Dornhalde zwischen S-Süd und Degerloch Vom Schießplatz zum ungeliebten Friedhof

Von Ralf Recklies 

Auf der Dornhalde wurde 1869 gegen den anfänglichen Widerstand der Degerlocher Bevölkerung ein militärischer Schießplatz angelegt, der fast 100 Jahre lang für Schießtrainings genutzt wurde. Heute ist dort ein wenig geliebter und schwach belegter Friedhof zu finden.

Findet wenig Zuspruch: der Dornhaldefriedhof zwischen Stuttgart-Süd und Degerloch. Foto: Lg, Zweygarth
Findet wenig Zuspruch: der Dornhaldefriedhof zwischen Stuttgart-Süd und Degerloch. Foto: Lg, Zweygarth

Degerloch - Weil die drei Führungsmitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nach ihrem Selbstmord am 18. Oktober 1977 in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim auf dem Dornhaldenfriedhof beigesetzt worden sind, ist der zwischen Degerloch und Stuttgart-Süd gelegene Friedhof weit über die Landeshauptstadt hinaus bekannt. Die Dornhalde, auf der seit Mitte der 1970er-Jahre Bestattungen stattfinden, ist nicht nur wegen der Gräber der drei RAF-Terroristen historisch interessant. Bereits 1869 hatte die Königliche Garnison Stuttgart dort einen militärischen Schießplatz anlegen lassen – trotz anfänglichen Widerstands der Degerlocher Bürger. Diese stimmten der Anlage am Ende nur wegen eines Geländetauschs zu – und machten unterm Strich flächenmäßig ein sattes Plus.

In der Nazizeit gab es neun Hinrichtungen auf der Dornhalde

Bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde der Schießplatz vor allem von Militärs und Polizisten für Schießtrainings genutzt. In der NS-Zeit haben die Nazis dort neun Regimegegner erschossen. „Über die Hintergründe der Hinrichtungen ist bislang aber nur wenig bekannt“, sagt der Lehrer und Wissenschaftshistoriker Bertram Maurer. Er will Licht ins Dunkel dieses Kapitels der Dornhalde-Geschichte bringen. Dieser Aufgabe will er sich nun widmen, nachdem er seine Recherchen zur jüngeren Geschichte abgeschlossen hat. Zuletzt hatte er sich mit dem 1974 angelegten Friedhof beschäftigt.

Die Ergebnisse seiner Recherchen sind von heute an bis Ende November im Stadtarchiv in Bad Cannstatt in der Schau „Vom Schießplatz zum Friedhof“ zu sehen. Besucher können nicht nur auf 14 von Maurer gestalteten Tafeln sowie in zwei Vitrinen der bewegten Geschichte der Dornhalde nachspüren. Maurer hat auch eine mehr als 100 Seiten starke Publikation erstellt, die von der Entstehung des Schießplatzes über den Wandel des Areals zum Friedhof in den 1970er-Jahren bis zur Gegenwart reicht.

„Die Dornhalde hat eine absolut faszinierende Geschichte“, sagt das Gründungsmitglied des seit 2016 bestehenden Vereins „Garnisonsschützenhaus – Raum für Stille“. Anfangs habe er sich nur mit dem Garnisonsschützenhaus befasst. Zuletzt habe ihn aber vor allem die noch junge Geschichte des Friedhofs beschäftigt.

Im Endausbau waren 11 500 Gräber geplant

Keinen klassischen Waldfriedhof, sondern einen Friedhof im Wald auf höchstem technischen und gestalterischen Niveau wollte Stuttgart basierend auf Plänen von 1970 auf der Dornhalde realisieren. Im Endausbau sollte er 11 500 Gräber umfassen, hat Maurer recherchiert. „Die Pläne von 1970 waren sehr gelungen“, urteilt Maurer. Doch das als Modellfriedhof geplanten Areal wollte nicht recht gedeihen.

„Es sollte dort ein eindrucksvolles Eingangsgebäude mit Krematorium geben“, so Maurer. Eine SSB-Buslinie, die sich an den Friedhofsnutzungszeiten orientiert, sei damals ebenso geplant gewesen wie ein kreuzungsfreier Übergang über die Karl-Kloß-Straße oder breite Wege, damit die Friedhofsgärtner unbeschwert zu den Gräbern kommen. Absurderweise wurden 2005 noch einmal ähnliche Vorschläge in einer Untersuchung gemacht, mit der der Dornhaldenfriedhof aus dem Dornröschenschlaf hätte geweckt werden sollen. Denn vieles, was vorgesehen war – wie besonders kunstvoll gestaltete Grabsteine – wurde nicht oder nur teilweise und halbherzig umgesetzt. „Das wurde verdummbeutelt“, urteilt Maurer und schlägt damit in die Kerbe eines 1982 erstellten Mängelberichts zum Dornhaldenfriedhof, in dem viele Fehler aufgelistet wurden.

Auch Max Bense und seine Frau sind hier bestattet

Die RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe sind – neben drei weiteren RAF-Mitgliedern – nicht die einzigen Prominenten, die auf dem Dornhaldenfriedhof, bestattet wurden. Auch der Philosoph Max Bense und seine Frau Elisabeth Walter-Bense, die Schriftstellerin Margarete Hansmann oder der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz sind auf der Dornhalde beerdigt. Zunehmende Bedeutung hat die Begräbnisstätte zwischen Stuttgart- Süd und Degerloch vor allem für anonyme Bestattungen, während in der Stuttgarter Bevölkerung kaum Interesse besteht, dort die letzte Ruhe zu finden. Nur 722 genutzte Grabstätten gab es laut Maurer dort Mitte dieses Jahres – 14 weniger als im Jahr zuvor und weit weniger als die ursprünglich geplanten 11 500 Gräber.

Sonderthemen