Doppelinterview Maria und Susanne Riesch "Den Männern fehlt die Härte"

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Die Skirennfahrerinnen Maria und Susanne Riesch sprechen vor Olympia über ihre erfolgslosen Kollegen, ihre Rivalität und über Kleiderschränke.

Maria Riesch fährt im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester alle Disziplinen. Foto: AP 2 Bilder
Maria Riesch fährt im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester alle Disziplinen. Foto: AP
Stuttgart - Erstmals treten die beiden Schwestern Maria und Susanne Riesch bei Olympia gegeneinander im Slalom an. Wie sie die andere schlagen wollen und wie sie sich privat verstehen, erzählen die beiden im Interview.

Zwei Schwestern treten die Reise zu Olympischen Spielen an. Oft kommt das nicht vor.


Maria Riesch: Ich glaube nicht. Vielleicht war das mal bei den Fanchini-Schwestern so, das müsste man aber mal nachschlagen.

Susanne Riesch: In den anderen Sportarten wissen wir es ja auch nicht so genau.

Die Fanchini-Schwestern waren in Turin am Start, und in Sydney und Peking traten zum Beispiel Serena und Venus Williams im Tennisdoppel an und holten jeweils Gold.


Maria Riesch: Jetzt, wo Sie es sagen, erinnere ich mich.

Die Williams-Schwestern sind sehr unterschiedlich. Jetzt testen wir mal Sie beide: Wer war besser in der Schule?


Susanne Riesch: Die Maria. Ich war faul.

Maria Riesch: Na ja, ich war auch nicht gerade die Fleißigste, aber ich war auf dem Gymnasium und die Susanne auf der Realschule. Also ein wenig besser war ich doch.

Und wer ist ordentlicher?


Maria Riesch: Auch ich.

Jetzt steht es schon 2:0.


Maria Riesch: In diesem Punkt muss man sagen, dass es die Susi eher als negativ empfindet, wenn jemand zu ordentlich ist. Sie sagt immer, sie sei normal, und ich sei überordentlich. Und ich sage das Gegenteil.

Susanne Riesch: Ach, das ist bei mir schon viel besser geworden, früher war es schlimmer, Maria. Da habe ich öfter mal irgendwelche Sachen im Hotel liegen lassen. Aber im Prinzip sieht es in meinem Schrank ganz anders aus als in deinem.

Maria Riesch: Bei dir liegt nicht alles Ecke auf Ecke. Und es befindet sich nicht alles im Schrank. Da hängt immer noch ein ganzer Haufen über der Stuhllehne.

Susanne Riesch: Jeder so, wie er es mag.

Teilen Sie, Maria, deshalb lieber mit Kathrin Hölzl das Hotelzimmer?


Maria Riesch: Kathrin und ich sind uns eher ähnlich, auch sie ist ordentlich. Und die Susi ist immer mit der Fanny Chmelar auf dem Zimmer, denn die gehört wiederum eher in ihre Schublade. Die Zimmerverteilung passt schon so.

Werden Sie, Susanne, von Ihrer drei Jahre älteren Schwester bevormundet?


Susanne Riesch: Nein, das kommt nicht vor. Wir wohnen ja auch getrennt.

Und wie war es früher so?


Susanne Riesch: Bei meinen Eltern hat Maria unten gewohnt und ich oben...

Maria Riesch: ...und die Anweisungen gab es für die Susi immer von unserer Mama.

Susanne Riesch gilt als öffentlichkeitsscheu, während Maria Riesch ein Vollprofi ist, der schon in einer Vorabendserie mitspielte. Unterschiedlicher geht es ja nun wirklich nicht.


Susanne Riesch: Ich hatte bisher nicht die Möglichkeit, so eine öffentliche Person zu werden wie die Maria. Aber ich arbeite jetzt mit einem Management zusammen, das sich engagiert, um auch meine Vermarktung voranzutreiben. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich mich auch vor die Fernsehkamera stellen.

