Anlässlich des Weltasthmatags erklärt Dr. med. Axel T. Kempa, Chefarzt der Pneumologie und Beatmungsmedizin, wie Asthma bronchiale erkannt werden kann, welche Rolle die richtige Therapie spielt und wie neue Behandlungsmöglichkeiten den Alltag erleichtern können.

Dr. Kempa, warum sterben immer noch Menschen an Asthma?

 

Zum Glück sterben in Deutschland nur sehr selten Menschen an Asthma – es kommt aber leider immer noch vor. Hauptgründe können sein: der Patient weiß nicht, dass er Asthma hat oder er nimmt die Therapie nicht. Weltweit betrachtet besteht ein dramatischer Mangel am Zugang zu rettenden, inhalativen Medikamenten. Das Motto des Welt-Asthmatages in diesem Jahr ist deshalb sehr wichtig.

“Access to anti-inflammatory inhalers for everyone with asthma – still an urgent need”

„Zugang zu entzündungshemmenden Inhalatoren für alle Asthmatiker – nach wie vor dringend erforderlich“

Wie wird Asthma heute zuverlässig diagnostiziert?

Das ist gar nicht banal. Wir verzeichnen 30 Prozent Über- und 30 Prozent Unterdiagnosen. Um Asthma festzustellen, schauen wir uns die Beschwerden, die Lungenfunktion, Entzündungswerte in den Atemwegen und das Blutbild an. Wenn die Befunde unklar sind, braucht es eine Provokationstestung in der Lungenfunktion mit einem Reizgas. Das ist eine spezialisierte Lungenfunktionsprüfung zum Nachweis einer bronchialen Überempfindlichkeit.

Wann sollte ich mit meinen Beschwerden in eine pneumologische Sprechstunde kommen?

Wenn der Hausarzt oder Kinderarzt dies empfiehlt oder dort keine Ursache für die Beschwerden gefunden werden.

Welche Rolle spielen Allergien, Luftqualität, Infekte oder Sport als Auslöser?

Bei Kindern und Jugendlichen sind dies quasi immer Auslöser. Bei Erwachsenen dagegen viel seltener, insbesondere Allergien sind dann nicht die Ursache.

Luftqualität ist sehr wichtig für Atemwegserkrankungen – schlechte Luftqualität kann Asthma zwar nicht auslösen, aber deutlich verschlechtern.

Sport dagegen kann Auslöser sein (“exercise induced asthma”). Grund ist, dass sich die Luftmenge, die pro Minute ein- und ausgeatmet wird, bei Belastung verzehnfachen kann; gerade an kalter Luft trocknen die Schleimhäute aus und sind gereizt.

Was kann ich tun, wenn ich einen Asthmaanfall habe?

Am besten vermeiden. Wer weiß, dass er Asthma hat, hat in der Regel ein Notfall- oder Bedarfsmedikament. Das reicht dann heutzutage als Grund- und Notfalltherapie aus.

Ab wann ist ein Asthmaanfall ein Notfall?

Wenn Symptome wie schwere Atemnot, zu wenig Sauerstoff im Blut, eine sehr schnelle Atmung auftreten, dann sollte man in die Klinik gehen.

Typische Anzeichen für Asthma bronchiale

  • Engegefühl in der Brust
  • pfeifende Atmung
  • Husten
  • erschwertes Einatmen
  • Atemnot

Oft treten die Beschwerden nachts und in den frühen Morgenstunden auf. Ein Kennzeichen ist, dass sich die Krankheitsperioden mit beschwerdefreien Zeiten abwechseln.

Wie therapieren Sie Asthma?

Nach der SMART-Methode. SMART steht für Single Maintenance and Reliever Therapy. Ein wirklich fortschrittliches Verfahren, das einen Inhalator mit Kortison, der akut hilft und die Entzündung behandelt, mit einem Bronchodilatator kombiniert, der die Atemwege erweitert. So erreichen wir eine bessere Krankheitskontrolle, einen geringeren Medikamentenverbrauch und damit weniger Nebenwirkungen – und natürlich ist die Therapie auch kostengünstiger.

Viele Menschen haben Angst, Kortison zu nehmen? Ist diese Sorge berechtigt?

Die Dosis ist entscheidend. Diese ist inhalativ sehr niedrig. Bei Erwachsenen zeigen sich damit keine systemischen Kortisonnebenwirkungen.

Gibt es eine neue Therapie, die individueller helfen kann, zum Beispiel Biologika, personalisierte Medizin?

Es gibt sehr wirksame neue Medikamente wie die Biologika, die Entzündungen gezielt blockieren. Diese Medikamente setzen wir bei wirklich schwerem Asthma ein. Dies setzt voraus, dass schweres Asthma vorher sicher diagnostiziert wurde.

Was ist der größte Irrtum über Asthma?

„Asthma ist gleich Allergie“ ist ein Mythos. Asthma ist eine chronische Entzündung der Atemwege. In einigen Fällen, zum Beispiel bei Kindern, können allergische Reaktionen, zum Beispiel auf Pollen oder Tierhaare, zu einer Entzündung der Atemwege führen. Bei nicht behandelten allergischen Entzündungen kann sich ein Asthma entwickeln – ein sogenannter „Etagenwechsel“.

Vielen Dank für das Interview!