Viola Medda und Manuela Weis (re.) sind zwei der Protagonistinnen des „Drachenflieger“-Projekts. Auch Hund Mokka hilft mit. Foto: Stefanie Schlecht
Kinder psychisch erkrankter Eltern haben oft ein Päckchen zu tragen. Damit sie sich gehört fühlen, gibt es im Kreis Böblingen die „Drachenflieger“. Hier schütten Kinder ihre Seele aus.
Unsicherheiten, Sorgen, Schuldgefühle - wenn ausgerechnet die engsten Bezugspersonen von Kindern, die eigenen Eltern, psychisch erkrankt sind, stehen Kinder vor großen emotionalen Ungewissheiten: Wie geht es Mama oder Papa heute? Wird es wieder gut werden? Und: Trage ich als Kind möglicherweise Schuld an dem schlechten Wohlbefinden von Mama oder Papa?
Weil in solchen Fällen Eltern als Ansprechpersonen wegfallen, brauchen Kinder andere Anlaufstationen, mit denen sie ihre Sorgen und Nöte teilen und von denen sie fachliche Einordnung und Unterstützung erhalten können. Das Projekt „Drachenflieger“ der drei Jugendhilfeträger Mevesta, ehemals Verein für Jugendhilfe, Stiftung Jugendhilfe Aktiv und Waldhaus setzt hier an.
Psychisch belastete Eltern verunsichern Kinder
„Wenn Eltern an schwerwiegenden Erkrankungen wie Depressionen, Persönlichkeitsstörungen leiden oder von Substanzen abhängig sind, hat dies oft starke, negative Auswirkungen auf deren Kinder. Kinder verspüren dann häufig eine große Unsicherheit und einen Verlust an Orientierung“, erklärt Manuela Weis vom Sozialpsychiatrischen Dienst im Evangelischen Diakonieverband Böblingen. Sie ist zuständig für die Zentrale Anlauf und Vermittlungsstelle für die Hilfen für Kinder von psychisch erkrankten und suchterkrankten Eltern im Landkreis Böblingen.
Eigentlich sind Eltern die ersten Ansprechpersonen für Kinder. In manchen Fällen können Eltern diese Rolle aufgrund einer eigenen Krankheit nicht einnehmen. Foto: Annette Riedl/dpa/dpa-tmn
In den an 14 Terminen wöchentlich stattfindenden „Drachenflieger“-Gruppen berichten die zumeist Sechs- bis Zwölfjährigen zum Beispiel von Situationen, in denen die Mutter aufgrund einer schweren depressiven Episode kaum ansprechbar oder der Vater wegen Alkoholkonsums aggressiv sei. „Kinder brauchen emotional verlässliche Bezugspersonen. Wenn sie nicht wissen, wie sie Mama oder Papa antreffen, belastet das sehr“, weiß Viola Medda von der Stiftung Jugendhilfe Aktiv. Bei den „Drachenfliegern“ können sie offen darüber reden und durch die Fachkräfte hören, wie diese Dynamiken einzuordnen seien.
Sie können ihre Gefühle in einem vertrauensvollen Rahmen zeigen, lernen andere Kinder in ähnlichen Lebenssituationen kennen und können sich austauschen. Dabei erlernen sie den Umgang mit Gefühlen, erleben Selbststärkung durch spielerische und kreative Methoden. In kindgerechter Form wird zudem über psychische Erkrankungen aufgeklärt.
Bei „Drachenflieger“ können Kinder in geschütztem Rahmen sprechen
Das passiere stets in einem geschützten Rahmen, mit geschultem Fachpersonal und anderen Kindern, die Ähnliches erlebt haben. „Wir erleben manche Kinder, die kurz nach Start der Gruppentermine schnell viel erzählen. Andere sind zunächst noch verschlossen und hören lieber zu. Es wird aber immer deutlich, dass schlussendlich alle Redebedarf haben“, sagt Viola Medda, die seit über 20 Jahren im sozialpädagogischen Jugendhilfe tätig ist.
In der Reflexion mit eigentlich schweren Themen wie Depressionen oder Sucht kämen Kinder durch ihre Naivität immer wieder auf Gedanken, die auch Erwachsene zum Nachdenken bringen: „Wir haben schon Fragen gehört, wie zum Beispiel: ‚Wenn es so viel Schlechtes anrichtet, warum gibt es überhaupt Drogen?’. Oder: ‚Kann ich psychisch auch so krank werden wie meine Mutter oder mein Vater’?“, erzählt Medda. Weil auch solche Unsicherheiten hier geklärt werden können, seien Projekt wie das im Kreis Böblingen so nützlich. Vergleichbares gibt es auch in Nachbarkreisen. Wer an den „Drachenfliegern“ interessiert ist, soll keine langen Formulare ausfüllen oder gar Behörden kontaktieren. Das Angebot ist bewusst niederschwellig angelegt und kostenlos, sodass sich viele Betroffene im Landkreis angesprochen fühlten.
Wichtig sei Eltern, die sich melden, hierbei oft, dass die Anmeldung keine Mitteilung an das Jugendamt zur Folge hätte. „Davor haben manche Eltern Angst“, betont Weis. Viola Medda erläutert: „Das gibt es nur in wirklich begründeten Fällen von Kindeswohlgefährdung. Und dann auch immer in Kommunikation mit den Eltern. Das ist in vielen Jahren aber nur wenige Male vorgekommen.“
Bei den „Drachenflieger“ werden anfangs auch die Eltern einbezogen
Auch wenn im Großteil des Programms die Kinder im Fokus stehen, erfolgen auch Direktgespräche mit den Eltern oder einem Elternteil, je nach Situation. „Beim Kennelerngespräch hören wir uns an, welche Problemlagen es gibt. Die allermeisten Eltern wollten ihren Kindern Gutes“, sagt Manuela Weis. Wenn allen sicher seien, dass es um das Wohl ihrer Kinder gehe und nicht um eine Verurteilung oder gar Bestrafung, seien die Chancen auf ein offenes und ehrliches Gespräch und eine Verbesserung der Situation gegeben.
Das Beratungsangebot hat allerdings nicht nur einen quasi-therapeutischen Nutzen, die „Drachenflieger“ wirken auch präventiv. Denn Kinder von heute sind die Eltern und potenziell auch die psychisch Erkrankten von morgen.
Studien belegen: Das Risiko, dass Kinder von psychisch oder suchterkrankten Eltern, als Erwachsene selbst erkranken ist deutlich erhöht.„Schon allein aus diesem Grund ist es wichtig, früh anzusetzen“, unterstreicht Manuela Weis.
„Drachenflieger“ steht jedem Kind offen
Infos Die Gruppentermine finden wöchentlich in Böblingen/Sindelfingen, und im Halbjahreswechsel in Herrenberg und Leonberg statt. Insgesamt vier Mitarbeiterinnen von den Vereinen Mevesta,, Waldhaus und der Stiftung Jugendhilfe Aktiv führen das „Drachenflieger-Projekt“ durch.