Als sie die Wohnungstüre öffnet, muss sie lachen. „Es kommt mir immer noch ein bisschen surreal vor, hier zu wohnen“, sagt sie. Maier, die eigentlich anders heißt, ist um die dreißig und seit Kurzem Business Development Managerin eines Unternehmens in der Region. Sie trägt eine weiße Bluse, schwarze, knöchelfreie Jeans und die blonden Haare zur Hälfte zu einem Knoten zusammengebunden. Ihre erste, richtige Wohnung hat 60 Quadratmeter, eine offene, weiße Küche, passgenaue Einbaukleiderschränke, Eichenparkett, Heizkühldecken, einen Hauswirtschaftsraum, eine Gästetoilette, einen Waschtrockner – und kostet pro Quadratmeter wohl um die 25 Euro Miete, Genaueres erfährt man nicht. „Wann hat man schon mal die Gelegenheit, so mittendrin zu wohnen?“, fragt sie.
Vor einem Jahr wurde das Dorotheen-Quartier eröffnet: als schickes Einkaufsviertel, als Brücke zwischen Breuninger, Markthalle und Rathausplatz, als neuer Treffpunkt und städtebauliches Ausrufezeichen – da, wo früher eher Hinterhofcharakter herrschte. Seither haben dort Modeläden eröffnet, Ministerien ihre Büros bezogen und Gastronomen wie das Sylter Edelrestaurant Sansibar ihre Tische auf den hell gepflasterten Gassen aufgestellt. Während Breuninger-Chef Willy Oergel und Oberbürgermeister Fritz Kuhn das Quartier als „urbanes Viertel mit hoher Aufenthaltsqualität“ und „Belebung für die Innenstadt“ lobten, fragten manche Bezirksräte nach der Nutzung für die Öffentlichkeit – und nach mehr Grün. Wie ist die Stimmung im Viertel heute, nach einem Jahr?
Trender sagt, dass man nie alle Menschen für eine Sache begeistern könne
Fragt man Joachim Trender, sagt er, dass das Dorotheen-Quartier kein Luxusquartier, sondern eines für alle Leute sei. „Sie bekommen hier einen Becher Joghurt für 29 Cent, eine Tasse Kaffee für 2,90 Euro, eine Rolex für 29 000 Euro und einen Tesla für 129 000 Euro“, sagt er. „Das ist die Mischung.“ Trender ist so was wie der Hausmeister des Viertels: Quartiers Manager steht auf seiner Visitenkarte. Er kümmert sich um Mietinteressenten, um das Marketing, manchmal auch um tropfende Wasserhähne oder Müllentsorgung. Trender sagt, dass man nie alle Menschen für eine Sache begeistern könne. Dass das Dorotheen-Quartier aber viele Menschen anziehe und die Stadt damit einen Bereich in der Innenstadt gewonnen hätte, mit dem sie sich neu präsentieren könne. „Früher war hier eine Schotterwiese, ein Stacheldrahtzaun ums Innenministerium, eine Art Rückseite der Innenstadt. Jetzt ist hier eine Art gute Stube entstanden. Jede große Stadt hat das.“
Trender, ein großer, schlanker Mann mit blauem Mantel und blauen Augen hinter der silbernen Brille, erzählt von Skateboardern, die das Pflaster hier für sich entdeckt haben, und von Besuchern, die abwechselnd das italienische und das großstädtische Flair loben. Er erzählt auch, dass er manchmal gefragt wird, wann denn endlich die blaugraue Folie von den Dachfassaden kommen würde. Trender bleibt in der Mitte des Dorotheen-Platzes stehen und deutet auf das Dachgeschoss: Ohne die blaugraue Abdeckung würde die Glasfläche in die Halbhöhe reflektieren – und biete in die Räume hinter den Fenstern keinen Sichtschutz. An einem Tag wie diesem, an dem sich die Farbe der Dächer mit dem des Himmels zu mischen scheint, wirkt es fast so, als stünden die Bauten des Quartiers schon seit Jahren hier.
