Ist Verzicht zeitgemäß? Die Party in der VE Vinobar heißt selbstbewusst: „Dry January fällt aus“. 200 Gäste trotzen im Dorotheen-Quartier dem Bußmonat mit Riesling, DJ und Ironie.
Einst sang Frank Sinatra: „Someone said, drink the water, but I will drink the wine.“ (Jemand sagte, trink das Wasser, doch ich trinke den Wein.) Im Januar mag der Ruf nach Verzicht, Disziplin und Mineralwasser ertönen, doch viele halten es lieber mit Sinatra.
Gute Vorsätze im neuen Jahr haben nun mal eine kurze Halbwertszeit. Fitness-Unternehmer Jörg Echtermann, der am Donnerstagabend in der VE vinobar im Dorotheen-Quartier die „Dry-January-Fällt-Aus-Party“ mitfeiert, kennt das Phänomen aus seinen vier Puls-Studios – das fünfte eröffnet Mitte März im Stuttgarter Engineering Park (Step). Während kurz nach Silvester an den Geräten Hochbetrieb herrscht und sich Schlangen vor dem Zirkeltraining bilden, ist der große Ansturm Mitte Januar schon wieder vorbei.
Weinbar-Party trotzt dem Bußmonat mit 200 Gästen
Ganz anders die Lage an diesem Abend in der vor einem Jahr eröffneten Weinbar von Janina Baronin von Essen. Eng und voll ist es, getrunken wird vor allem Alkoholisches. Riesling, Grauburgunder, Sauvignon Blanc, Crémant – die Palette der flüssigen Verlockung ist groß. Rund 200 zum Geburtstag geladene Gäste stehen dicht gedrängt beisammen und wirken bemerkenswert entspannt. Fast so, als sei der Januar kein moralischer Bußmonat, sondern schlicht ein weiterer Winterabschnitt mit wenig Tageslicht, hohen Heizkosten und dem Bedürfnis nach Geselligkeit.
Sind jene, die im Januar Alkohol trinken, so etwas wie Fastenbrecher? Moralische Abweichler? Ketzer im Paradies der Selbstoptimierung? Die Antwort könnte lauten: Wenn Fasten bedeutet, sich kollektiv schlecht zu fühlen, dann ja – und zwar mit Genuss.
Gastronomie leidet im Januar unter Konsumflaute und Preisdruck
Dabei ist der Hintergrund alles andere als lustig. Der Januar gilt in der Gastronomie als schwierigster Monat des Jahres. Dehoga-Geschäftsführer Jochen Alber sagt, für viele Betriebe laufe der Januar 2026 bisher sogar noch schlechter als der ohnehin schwache Januar 2025. Die Mehrwertsteuersenkung bringe nur geringe Entlastung. Neuer Mindestlohn, steigende Preise für Getränke und Lebensmittel sowie eine spürbare Konsumzurückhaltung der Gäste drücken die Stimmung. Wenn dann zusätzlich weniger Alkohol getrunken wird, verschärft das die wirtschaftliche Lage weiter.
Hinzu kommt: Immer mehr Menschen leben abstinent, vor allem in der jüngeren Generation. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov haben im vergangenen Jahr 68 Prozent alkoholische Getränke konsumiert. 2015 waren es noch 78 Prozent gewesen. In der Generation Z, die die Jahrgänge 1997 bis 2007 umfasst, geben lediglich 61 Prozent an, Alkohol zu trinken. Jeder Vierte dieser Gruppe gibt an, den Konsum in den vergangenen fünf Jahren reduziert oder eingestellt zu haben. Jede zweite Person davon begründet dies damit, dass Alkohol ungesund ist.
Bei der Feier zum ersten Geburtstag der meist brummenden DoQu-Weinbar sind die Generationen Millennials, X und Boomer vertreten, also die nicht ganz Jungen. DJ Ocean Seven legt auf. Unter den Gästen: Alexander Baron von Essen, prominenter Weinhändler und Vater der Gastgeberin, die Gastronomenbrüder Maximilian und Ferdinand Trautwein vom nahe gelegenen Restaurant Knitz, Partyveranstalter Konstantin Wulle, Do-Qu-Quartiersmanagerin Joyce Jagodzinski, Unternehmer Lutz Metzger, schicke Ladys vom Killesberg. Die Gespräche sind lebhaft, die Stimmung gelöst. Etliche machen den Eindruck, als hätten sie momentan keinen Zugang zu schweren Zeiten.
„Dry January“ als Statussymbol: Weintrinker in Erklärungsnot?
Der „Dry January“ ist längst mehr als eine private Entscheidung. Er ist Statussymbol, Willensbeweis und Social-Media-Botschaft zugleich. Wer nicht trinkt, gilt als stark. Wer doch einen Wein bestellt, gerät schnell in Erklärungsnot. In der VE vinobar wird diese Logik an diesem Abend umgedreht. Wer hier ein Glas Wasser bestellt, bekommt keinen Applaus – höchstens ein Schmunzeln.
SInd die Fastenbrecher von heute die Hedonisten von gestern?
Spöttisch ließe sich sagen: Die Fastenbrecher von heute sind die Hedonisten von gestern, nur besser organisiert. Sie brechen das Fasten nicht heimlich, sondern öffentlich, mit DJ-Musik und einer Lust am kleinen Protest gegen den angeblichen Trend. Alkohol wird dabei nicht als Fluchtmittel gefeiert, sondern als Kulturgut und Stimmungsaufheller verstanden – Wein als leiser Protest gegen die permanente Disziplinierung des eigenen Körpers.
Natürlich schwingt Ironie mit. Niemand behauptet, ein Glas Isabella Chardonnay könne die Welt retten. Aber ebenso wenig tut jemand so, als würde durch Verzicht automatisch alles besser. Die Party ist weniger ein Angriff auf den „Dry January“ als eine liebevolle Persiflage: ein Abend für alle, die sich fragen, ob Selbstkasteiung wirklich der richtige Weg zu einem besseren Ich ist.