoretische Fahrerlaubnisprüfung abnehmen müssen, damit mehr Zeit zur Abnahme von praktischen Prüfungen entsteht, teilt Stuttgart mit.

Nicht nur der Tüv steht in der Kritik, auch gegenüber dem Landratsamt wird seitens der Fahrlehrer der Vorwurf erhoben, Führerscheinanträge dauerten doppelt so lange wie üblich. Der Vermutung, es handle sich um eine Absprache mit dem Tüv, um Druck vom Kessel zu nehmen, widerspricht die Kreisverwaltung.

„Die Bearbeitungsdauer von Führerscheinanträgen hat leider gegenüber den Vorjahren zugenommen“, bestätigt die Pressesprecherin des Landkreises. „Ursächlich sind hierfür längerfristige Personalausfälle sowie aufgrund von Stellenwechseln zeitweise Unterbesetzungen, aber auch die deutliche Zunahme der Antragsverfahren für den Pflichtumtausch von Führerscheinen. Insgesamt muss hier vom Team der Führerscheinstelle ein deutlich höheres Antragsaufkommen bewältigt werden.“ Clarissa Weber betont: „Die Bearbeitungsdauer wird aber keinesfalls aktiv verzögert“.

Bund arbeitet an Änderung der Rechtslage

Rechtslage
 Für die Abnahme der Fahrerlaubnisprüfungen sind die Technischen Prüfstellen verantwortlich. Diese Prüfstelle wird durch die jeweilige Landesregierung beziehungsweise eine von der Landesregierung benannte Behörde beauftragt. Für Baden-Württemberg hat die Tüv Süd Auto Service GmbH diesen Auftrag erhalten. Die aktuellen bundesrechtlichen Vorgaben sehen vor, dass für jedes Bundesland nur eine Technische Prüfstelle errichtet werden darf.

Zukunft
 Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat angekündigt, dass zeitnah eine Reform des Kraftfahrsachverständigengesetzes geplant ist. Es sollen eigenständige Rechtsgrundlagen für die Bereiche der Fahrzeugtechnik und der Fahrerlaubnisprüfung geschaffen werden. Die Zukunft der Prüfung wird Gegenstand der fachlichen Überlegungen sein. Die orientiert sich am Ziel, diese Leistung bestmöglich zu gestalten.

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