Positives Beispiel: Gold-Skispringer Philipp Raimund belegt laut DOSB-Boss Otto Fricke, dass Deutschlands Wintersport mehr zu bieten hat als Erfolge im Eiskanal. Foto: Imago (2), dpa
Das deutsche Olympia-Team bleibt hinter den Erwartungen zurück – auch hinter den eigenen. Trotzdem sagt DOSB-Chef Otto Fricke: „Ich bin mit dem Abschneiden zufrieden.“
Trotz des Gold-Coups von Skicrosserin Daniela Maier am Freitag: Einen Großteil seiner Medaillen holt das deutsche Team bei den Olympischen Winterspielen im Eiskanal. Weshalb sich Otto Fricke, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes, immer wieder der selben Frage stellen muss: Ist der deutsche Sport nur noch im Bob, Rodeln und Skeleton richtig gut?
Herr Fricke, Sie waren Politiker, jetzt sind Sie seit September der Vorstandsvorsitzende des DOSB. Wie hat sich seither Ihr Blick auf den Sport verändert?
Früher hatte ich als Haushaltspolitiker der FDP vor allem die Finanzfragen im Blick. Es ging darum, wie viel uns der Sport wert ist. Was nun dazu kommt, ist die menschliche Seite. Es geht um Athleten, Betreuer, Trainer, Familien – um Emotionen. Es gibt deshalb einen großen Unterschied zu früher: Wenn ich heute als Funktionär für Athleten die Voraussetzungen schaffen kann, damit sie lächelnd aus einem Wettkampf gehen, dann empfinde ich eine Befriedigung, die man als Politiker nur sehr, sehr selten hat.
Wie sehr interessiert Sie der Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele?
Etwas weniger als andere. Ich bin keiner dieser Gold-Silber-Bronze-Fetischisten.
Wirklich nicht?
Für mich sind zwei Dinge wichtig. Erstens die Zahl der Medaillen – da sind wir gar nicht schlecht. Und zweitens zählt, wen wir in die Weltspitze gebracht haben und wer von uns in der Weltspitze ist. Für mich sind deshalb die ersten acht Plätze maßgebend – und das nicht, weil es diesmal nicht ganz so viele Goldmedaillen sind.
Wissen Sie, wie viele seiner Medaillen das deutsche Team im Eiskanal geholt hat?
Ich weiß es nicht genau, schätze aber, dass es 68 oder 69 Prozent sind. Das zeigt aber nur, dass es im Rodeln, Bob und Skeleton gut funktioniert, und dass andere Sportarten besser werden können.
Sie liegen gut: Es sind 15 von 22 Medaillen, darunter vier von sechs Olympiasiegen. Ist der deutsche Wintersport nur noch im Eiskanal konkurrenzfähig?
Nein, das denke ich nicht.
Glänzende Leistung: Philipp Raimund wird Olympiasieger von der Normalschanze. Foto: IMAGO/Ulrich Wagner
Sondern?
Für mich ist beispielsweise Gold im Skispringen durch Philipp Raimund nicht nur ein Ausreißer nach oben. Wenn ich mir die Weltcup-Ergebnisse anschaue, dann ist unser Potenzial größer, als wir es hier gezeigt haben. Und es kam schon auch Pech dazu, wenn ich etwa an das Aus von Skifahrerin Lena Dürr an der ersten Slalom-Stange denke. Umso toller ist, wie sie sich danach den Medien gestellt hat. Denn auch das gehört dazu.
Machen Sie es sich nicht ein bisschen einfach? Biathlon und Langlauf je einmal Bronze, nichts in der Kombination, mit dem Snowboard und im Eisschnelllauf, das frühe Aus der Eishockey-Teams, nur eine Medaille im Skispringen – ist das nicht ein richtig schwaches Abschneiden?
Nein, ist es nicht. Biathlon ist doch ein gutes Beispiel. Da waren wir früher sehr gut, noch im vergangenen Winter hat Franziska Preuß den Gesamtweltcup gewonnen. Und jetzt? Ist es immer noch ein Sport, in dem es sehr eng zugeht. Wer nur ein kleines bisschen zurückfällt, wird eben Vierter oder Fünfter.
In Deutschland gibt es drei Bob- und Rodelbahnen, der vierte Eiskanal am Königssee wird gerade instand gesetzt. Müsste nicht stattdessen besser in eine Halfpipe investiert werden, um den deutschen Sport voranzubringen?
Genau diese Abwägung müssen wir treffen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir im Freestyle-Bereich viel, viel erfolgreicher wären. Für eine Halfpipe benötigt man allerdings auch einen geeigneten Standort mit entsprechenden Minus-Temperaturen über Monate hinweg. Zum Thema Freestyle gehört übrigens auch die Frage, wie wir die Athleten überhaupt finden.
Wie meinen Sie das?
Ich habe mehrfach mit meinem australischen Kollegen gesprochen. Dort gibt es nun wirklich keine großen Skigebiete. Die Australier haben Leute aus dem Turnen mit entsprechender Körperbeherrschung geholt und ihnen das Skifahren beigebracht. Wir in Deutschland verfügen stattdessen über die technischen Voraussetzungen, um im Bob und Rodeln erfolgreich zu sein. Diese Fähigkeit müssen wir natürlich weiter nutzen.
