Dopingfall Kamila Walijewa bei Olympia 2022 Die Richter haben ein fatales Urteil gefällt
Es ist nicht hinnehmbar, dass für Sportler unter 16 Jahren andere Dopingregeln angewendet werden, kommentiert Sportredakteur Jürgen Kemmner.
Es ist nicht hinnehmbar, dass für Sportler unter 16 Jahren andere Dopingregeln angewendet werden, kommentiert Sportredakteur Jürgen Kemmner.
Peking - Kamila Walijewa darf weiter bei den Olympischen Spielen in Peking mitmischen, obwohl eine positive Dopingprobe von ihr vorliegt. Weil sie erst 15 sei, also laut IOC-Regularien eine „besonders schützenswerte Person“, begründeten die drei Cas-Richter, und weil überdies der Fall verworren und längst nicht abgeschlossen sei, wollten sie der jungen Eiskunstläuferin mögliche Nachteile ersparen und hoben die Suspendierung auf.
Auf den ersten Blick ein salomonisches Urteil, schließlich standen die Sportjuristen wegen des Verschuldens Dritter unter extremem Zeitdruck. Die Russin startet unter Vorbehalt. Wenn sie nach Durchsicht aller Beweise nicht verurteilt werden sollte, bleibt alles, wie es ist – sollte sie unzweifelhaft des Betrugs überführt werden, wird sie nachträglich disqualifiziert. Deshalb wird es auch keine Siegerzeremonie geben, falls der Teenager in die Medaillenränge läuft, was für die anderen zwei Gewinnerinnen eine Zumutung ist. Sie werden um Ehre und Genuss gebracht, auf dem Olympiapodium zu stehen.
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Doch das ist eine Petitesse, denkt man in umfassenderen Dimensionen über das Urteil nach. Dann ist es nicht mehr weise, sondern verhängnisvoll, denn es teilt die Sportwelt in eine Zweiklassengesellschaft ein. In solche, die mindestens 16 Jahre alt sind, und daher bei einem Dopingvergehen härter bestraft werden – und jene, die jünger sind und zunächst mit Samthandschuhen angefasst werden. Dabei macht es der Wada-Code möglich, auch eine 15-Jährige von den Wettkämpfen zu suspendieren. Die Richter haben eine fatale Kann-Entscheidung gefällt.
Im Kampf gegen Doping sind wachsweiche Formulierungen allerdings ein stumpfes Schwert, wenn die Gegenseite einen gut gewappneten Anwalt besitzt. Die Gesetze müssen ohne Graubereich formuliert sein, und es muss als oberster Grundsatz gelten: gleiches Recht für alle. Es kann in einem Wettkampf nicht zweierlei Maßstäbe geben, Alter darf kein Argument für Milde im Kampf gegen Doping sein. Sollte jemand anderer Meinung sein, ist es dringend geboten, das Alterslimit bei internationalen Großveranstaltungen wie Olympia nach oben anzuheben.