Offenburg - Der Begründer der neuzeitlichen Spiele, Baron Pierre de Coubertin, war bekanntlich kein Freund von Frauen im Spitzensport. Trotz dieser Widerstände gelang es 17 Athletinnen, ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen im Jahr 1900 durchzusetzen. Im Interview erklärt Petra Tzschoppe, dass der Kampf um Anerkennung auch 2021 noch lange nicht vorbei ist.
Petra Tzschoppe, bis jetzt haben bei den Olympischen Spielen die deutschen Frauen siebenmal Gold gewonnen. Dagegen standen nur zwei Männer ganz oben auf dem Treppchen. Ist das Zufall?
Zufall würde ich es nicht nennen. Es ist eine Momentaufnahme – aus Frauensicht aber eine sehr schöne. Es würde mich natürlich auch freuen, wenn die Männer noch einige Medaillen beisteuern. Auf jeden Fall ist es phänomenal, was die Sportlerinnen leisten.
Und jeder dieser Erfolge ist ein Schritt zu mehr Geschlechtergerechtigkeit?
Ja, mit diesen Goldmedaillen rücken die Athletinnen in den medialen Fokus und sie zeigen, dass sie großartige Leistungen erzielen können. Schauen Sie nur auf Julia Krajewski, die als erste Frau überhaupt im Vielseitigkeitswettbewerb zu Gold geritten ist.
Woran liegt es, dass die Sportlerinnen in Tokio in puncto Spitzenplätze den Männern den Rang ablaufen?
Voraussetzung für den Erfolg ist es, absolut fokussiert zu sein, sich auf dem Weg dahin nicht verunsichern zu lassen und der unbedingte Wille, im entscheidenden Moment alles zu geben. Das gelingt den deutschen Frauen in Tokio ganz ausgezeichnet. Nehmen Sie zum Beispiel die Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo. Ihre Nervenstärke hat mich fasziniert. Absolut beeindruckend fand ich auch, wie sich die Ringerin Aline Rotter-Focken mit ihrem absoluten Siegeswillen die Goldmedaille erkämpft hat.
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Malaika Mihambo aber auch die Stuttgarter Turnerin Elisabeth Seitz verspürten sehr oft immensen Druck. Dies haben beide nun auch öffentlich gemacht. Eine richtige Entscheidung?
Ja, ich denke, dass es ihnen gelungen ist, die hohen Belastungen und auch ihre Verletzlichkeit zu zeigen und dies in Stärke umzuwandeln. Wir erleben gerade jetzt bei Athletinnen eine starke Selbstreflexion, verbunden mit einem zunehmend selbstbewussten öffentlichen Auftritt, wenn wir etwa auch an die Bekleidung der Turnerinnen denken.
Viele Medaillen vom Team D haben Frauen gewonnen und das, obwohl sie unterrepräsentiert sind.
Der Anteil der Athletinnen im Team D liegt tatsächlich bei nur 40 Prozent, obwohl wir insgesamt ja mit 49 Prozent Sportlerinnen ein fast ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei den Aktiven haben. Das liegt aber daran, dass leider die Frauenteams in den großen Mannschaftssportarten mit Ausnahme von Hockey in der Qualifikation gescheitert sind. Hingegen waren die Handballer, Fußballer und auch die Basketballer in Tokio dabei – wenn auch ohne Medaillenglanz.
Beim Trainerpersonal ist die Geschlechterparität noch längst nicht erreicht. Was läuft da schief?
Bei den letzten vier Olympischen Spielen seit 2010 lag in der Summe aller Teams der Anteil der Trainerinnen um die 10 Prozent. Für Tokio kenne ich diese Zahl noch nicht, sie dürfte jedoch kaum besser sein. Und was mich wirklich ärgert ist, dass das deutsche Team mit gerade mal acht Prozent Trainerinnen noch darunterliegt. Bei den Winterspielen in Pyeongchang vor drei Jahren waren im Team D von den 80 Trainerinnen und Trainern sogar nur zwei weiblich. Dieses Missverhältnis muss sich dringend ändern.
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Und wie soll das gelingen?
Es gibt verschiedene Ursachen. Traditionelle Rollenbilder zum Beispiel, die Sport als Hort der Männlichkeit zeigen. Offensichtlich ist auch, dass dieser Beruf mit vielen Wettkämpfen am Wochenende und langen Trainingslagern nicht familienfreundlich ist. Allerdings betrifft das ja nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Auch diese wollen mehr Zeit für die Familie haben. Es müssen also Rahmenbedingungen verbessert werden. Vielleicht könnten Stellen gesplittet und damit auch vielfältigere Kompetenzen eingebracht werden zum Vorteil für die Aktiven.
Kann man Anreize setzen, um Frauen zu bewegen, Trainerin zu werden?
Da sind die Sportverbände gefragt. Sportler werden oft bereits während ihrer Karriere angesprochen, ob sie nicht Trainer werden wollen. Sie werden also ermuntert im Gegensatz zu den Sportlerinnen, die so etwas höchst selten erleben. Das finde ich äußerst unklug, sowohl, was die Wertschätzung der Athletinnen angeht, aber auch den Erhalt von Kompetenz und Erfahrung für das Sportsystem. Wir müssen Vorbilder sichtbar machen – es gibt ja hervorragende Trainerinnen, man kennt sie nur kaum.
Auch Sportjournalistinnen sind deutlich unterrepräsentiert. Wirkt sich das auf die Berichterstattung aus?
Auf jeden Fall. Bei Olympia sind die Sportlerinnen im Blickpunkt, aber ansonsten erhalten sie nur durchschnittlich zehn Prozent der medialen Aufmerksamkeit. Das ist viel zu wenig, und es entspricht nicht ihren großartigen Leistungen. Die Medien sollten ausgewogen berichten. Und sie sollten auch Inhalte und Art und Weise nicht an herkömmlichen Geschlechterklischees orientieren. Bei Sportlerinnen sollte es nicht um das Aussehen, sondern um die Leistung gehen.
Reagiert der DOSB auf diese Ungleichheit?
Ja, das tut er. Der DOSB verfolgt das Anliegen geschlechtergerechter Darstellung in den Medien schon seit Jahren. Erst unlängst haben wir mit #showusequal eine Kampagne für gerechte und respektvolle Darstellung von Sportlerinnen in den Medien initiiert. Eine faire Darstellung und Anerkennung der erbrachten Leistungen, das ist das Ziel. Die Sportlerinnen haben sich das mehr als verdient, wie wir ja gerade in Tokio erleben.