Die apokalyptischen Tänzerin*nen, hier in ihrem Stück „Banana Island“, sind eines von mehr als 50 Ensembles, die von der FTTS vertreten werden. Foto: Theater Rampe/Julia Schäfer
Sich in Ruhe einen Überblick verschaffen? So war der Plan. Doch für das neue Geschäftsführer-Duo der freien Tanz- und Theaterszene geht es gleich zum Start um alles.
Eigentlich hatten sich Tobias Frühauf und Philipp Wolpert, das neue Leitungsduo der freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart (FTTS), den Einstieg in die neue Aufgabe anders vorgestellt. „Wir wollten auf die Künstlerinnen und Künstler mit diesen Fragen zugehen: Wozu braucht es die FTTS? Wofür sollen wir stehen?“, sagt Philipp Wolpert zu den Plänen und erläutert: „Wir wollten alles infrage stellen, um die FTTS möglichst zukunftsfähig aufzustellen.“
Doch nach dem ersten Antrittsbesuch in der Kulturverwaltung sind die beiden neuen Geschäftsführer in Alarmstimmung. „Statt uns selber neu zu denken und darüber mit unseren Mitgliedern in einen Dialog zu treten, müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass die Arbeit unserer Geschäftsstelle und damit auch die FTTS als Interessenvertretung von mehr als 50 freien Ensembles gefährdet ist“, sagt Philipp Wolpert bei einem Gespräch in der Geschäftsstelle in der Kriegsbergstraße stellvertretend für das Führungsduo.
Philipp Wolpert und Tobias Frühauf (von links) Foto: Igor Turin
Dass die Stadt klamm ist und dass alle Referate im neu auszuhandelnden Doppelhaushalt jeden fünften Euro der laufenden Aufwendungen, also 20 Prozent, einsparen sollen, wussten Tobias Frühauf und Philipp Wolpert bereits. Neu war für sie allerdings, dass auch die FTTS auf der Liste der von auslaufenden institutionellen Förderungen betroffenen Einrichtungen steht. Eine erste Version war bereits im Rahmen der Kulturausschusssitzung am 3. Juni in Umlauf gekommen. Schon die war mit mehr als 20 Positionen so einschneidend für freie Kulturschaffende, dass sich auch feste Größen wie Schauspielbühnen und Theaterhaus solidarisch an ihre Seite stellten.
Die FTTS selbst tauchte auf dieser Liste allerdings nicht auf und wurde erst jetzt darüber informiert, dass sie ebenfalls betroffen sein könnte. In Zahlen würde das Auslaufen eines Teils der institutionellen Mittel einen Fehlbetrag von 144.600 Euro in der Kasse der Interessenvertretung bedeuten. Davon finanziert werden Kosten für Personal, für Sachaufwendungen wie Miete, für Aufführungsförderungen für kleinere Initiativen sowie für den Mehraufwand beim Disponieren von Proben- und Aufführungsmöglichkeiten aufgrund der nach wie vor fehlenden eigenen Bühne.
Anforderungen wachsen stetig
„Ein Wegfall dieser Mittel würde die Funktionsfähigkeit der FTTS stark gefährden und wäre deren Ende, zumal die Anforderungen an die FTTS stetig steigen. Daher beantragen wir die Entfristung der laufenden Kosten!“ Mit diesem Appell wandte sich die freie Szene in einem offenen Brief an die kulturpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Gemeinderatsfraktionen, an die Kulturverwaltung sowie an den für die Kultur zuständigen Ersten Bürgermeister Fabian Mayer.
Auslaufende Befristungen betreffen oft junge Initiativen
Abgeschickt wurde er quasi als Nachtrag in eigener Sache nur zwei Tage nach einem ersten offenen Brief. Darin hatte sich die FTTS Anfang August für die betroffenen Ensembles eingesetzt. Denn das Auslaufen der Befristung für einige betreffe alle. Am Ende müssten sich mehr Ensembles die Gelder aus dem ohnehin umkämpften Projektfördertopf teilen, erklärt Philipp Wolpert. Da freie Kulturschaffende oft am Limit navigieren, wäre ein Auslaufen der institutionellen Förderung für viele existenzgefährdend. Vor allem betreffe sie junge Initiativen, die für eine wandelbare, zukunftsoffene Stadtgesellschaft stünden.
In ihrer Existenz gefährdet sieht sich nun auch die FTTS, die nicht nur für ihre Mitglieder eine Vielzahl von Aufgaben von Beratung bis Bereitstellung eines Technikpools stemmt. „Mit der Verwaltung der Aufführungsförderung für das Referat Tanz und Theater übernimmt die FTTS auch Verwaltungsaufgaben der Stadt“, betont deren Sprecherin Rebecca Borowski; ihre Arbeit würde durch mögliche Kürzungen ebenfalls infrage stehen.
Spielplan wie ein festes Haus, aber sehr vielfältig
Dass er die neue Aufgabe nicht auf die Suche nach einer eigenen Spielstätte reduziert sehen will, macht Philipp Wolpert im Gespräch deutlich. Für das neue Leitungsduo liegt der Fokus vielmehr darauf, Konzepte für die Zukunft zu entwickeln. „Das Besondere an Stuttgart ist, dass die freie Szene sich selbstverwaltet organisiert und ein starkes Sprachrohr hat“, sagt er. Und weiter: „Das kann man auch am breiten Angebot sehen. Die FTTS hat einen Spielplan wie ein festes Haus, der die Vielfalt der freien Szene spiegelt.“
Eine eigene Bühne fordert eine starke Interessengemeinschaft
Philipp Wolpert und Tobias Frühauf wollen nun auf die politisch Verantwortlichen zugehen und ihnen klarmachen, dass der Wegfall von Mitteln vor dem Hintergrund der geplanten eigenen Spielstätte für die freie Szene zur Unzeit komme. „Auf dem langen Weg dahin braucht es eine starke, keine geschwächte Interessenvertretung“, sagt Wolpert und zeigt sich zuversichtlich: „Wir haben genug Argumente, damit das eigentlich ankommen müsste.“
Info
FTTS 2018 von Produktionszentrum Tanz und Performance, Freie Theater Stuttgart und der Vereinigung freier darstellender Künstlerinnen und Künstler gegründet, hat die FTTS die Sichtbarkeit der freien Szene stark erhöht. Durch neue Plattformen wie den Interventionen im Wasserspeicher setzt die FTTS selbst Impulse. Der Beschluss des Gemeinderats für eine eigene Spielstätte der freien Szene im Galeria-Kaufhof-Gebäude markiert den erfolgreichen Weg.
Befristung Lange galt, dass eine neue institutionelle Kulturförderung in gleicher Höhe im nächsten Doppelhaushalt übernommen wurde. Dieser Automatismus wurde 2020 mit dem Ziel einer größeren Flexibilität abgeschafft; Förderungen müssen nun aktiv neu beantragt werden. Parallel sollten alle geförderten Einrichtungen neu evaluiert werden, um zukunftsfähige, transparente und gerechte Kriterien zu finden. Für eine solche Auswertung fehlt bislang aber die Finanzierung.
Liste Im Doppelhaushalt 2026/27, den der Gemeinderat am 19. Dezember beschließt, stehen Entscheidungen über 25 auslaufende Befristungen im Kulturbereich an. U.a. für die Ausstellungsgrundvergütung oder das Citizen.Kane.Kollektiv.