In den breiten Gassen ist an diesem Nachmittag noch nicht viel los. Ein asiatisches Pärchen macht Selfies vor den Schaufenstern von Diesel, zwei Frauen schieben ihre Kinderwagen in Richtung Café Oh Julia, am Arm Einkaufstüten von Breuninger. Nur vor den Restaurants am Dorotheen-Platz sitzen viele Leute, ein paar bei Bier und Zigarette, andere mit Cocktail und Häppchen. Die Sonne reflektiert von den Glassfronten auf den hellen Stein.
Unter der Woche sei tagsüber nicht viel los, sagt Schneider Samit Günçavdı
200 Millionen Euro hat Breuninger in die Hand genommen, um in unmittelbarer Nähe seines Stammkaufhauses eine Mischung aus Einkaufs-, Arbeits- und Wohnviertel zu schaffen. Mit der Entwicklung ist das schwäbische Unternehmen zufrieden: Die Stuttgarter hätten das Viertel in Besitz genommen – und ihre Besucher mit hierhergebracht, sagt Trender. Für Touristen sei es eine Anlaufstelle und das traditionsreiche Kaufhaus profitiere von den Strömen der Einkaufswilligen. Nur: Zahlen gebe es keine, weil die Frequenz nicht gemessen werde.
Im Anzugsgeschäft Suitsupply sitzt Schneider Samet Günçavdı am Saum einer Hose. Es ist ruhig und aufgeräumt im Laden, nur die Nähmaschine rattert leise und monoton. Unter der Woche sei tagsüber nicht viel los, sagt er auf Englisch, dann hat er Zeit, Anzüge umzunähen, Beine zu kürzen, Säume enger zu machen. Aber samstags sei es verrückt, da sei die Hölle los. „Hierher kommen Leute, die was für Mode übrig haben – und die Geld haben.“ Samit Günçavdı, schwarzer Bart, schwarzer Nadelstreifenanzug, mag diese Ecke von Stuttgart, und er mag das Viertel. Jede Großstadt brauche so eine Gegend, sagt er. „Da geht es um sehen und gesehen werden.“
Schräg gegenüber hat Tatjana Berger im kleinsten Laden des Quartiers auch um diese Tageszeit gut zu tun: Sie arbeitet für Steiff. Auf den weißen Regalen sitzen Plüschlöwen, Einhörner und Stoffhasen neben Teddybären. Berger steht zwischen zwei Kleiderständern und zeigt einem Paar die Auswahl an Handtüchern für Kinder. In den ersten Wochen nach der Eröffnung sei drei- bis viermal so viel los gewesen wie heute, sagt sie. Zufrieden ist sie trotzdem: Nach einem Jahr habe sie eine gute Stammkundschaft. Und viele Leute, die nachsehen, ob es den Stoffteddy aus ihren Kindertagen noch gibt. Berger packt zwei hellblaue Handtücher mit Bärenkopf in eine Schachtel und bindet eine Schleife darum. Natürlich sei es eine edle Gegend, sagt sie: Man merke, dass die Leute bereit seien, mehr Geld auszugeben. „Ich hatte schon Kunden, die gefragt haben, warum ich denn keinen Sekt anbiete.“
Manche sind bereit, hier viel Geld auszugeben – und andere zieht einfach die Neugierde an
Draußen ist es nun, am späten Nachmittag, zumindest ein wenig belebter in den Gassen. Ein junges Paar bleibt vor den hohen Schaufenstern des Tesla-Showrooms stehen: des größten in Deutschland. „Wir vertreiben uns die Zeit vor dem Kino“, sagt der Mann im Karohemd. Er steigt auf den Beifahrersitz des roten Ausstellwagens, seine Freundin tippt auf dem großen Display am Armaturenbrett herum. „Fühlt sich toll an“, sagt sie und grinst. An diesem Tag sind hier nur zwei Fahrzeuge ausgestellt, Platz haben eigentlich vier. An den Wänden hängen Bildschirme und Farbmuster, hinter einer Wand in der Mitte des Raumes stehen graue Sofas. Die beiden Besucher lassen sich von einem Verkäufer etwas zu den Ladevorgängen und Reichweiten erklären. „Ich finde es spannend, mir das mit den Elektroautos mal anzugucken, aber kaufen würde ich nichts“, sagt der junge Mann mit dem Karohemd beim Hinausgehen. „Ich habe noch nicht mal ein Auto.“
Vielleicht ist es mit den Besuchern im Tesla-Showroom so wie mit den anderen im Viertel auch: Manche sind bereit, viel Geld auszugeben. Und viele zieht einfach die Neugierde hierher.
