Dopingarchiv Weinheim Sprengstoff zwischen Aktendeckeln

Im Dopingarchiv in Weinheim werden brisante Informationen an einem zentralen Ort zugänglich gemacht. Foto: dpa
Im Dopingarchiv in Weinheim werden brisante Informationen an einem zentralen Ort zugänglich gemacht. Foto: dpa

Im Weinheimer Dopingarchiv werden brisante Unterlagen zugänglich gemacht, die zuvor unter Verschluss gehalten wurden.

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Weinheim - Der Rosenbrunnenweg im badischen Weinheim ist eine ruhige Wohngegend, die Erdgeschosswohnung im Haus mit der Nummer acht frisch renoviert. Alles riecht neu, die vielen Büroschränke an der Wand strahlen in unschuldigem Weiß, aber in ihnen lagern Tausende Seiten Dokumente einer tiefschwarzen Vergangenheit. Akten mit brisantem Inhalt, Papiere, in denen Dinge stehen, die noch so manchen einholen könnten, der sich mittlerweile auf der sicheren Seite wähnt. In diesem Frühjahr hat in Weinheim das Dopingarchiv eröffnet, eine in diesem Umfang einmalige Sammlung in Deutschland. "Es ist so, dass heute noch viele Dopingopfer aus der ehemaligen DDR nicht an ihre Akten kommen, und das wollen wir ändern", sagt Klaus Zöllig. Der Sportmediziner ist der Vorsitzende des Vereins Dopingopferhilfe und gleichzeitig der Chef des spendenfinanzierten Archivs.

In Hunderten von Aktenordnern lagern brisante Informationen, die bisher auf mindestens 16 Stellen im ganzen Land verteilt waren. Und Dokumente, die einen heute noch schaudern lassen, wie der vergilbte, handgeschriebene Brief, den die Leipziger Rudertrainerin Johanna Sperling 1962 an ihre Schützlinge geschickt hat: "Ich bitte Euch ganz ernsthaft", steht da, "kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das Eure Leistung angeblich steigert, und wenn es als noch so harmlos, als vollkommen unschädlich oder wunderwirkend Euch gepriesen wird; auch wenn man Euch sagt, dass Ihr dann die einzigen seid, die nichts zu sich nehmen, bitte weist es zurück." Der Brief ist fast 50 Jahre alt und ein Beleg, dass schon in den 60er Jahren in der DDR großflächig gedopt wurde. Johanna Sperling wurde damals in die zweite Reihe abgedrängt, ihre "Sperlinge" hatten plötzlich andere Trainer. 2009 wurde die couragierte Frau mit der Heidi-Krieger-Medaille des Vereins Dopingopferhilfe ausgezeichnet.

Der Brief ist hinter Glas ausgestellt, Johanna Sperling schon lange nicht mehr aktiv. In den Weinheimer Aktenschränken stehen aber auch meterweise Dokumente, die Auskunft geben über die Arbeit von Trainern, die teilweise heute noch hier oder im Ausland arbeiten.

Außer den Dosierungsplänen sind auch umfangreiche Ergebnisse der zentralen Ermittlungsstelle "Regierungs- und Vereinigungskriminalität" archiviert

Ganze Sammlungen von namentlich protokollierten Dopingdosierungsplänen für alle Arten von Leistungssport, speziell aber über Schwimmen, Rudern, Leichtathletik und auch Fußball. Manches davon ist bekannt, viele Dokumente des Grauens schlummern aber noch unentdeckt zwischen grauen Aktendeckeln.

Neben den Dosierungsplänen sind auch umfangreiche Ergebnisse der zentralen Ermittlungsstelle "Regierungs- und Vereinigungskriminalität" (ZERF) archiviert. Dazu kommen Prozessakten, die weit über die DDR hinausgehen. Allein über das Verfahren und die Zeugenaussagen im Fall des Ex-Radprofis Jan Ullrich stehen sechs prall gefüllte Ordner in Weinheim. Und umfangreiches Material über die Operacion Puerto, bei der die spanischen Behörden gegen den Madrider Blutpanscher Eufemiano Fuentes ermittelten. Auch über Doping West gibt es einen ganzen Schrank voller Dokumente.

Viel Brisanz beinhalten auch die Stasi-Akten. "Wir haben hier Tausende von Namen", sagt Zöllig. Viele Berichte, wer wann wo jemanden bespitzelt oder eine Pille gebracht hat, sind noch nicht gesichtet. Es ist aber jetzt schon klar, dass Trainer namentlich als IM genannt werden, die heute noch arbeiten. Die gesamten Weinheimer Akten bergen "einen Schatz für die Wissenschaft", wie Zöllig sagt. Der Mediziner hofft, dass damit die Vergangenheit weiter aufgearbeitet werden kann. Die Unterlagen stammen zu zwei Dritteln aus dem Fundus des Heidelberger Molekularbiologen und Anti-Dopingkämpfers Werner Franke, aber auch von anderen, wie zum Beispiel vom ehemaligen DDR-Langlauftrainer Henner Misersky, der 1985 fristlos gefeuert wurde, weil er sich weigerte, seine eigene Tochter zu dopen. Besuchen kann das Archiv, wer als Athlet, Journalist oder als Wissenschaftler sein Anliegen begründen kann. Lesen darf man dann alles, kopieren auch, und wenn es länger dauert, gibt es auch eine Schlafcouch im Archiv, das wohl noch einigen unruhige Nächte bescheren wird. Nur mitnehmen darf man nichts. Denn so unschuldig es auch aussieht - im Weinheimer Rosenbrunnenweg lagert Sprengstoff.

Kontakt: Das Dopingarchiv erreicht man über die Dopingopfer-Hilfe e.V., Luisenstraße 23, 69469 Weinheim, Tel: 06201/61008.

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