Maria Riesch: Du hast aber auch schon öfter gesagt, dass es dir zu viel wäre, wenn es dir so gehen würde wie mir.

Susanne Riesch: Ja, so viele Termine wie bei dir müssen es ja auch nicht sein.

Maria Riesch: Eines muss man aber auch sagen: Wir wollen uns jetzt nicht als Schwesternpaar vermarkten. Die Susanne befand sich lange genug in meinem Schatten und hat es dadurch nicht immer leicht gehabt. Der Knoten ist jetzt sportlich bei ihr geplatzt, sie ist eine eigene Persönlichkeit und sie will nicht immer in meinem Kontext erwähnt werden. Die Klitschkos werden als Brüder vermarktet - wir wollen das so nicht handhaben.

War Ihre ältere Schwester damals im Skiclub so etwas wie ein Vorbild für Sie?


Susanne Riesch: Im Skiclub Partenkirchen war die Maria diejenige, die mir den Weg vorgemacht und mir gezeigt hat, was alles auf mich zukommt. Unsere Laufbahnen sind eigentlich ähnlich verlaufen - nur fand bei mir alles drei Jahre später statt.

Können Sie, Maria, sich an den Moment erinnern, als Ihnen die jüngere Schwester zum ersten Mal davonfuhr?


Maria Riesch: Zu dem Zeitpunkt haben wir schon zusammen trainiert, es war irgendwann im Training. Inzwischen war sie so oft schneller als ich, dass ich es schon wieder vergessen habe. Ich glaube, es war in Levi. Susanne wurde Fünfte, und ich war froh, dass ich nach meinem Kreuzbandriss unten angekommen bin und landete auf Platz 21. Susanne ist mit Startnummer 48 sensationell auf den fünften Rang vorgefahren. Das war ihr erster großer Paukenschlag und das erste Mal, dass sie vor mir lag. Ich habe mich für sie wahnsinnig gefreut.

Susanne Riesch: Es war im November 2006.

Sie haben nach der Vorbereitung auf diesen Winter aber gesagt, dass es brutal für Sie sei, wenn Susanne schneller ist.


Maria Riesch: Das Brutale war nicht, dass sie zeitweise flotter unterwegs war als ich, das Brutale war, dass ich meine Form noch nicht gefunden hatte. Schon im Sommer waren Probleme mit der Abstimmung aufgetaucht. Und Susanne ist zu diesem Zeitpunkt schon sehr schnell gefahren. Wenn man dann ein bis zwei Sekunden langsamer ist als die kleine Schwester - es gibt Schöneres. Aber das Hauptproblem war wirklich nicht die Susanne, sondern meine Form. Die hat mich etwas nervös gemacht.

Susanne, wie erklären Sie es sich, dass Sie in dieser Saison Ihren Durchbruch geschafft haben und nun als Medaillenanwärterin im Slalom nach Kanada reisen?


Susanne Riesch: Ich habe im Sommer ganz gut trainiert, hatte keine Verletzungen und bin die Sache professionell angegangen, auch im Konditionstraining. Außerdem hat es mit meinen neuen Ski sofort ganz wunderbar geklappt.

Maria, haben Sie Ihre Schwester in dieser Hinsicht unterstützt?


Maria Riesch: Nein, dass musste ich nicht. Es war ja bei mir nicht anders. Bei mir war früher auch immer etwas der Schlendrian dabei, da dachte ich: trainieren ist nicht so wichtig, Hauptsache auf Brettern stehen - und ab geht's runter ins Tal. Als ich mich dann da geändert habe, hat Susanne wohl gemerkt, dass es nur so funktioniert. Ich glaube, ich habe sie angesteckt und mit meinem Trainingseifer mitgezogen.

Wie sieht denn der Familienplan für die Winterspiele aus. Wir vermuten mal: Maria Riesch holt Abfahrtsgold, dafür darf die Schwester den Slalom gewinnen.


