Doppelsieg bei Olympia 2018 Warum deutsche Rodlerinnen mit allen Schlitten fahren

Von Jürgen Kemmner 

Die Rodlerinnen Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger haben in Pyeongchang Gold und Silber gewonnen – und damit ein weiteres Mal die Vorherrschaft deutscher Frauen im Eiskanal untermauert. Die Dominanz hat Gründe.

Küsschen fürs Maskottchen: Eitberger (li.) und Geisenberger (Mi.) sowie die Drittplatzierte Gough Foto: dpa
Küsschen fürs Maskottchen: Eitberger (li.) und Geisenberger (Mi.) sowie die Drittplatzierte Gough Foto: dpa

Pyeongchang - Alex Gough hüpfte wie ein Flummi, der gar nicht mehr aufhören wollte zu hüpfen, und dabei kreischte sie stakkatoartig. Hätte man zuvor das Rennen nicht aufmerksam verfolgt, man hätte glauben können, die Kanadierin sei gerade Olympiasiegerin im Rodeln geworden. Dabei hatte Alex Gough lediglich Bronze geholt. Die Gold- und auch die Silbermedaille ging an deutsche Fahrerinnen.

Die 2014-Siegerin Natalie Geisenberger wiederholte ihren Olympia-Triumph, Dajana Eitberger sicherte sich mit einem sehr beherzten letzten Lauf Silber. Und hätte Altmeisterin Tatjana Hüfner nicht im vierten Durchgang ein wenig gepatzt, so wäre aus dem deutschen Doppelerfolg ein grandioser Dreifach-Triumph geworden. „Das ist das i-Tüpfelchen auf meiner Karriere“, freute sich Natalie Geisenberger, die Schnellste von allen: „Ich habe alles gewonnen, was es in meiner Sportart gibt, deswegen bin ich die Sache locker angegangen. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre es auch nicht so schlimm gewesen.“

Die deutschen Frauen sind die Dominas des Rodelgewerbe

Natürlich hat es geklappt. Die deutschen Frauen sind sozusagen die Dominas des Rodelgewerbe. Sie holen Gold aus Gewohnheit – es gab bei den Winterspielen von 1964 bis 2018, das waren immerhin 15 Wettbewerbe, erst vier Siegerinnen, die nicht aus Deutschland kamen. Wer dieses Land nicht kennt, der könnte meinen, deutsche Mädchen spielen in ihrer Kindheit nicht mit Puppen oder Einhörnern, sondern bekommen bei der Einschulung zur Schultüte noch einen Rodel geschenkt, damit sie sich so oft sie nur wollen damit in einen Eiskanal stürzen können.

Diese Vorherrschaft der Ottos, Kraushaars, Hüfners und Geisenbergers auf zwei Kufen trieb nach dem Einzelrennen von Pyeongchang auch einen Journalisten derart um, dass er in der Pressekonferenz eifrig nach dem Geheimnis fragte, welches die deutschen Damen so wahnsinnig schnell mache, wenn sie mal einen Schlitten unterm Hintern haben. „Nun“, sagte die Olympiasiegerin, „da gibt es viele Gründe.“ Dann erzählte sie artig und erschöpfend, welchen Umständen sie drei Olympiasiege, sieben Welt- und drei Europameisterschaftstitel sowie sechsmal in Folge den Gewinn des Gesamtweltcups verdankt.

In Deutschland gibt es gleich vier Kunsteisbahnen

Etwa weil Deutschland über vier Kunsteisbahnen in Altenberg, Winterberg, Oberhof und Königssee verfügt, auf denen der Nachwuchs (wenn er gerade nicht im Einhorn-Fieber steckt) regelmäßig üben kann; dass sich Eltern dies leisten können, weil sie nicht weit fahren müssen; dass die verschiedenen Bahnen die unterschiedlichen Fahrfähigkeiten früh einfordern.

Natalie Geisenberger betonte, dass in Deutschland ebenso exzellente Trainer wie Mechaniker arbeiten, dass die Industrie den Rodelverband mit Windkanal-Tests und Schlittenforschung unterstützt. Dass nur die Allerbesten die große Konkurrenz im eigenen Lager hinter sich lassen, und dass ganz wichtig sei, dass die Elite entsprechend gefördert wird und diese Frauen neben ihren Trainingseinheiten nicht mehr arbeiten müssen.

„Im Rodeln steckt enormes Suchtpotenzial“, sagt die Olympiasiegerin

Das trifft zweifellos alles zu, jedoch hat Natalie Geisenberger all diese Erfolge von den Olympiasiegen bis hinunter zu den Titeln bei Deutschen Meisterschaften gefeiert – sie und keine andere. Wenn die deutschen Frauen den anderen Nationen davonrasen, dann distanziert Geisenberger meist noch ihre eigenen Landsfrauen. Weil der Genuss ihrer Erfolge sie immer wieder dazu antreibt, noch mehr zu schuften – am eigenen Körper, am Schlitten, an der Technik. „Ich finde“, sagte die 30-Jährige und ihre Augen glänzten, „im Rodeln steckt enormes Suchtpotenzial. Und nicht nur darin, sondern auch in dem Gefühl, wieder ganz oben zu stehen und die deutsche Hymne zu hören. Für diese Momente im Leben kann ich das Maximum aus mir herausholen.“

Natalie Geisenberger hat auch nach zwei Einzel-Olympiasiegen noch nicht genug

Die Lust an der Sucht ist die eine, die Lockerheit beim Rodeln die andere Zutat ihrer Erfolgskonstanz. Nachdem die 183 Zentimeter große Frau aus Miesbach zwei Olympiasiege in Sotschi (Einzel, Team) eingefahren hatte, gab es in ihrer Titelsammlung nichts mehr, was noch fehlte. Kein Manko, kein weißer Fleck – alles, was jetzt noch folgen sollte, war die Kür. Geisenberger betrieb ihre Profession mit Passion, natürlich gab es auch Tage, an denen die Tür zum Fitnessstudio aussah, als sei sie die Pforte zur Hölle. „Dann sage ich mir: Das gehört dazu, das ziehe ich durch.“ Aber solche Motivationslücken sind rarer als Schaltjahre. Es geht immer weiter für die Oberbayerin, bis zur Heim-WM 2019 in Winterberg mindestens, und vielleicht sogar bis Peking 2022. Weil es Spaß macht.

Alex Gough (30) dagegen spielt ernsthaft mit dem Gedanken aufzuhören, sehr wahrscheinlich sei das sogar. Warum auch nicht? Sie hat Bronze bei Olympia gewonnen, die erste kanadische Medaille im Eiskanal – was soll da noch kommen? Eigentlich nichts, denn da sind ja stets diese deutschen Rodlerinnen, die sich Gold aus purer Gewohnheit schnappen.