Stuttgart - Es ist ganz einfach und ganz schrecklich. Es geht um Liebe, Eifersucht und den Tod. Die Bühnengeschichten, die Pietro Mascagnis Einakter „Cavalleria rusticana“ von 1890 und Salvatore Sciarrinos gut ein Jahrhundert später komponiertes Stück „Luci mie traditrici“ erzählen, könnten so oder so ähnlich in jeder Tageszeitung stehen. „Betrogener Ehemann tötet Ehefrau aus Rache.“ „Gehörnter Gatte ersticht Rivalen.“ Ein Lebensstoff, wie gemacht für die Oper, zu erleben seit Sonntag an der Staatsoper Stuttgart.
Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ steckt voller großer, wilder Gefühle. Dass diese zu den Abstandsregeln in Corona-Zeiten passen, durfte schon im Vorfeld bezweifelt werden, und sowohl Barbara Freys Inszenierung als auch Sebastian Schwabs musikalische Bearbeitung haben die Zweifel bestätigt. Auf einer nach rechts unten gekippten, großen Treppe (Bühne: Martin Zehetgruber) kauern die Figuren: vereinzelt, einander zu-, meist aber auch voneinander abgewandt. Auf einer umlaufenden Galerie geht dieser und jener vorüber. Zum Beispiel vier junge Statisten, die ein bisschen tanzen und sich dann balgen. Dass sie als Einzige einander nahekommen dürfen, weil sie in einem gemeinsamen Haushalt wohnen, hat der Intendant Viktor Schoner in einer längeren Ansage vor Beginn der Vorstellung klargestellt. Kunst, sagt er außerdem, müsse auch unsere Krisenzeit konservieren, „Erinnerungsräume“ schaffen.
Nach diesem Abend mag man sich allerdings fragen, wie viele theatralische Distanz-Memoiren das Repertoire des Hauses wohl vertragen mag und ob man von den Dingen, die, um es mit dem Motto der vergangenen Spielzeit zu formulieren, gewesen sein werden, nach Corona nicht schlicht die Schnauze voll hat. Wie auch immer: In dieser „Cavalleria“ spürt man nichts von großen Gefühlen. Das Virus treibt die Oper an den Ort zurück, von dem sie seit etwa fünfzig Jahren auf so aufregende Weise vertrieben wurde: an die Rampe. Dort wirken die Sänger wie Pappkameraden, die hilflos auf ihr stereotypisches Gestenvokabular zurückgreifen. Dies befördert das musikalische Arrangement. Durchaus reizvoll fächert ein Streichquintett im Orchestergraben im Vorspiel eine Klangwelt der intimen Zwischentöne auf; Zoltan Paulich bringt am Cello feine, glitzernde Kantilenen ein, und von den Bläsern, die auf der Hinterbühne sitzen, hört man extrem genau registrierte und dynamisch ausbalancierte Klänge. Der Chor singt in kleiner Besetzung aus dem dritten Rang. Cornelius Meister, der auch (warum, erhellt sich nicht) in ausgewählten Passagen allein am Flügel begleitet, dirigiert extrem pointiert, Stefan Schreiber als Co-Dirigent hilft bei der Koordination.
Pathos und Abstand passen nicht zusammen
Aber Vereinzelung und Pathos passen nicht zusammen. Die Musik transportiert keine großen Gefühle, und sie trägt auch nicht die – durchgehend sehr laut intonierenden – Sänger. Vor allem Eva-Maria Westbroek, die von Stuttgart aus ihre Weltkarriere startete, hätte als Santuzza mehr und kräftigere Klangfarben gebraucht. Und dem italienisch-geschmeidigen Tenor Arnold Rutkowski hätte zu Beginn ein bisschen Unterstützung in der Höhe gutgetan. Die Besetzung der Lucia mit Rosalind Plowright ist eine Verneigung vor einer ehedem großen Sängerin. Dimitris Tiliakos gibt einen selbst im distanzierten Wüten überzeugenden Alfio.
Sciarrinos Einakter ist ein musikalisches Wimmelbild
Besonders bezaubernd selbst in der kleinen Rolle der Lola ist indes Ida Ränzlöv, und sie schlägt auch die Brücke zu dem Stück, das 1998 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt worden ist. Die zarte Hommage an Stimmtypen, Stimmführung und Techniken des Renaissance-Madrigals, das Salvatore Sciarrino seinem Einakter „Luci mie traditrici“ („Meine verräterischen Augen“) einkomponiert hat, packt von Anfang an.
Es lässt einen bis zum Ende nicht los – wenn man sich denn einlässt auf den sehr eigenen Klangkosmos des Wisperns, der Schleifen, Imitationen, Schwelltöne und Wiederholungen. In Stuttgart ist all das unter Cornelius Meisters Leitung hoch konzentriert, in feinster Registrierung und ausgesprochen räumlich zu hören: mit Schlagwerk von den Proszeniumslogen und Bläsern auf der Bühnengalerie. Die Drehbühne zeigt jetzt vor allem die mit Farnkraut überwucherte Rückseite der Treppe, wo sich die Sänger zu statischen Bildern und zu stilisierten Dialogen zusammenfinden, in denen Liebe und Tod ineinander fließen.
Dieses Stück ist ganz und gar künstlich, ja manieriert. Und dennoch: Seine Figuren berühren mehr als jene in Mascagnis blutvollem Werk. Sciarrino ist Corona-kompatibel, Mascagni ist es nicht. Und gesungen wird mit Hingabe und Präzision: von Rachael Wilson (Gräfin), von Christian Miedl (Graf) und von Ida Ränzlöv, die hier als Gast ein so penibel und wie farbreich ausgearbeitetes androgynes Charakterporträt präsentiert. Dennoch: Der Beifall am Ende ist von freundlicher Zurückhaltung. Ist halt Neue Musik. Aber was für eine! „Luci mie traditrici“ ist ein musikalisches Wimmelbild zum Immer-wieder-Hören, ein Lehrwerk der Konzentration. Der Rest ist Erinnerungsraum: Ihn werden wir hoffentlich bald vergessen haben.
Mascagni & Sciarrino
Termine
Der Doppelabend mit „Cavalleria rusticana“ und „Luci mie traditrici“ ist, bedingt durch die Kurzarbeit an der Staatsoper, nur noch dreimal zu erleben: am 18., 20. und 24. Oktober. Karten unter 07 11 / 20 20 90 oder www.staatsoper-stuttgart.de.
Ausblick
Am 27. 10. hat Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ Premiere (Regie: David Hermann, Dirigent: Cornelius Meister). Die Musik wird mit Elfriede Jelineks Text „Die Bienenkönige“ kombiniert.