Susanne Riesch: Es gibt ja drei Medaillen, es muss ja nicht gleich Gold sein. Aber es wäre super, wenn die Maria in der Kombination oder einer schnellen Disziplin eine Medaille gewinnt. Dann kann sie den Slalom lockerer angehen. Ich würde sagen: wenn wir beide Metall im Slalom holen - damit könnten wir leben.

Wäre Ihre ältere Schwester als Konkurrentin nicht zu gefährlich im Slalom, wenn sie schon mit einem Erfolgserlebnis im Gepäck die Gondel hinauffährt?


Susanne Riesch: Sie hätte ein ganz anderes Selbstvertrauen.

Maria Riesch: Gut beobachtet, Susanne. Nein, im Ernst: ich wäre tatsächlich lockerer, hätte nicht mehr den Druck, etwas gewinnen zu müssen. Es ist deshalb auch mein großes Ziel, mir vorher schon eine Medaille zu sichern.

Mit welcher Vorgabe schicken Sie Ihre Eltern nach Vancouver?


Maria Riesch: Da gibt es keine Vorgabe, so sind unsere Eltern nicht drauf. Sie hoffen, dass es gut läuft. Sie sind lange genug mit uns dabei und sie wissen, dass unheimlich viele Faktoren über Sieg und Niederlage entscheiden. Sie machen keinen Druck.

Susanne Riesch: Vor allem im Slalom kann alles sehr schnell schiefgehen. Du fädelst ein - und bist weg. Der Wahnsinn ist das.

Angenommen Sie fädeln nicht ein, dann sind Medaillenchancen da. Nicht nur Sie, sondern auch Kathrin Hölzl und Viktoria Rebensburg können aufs Podest gelangen. Warum sind dagegen seit Jahren - außer Felix Neureuther - die Männer so schwach?


Susanne Riesch: Ich bin von der Materie zu weit weg und kann mir zu den deutschen Männern kein Urteil erlauben.

Maria Riesch: Die Männer hatten auch viel Verletzungspech. Es ist aber generell schwierig, sich bei ihnen durchzusetzen. Und dafür hatte die deutsche Mannschaft in den vergangenen Jahren wohl nicht die ganz harten Typen. Da sind sicher gute Skifahrer dabei gewesen, doch wenn es darauf ankam, fehlten die Härte und das Durchsetzungvermögen.

Ist die Konkurrenz bei den Männern sehr viel größer als bei den Frauen?


Maria Riesch: Die Männer sind athletischer und die Leistungsdichte ist etwas größer als bei uns. Doch um ganz vorne dabei zu sein, muss man bei den Frauen auch erst einmal Rennen gewinnen, so ist es ja nicht.

Susanne, niemand ist perfekt. In welchen Punkten könnte sich Ihre Schwester sportlich und menschlich verbessern.


Susanne Riesch: In sportlicher Hinsicht fällt mir nichts ein. Vielleicht könnte sie es mit dem Tennisspielen mal ernster nehmen, damit sie mich endlich mal schlägt. Was die menschliche Seite angeht, da fällt mir auch nichts ein. Wir sind sehr eng miteinander aufgewachsen und verstehen uns nach wie vor prächtig.

Was könnte Susanne an sich ändern?


Maria Riesch: Sportlich hätte die Susi auch das Potenzial, mehrere Disziplinen zu fahren, so wie ich. Sie hat im Riesenslalom und sogar im Speedbereich Potenzial und könnte sich da etwas mehr dahinterklemmen. Und was den anderen Aspekt angeht: wir verstehen uns wirklich sehr gut. Früher haben wir uns auch gestritten, doch das ist mit dem Älterwerden besser geworden. Ein bisschen mehr aufräumen, das könnte sie allerdings tatsächlich. Aber da lässt sich die Susanne nicht umbiegen.