Die deutschen 3x3-Basketballerinnen bei ihrem Gold-Coup 2024 in Paris. Foto: IMAGO/HMB-Media
Ist angedacht, manche Sportarten überhaupt nicht mehr zu fördern und noch mehr Geld in erfolgversprechende Sportarten zu stecken?
Ich denke, dass es sich eine Sportnation wie Deutschland überhaupt nicht erlauben kann, auf die eine oder andere Sportart zu verzichten. Hätten wir so gehandelt, hätten wir in Paris im 3x3-Basketball der Frauen keinen Olympiasieg geholt. Wir müssen stattdessen einen Weg finden, die Sportförderung über gewisse Zeiträume an vier Faktoren zu orientieren.
Welche sind das?
Die Leistungsfähigkeit – Stichwort Eiskanal. Das Entwicklungspotenzial, das sich zum Beispiel bei Junioren-Titelkämpfen zeigt. Das öffentliche Interesse, das eine Sportart hervorruft. Und, was für mich besonders wichtig ist, die Frage, wie viele Menschen eine Sportart betreiben.
Vor dem Abschlusswochenende liegt Deutschland im Medaillenspiegel weit weg von den besten drei Nationen. Holt der Wintersport genug aus den investierten Mitteln heraus?
Genug wird sicher niemand sagen, weil immer jeder mehr leisten will – das ist ja der Sinn von Sport.
Dann banaler gefragt: Sind Sie mit dieser Ausbeute zufrieden?
Ja, denn wir gehören immer noch zu den Top-Nationen in der Welt – auch wenn wir uns in den Kernsportarten sicher die eine oder andere Medaille mehr gewünscht hätten.
Norwegen hat fast dreimal mehr Goldmedaillen gewonnen.
Klar, wenn ich sehe, was Norwegen im Vergleich zu seiner Einwohnerzahl erreicht, muss ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: Heiliger Strohsack! Aber das liegt auch daran, wie dort der Otto Normalverbraucher sich selbst und Sport sieht. Wie sehr Sport Teil des Lebens ist, um sich fit zu halten. Wenn wir als Gesellschaft sportlich mehr machen würden, könnten wir auch im Spitzensport mehr herausholen.
Auszeichnung zwölf Jahre nach den Winterspielen in Sotschi (v. li.): Simon Schempp, Arnd Peiffer, Daniel Böhm und Erik Lesser. Foto: IMAGO/Bildbyran
Was war ihr persönlicher olympischer Gold-Moment?
Auch wenn es abgedroschen klingt: Es war, als die vier Biathleten Simon Schempp, Erik Lesser, Arnd Peiffer und Daniel Böhm zwölf Jahre nach Sotschi 2014 ihre Staffel-Goldmedaillen überreicht bekommen haben.
Es ist der bisher einzige Tag gewesen, an dem beim Biathlon in Antholz die deutsche Hymne gespielt wurde.
Dass diesen tollen Persönlichkeiten Gerechtigkeit widerfahren ist und dass ein Betrug wie durch den damals gedopten russischen Athleten nachträglich Konsequenzen hat, das fand ich sehr beeindruckend. Ansonsten bin ich natürlich ganz besonders stolz auf unsere Rodel-Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt, die eine lange Karriere mit ihrem siebten Olympia-Gold beendet haben.
Welche Lehren muss der deutsche Sport aus den Winterspielen 2026 ziehen?
Es haben uns Nationen wie Frankreich oder Italien überholt, in denen es durch die Ausrichtung Olympischer Spiele einen Ruck gegeben hat. Diesen Ruck brauchen wir auch – um Sport in der Gesellschaft hervorzuheben und aus unserem Potenzial mehr zu machen. Aktuell wird auch durch immer mehr Bürokratie verhindert, dass es überhaupt zu Spitzenleistungen kommt.
Wie sehr fehlt es dem deutschen Sport an guten Trainern?
Es ist eines unserer größten Probleme. Es gibt viel zu viele Trainer, die das Gefühl haben, dass sich der Job für sie nicht lohnt oder sie sogar drauflegen. Immer mehr Spitzentrainer überlegen, ins nahe Ausland oder nach Nordamerika zu wechseln, weil sie dort von ihrem Job gut leben können, während sie bei uns drei oder vier Sportarten betreuen müssen – das ist ein unhaltbarer Zustand.
Wie wichtig wäre eine erfolgreiche Olympia-Bewerbung für Deutschland?
Sehr wichtig. Der Sport ist in der Lage, aus sich heraus für einen Ruck zu sorgen. Doch eine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele sorgt dafür, dass die drei anderen Faktoren, die wir brauchen – die Bürgerinnen und Bürger, die Politik und die Wirtschaft –, sich an diesem Ruck beteiligen. Eine Bewerbung ist immer ein gesamtgesellschaftliches Thema. Unser Land sucht nach Orientierung, und die Bewerbung könnte genau die Bewegung bringen, die es braucht.
Deutschland will Sommerspiele ausrichten, trotzdem die Frage: Was kann man aus den Winterspielen in Italien lernen?
Olympisches Flair und der Familiengedanke sind wichtig für die Sportlerinnen und Sportler, die an Spielen teilnehmen. Im Winter ist es schwierig, dies mit dem wichtigen Aspekt der Nachhaltigkeit zu vereinen. Doch für Sommerspiele gilt, dass sie – wie 2024 in Paris – möglichst kompakt gehalten werden müssen, um das Gemeinschaftserlebnis zu stärken.