Die kommerzielle Nutzung sei sehr einseitig, kritisiert der Bezirksrat Mitte
Das Quartier, sagt Stadtsprecher Sven Matis, „generiert Frequenz in die Stadtmitte“. Im Übrigen würden durch die bekannten Marken im Viertel und durch Breuninger auch Touristen angesprochen: das bringe neue Kaufkraft für die Stadt. Auch die Planer der Stadt zeigen sich zufrieden, jedenfalls mit der architektonischen Aufwertung des Viertels. Und der Fokus auf das Hochpreissegment bilde einen Gegenpol zur Filialisierung in anderen Bereichen der City. Aber: Stadtstrukturell wünschenswert wäre eine größere „Vielfalt und Lebendigkeit für alle Nutzergruppen“, heißt es von den Stadtplanern.
„Das Dorotheen-Quartier ist für die Stadt eine riesige Bereicherung“, findet auch Veronika Kienzle, Vorsteherin des Stuttgarter Bezirks Mitte. Nicht nur, weil es eine räumliche Aufwertung sei, sondern auch, weil es eben wohlhabende Menschen zusätzlich in die Stadt bringe.
Aus ihrem Beirat kam im vergangenen Jahr Kritik am damals neu eröffneten Quartier – und die Frage, wie öffentlich das Viertel sei. „Wir vom Bezirksbeirat kritisieren nach wie vor, wie der öffentliche Raum dort belegt ist“, sagt Kienzle. Die kommerzielle Nutzung im Viertel sei sehr einseitig. Auch, wenn am Rande des Quartiers nun ein paar Sitzbänke entstanden seien. Dass sich noch mehr tue, bezweifelt Kienzle allerdings. Immerhin, das ehemalige Hotel Silber am Rande des Viertels, das nun zur Erinnerungsstätte ausgebaut wird, setze dem kommerziellen Kontext etwas entgegen.
Das, was sie bezahle, liege gar nicht so weit weg von den steigenden Mietpreisen überall
Auf dem Balkon ihrer Wohnung im fünften Stock lehnt sich Ina Maier gegen die Brüstung. Einmal habe sie hier schon Yoga gemacht, sagt sie. Sie mag es, von hier aus den Trubel in den Gassen zu beobachten. Links sind die Kastanien des Karlsplatzes zu sehen, dahinter das Neue Schloss und die Halbhöhe. Rechts unten die Tische und Sonnenschirme vor dem Sansibar, darüber die Glaskuppel des Breuninger-Kaufhauses. Gegenüber habe das Finanzministerium seine Büros, sagt Maier: Irgendwer habe da schon seit Tagen vergessen, das Licht auszuschalten, das müsse sie denen mal sagen. Sie lacht.
Wenn Maier von ihrer Arbeit im Umland kommt, fährt sie von der Bundesstraße ins Parkhaus des Quartiers im Untergeschoss. Vielleicht kauft sie dann noch bei Hit, dem Supermarkt, ein, schiebt den Einkaufswagen in den Aufzug und von dort aus direkt in die Küche. Nach der vielen Arbeit genieße sie es umso mehr, in dieser Wohnung zu sein, abends noch zu kochen und Freunde hierher einzuladen. „Ich bin ein Stadtmensch. Das hier ist der Knaller.“
Noch ist Maier die einzige Wohnungsmieterin im Dorotheen-Quartier, aber in den nächsten Wochen werden auch die meisten anderen der 19 Apartments bezogen. Dafür hat Ina Maier schon mal Backutensilien besorgt: „Für Begrüßungsmuffins.“ Überhaupt vermitteln der Perser-Teppich in ihrem Wohnzimmer, die Ikea-Bettwäsche im Schlafzimmer und die zusammengewürfelten Gläser im Küchenschrank einen Eindruck von Normalität. Fühlt es sich gar nicht seltsam an, so teuer zu wohnen? Die Mietpreise in Großstädten seien überall so extrem gestiegen, sagt Ina Maier: Das, was sie hier bezahle, liege doch gar nicht so weit weg davon.