Drag-Bingo im Kulturkiosk in Stuttgart Zwischen Lebensfreude und Beleidigungen in der Stadtbahn

Veronica Mont Royal (links) und Didi Divalicious tanzen beim Drag-Bingo am Kulturkiosk im Züblin-Parkhaus, das zum Renner dieses Treffs geworden ist. Foto: /ubo

Der Kulturkiosk feiert seinen letzten Sommer im Züblin-Parkhaus. Der Ansturm ist groß, wenn das urbane Leben beim Drag-Bingo aufblüht. Die Freude wird getrübt von einem Vorfall in der Stadtbahn in Stuttgart: Zwei Transjugendliche wurden böse beschimpft.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Wenn es nur immer so gestopft voll wäre bei Sara Dahme in ihrem Kulturkiosk! Mitten in der Pandemie hat die Lehrerin und Kunstvermittlerin im Sommer 2020 im Züblin-Parkhaus ein hochgelobtes Experimentierfeld für neue Formen des urbanen Lebens am Rande des Rotlichtviertels eröffnet. Seit einem Jahr ist der Ansturm groß, wenn die Diven tanzen. Aus einem Geheimtipp ist ein lauter, witziger Hit geworden.

 

Wenn Dragqueens zum Spielen einladen, muss das Team des etwas anderen Kiosks immer noch mehr Stühle, Hocker und Bänke nach außen tragen. Drinnen würde der Platz fürs Drag-Bingo nicht ausreichen. Bei diesem Spaßevent, der queere und heterosexuelle Menschen vereint, stimmt der Umsatz. Dies ist nicht immer der Fall.

Wäre Sara Dahme nicht mit großer Leidenschaft bei der Sache, würde sie es nicht immer wieder schaffen, an Fördergelder der öffentlichen Hand zu kommen – sie hätte längst schon aufgegeben, weil kaum etwas damit zu verdienen ist.

Gefördert wird das vor einem Jahr gestartete Drag-Bingo nicht, das mitten in der City vorführt, wie bunt, vielseitig und, ja, großstädtisch das von Auswärtigen noch immer als provinziell eingestufte Stuttgart ist. Als Sara Dahme an das Kulturamt im Rathaus einen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellte, kam als Antwort zurück, dass „der künstlerische und kulturelle Aspekt“ fehle.

Das Spiel Bingo gibt es seit 1929 unter diesem Namen

Mit Power feiern die Dragqueens Didi Divalicious (diesmal im Glitzerkleid) und Veronica Mont Royal (ganz in Weiß mit orangefarbenen Haaren) eine quirlige Show der Lebenslust und des Stolzes, so zu sein, wie man ist. Die beiden ziehen die Zahlen beim Bingo. Das Spiel ist 1929 vom US-Amerikaner Edwin Lowe unter diesem Namen eingeführt worden. Auf einem Jahrmarkt in Georgia hatte er Spanier beobachtet, die beim Spielen ihre Zahlen mit getrockneten Bohnen abdeckten und bei Gewinn „Beano“ riefen. Aus diesem Ruf ist „Bingo“geworden, was längst auch in Stuttgart beliebt ist. Am Kulturkiosk ist eine bunt gemischte Runde aus verschiedenen Generationen mit Eifer dabei.

Treffen des CSD-Sprechers mit dem Oberbürgermeister

Unter den Gästen ist Detlef Raasch, der Sprecher des Stuttgarter CSD. Im „Pride Month“, bei dem weltweit immer im Juni als Monat des Stolzes der Reichtum der Vielfalt gefeiert wird (zurückgehend auf den Aufstand von Homosexuellen am 28. Juni 1969 nach Polizeirazzien in der Bar Stonewal in New York), freut er sich, dass in immer mehr Städten in der Nähe von Stuttgart der CSD gefeiert wird. Nach den jeweils ersten Demos der Rainbow-Community in Pforzheim und Reutlingen folgt Esslingen am Samstag. Der Zug startet um 16 Uhr beim Bahnhof. Auf dem Marktplatz findet eine Hocketse statt.

Was Raasch überhaupt nicht freut, ist, dass Übergriffe auf queeren Menschen nicht enden. Dieser Hass ist deshalb das Thema beim Stuttgarter CSD 2023. Erst kürzlich, berichtet der Vorstandssprecher, seien zwei Transjugendliche in einer Stuttgarter Stadtbahn mit den Worten „Ihr gehört vergast“ beschimpft worden. Die beiden hätten Anzeige bei der Polizei erstattet, die schnell und sehr gut gehandelt habe, teilt Raasch mit. Um das Anliegen der Community rechtzeitig im Rathaus vorzutragen, hat er sich bereits mit OB Frank Nopper (CDU) getroffen. Das Gespräch sei „gut verlaufen“, sagt der CSD-Sprecher.

Im November endet der Mietvertrag für den Kulturkiosk

Nur noch für einen Sommer kann im Kulturkiosk gefeiert, ausgestellt und das urbane Leben genossen werden. Im November endet der Mietvertrag. Dabei ist noch gar nicht klar, wie es mit dem Züblin-Parkhaus weitergeht, ob es abgerissen oder umgebaut wird, um bei der Internationalen Bauausstellung 2027 eine neue Quartiermitte der wiedervereinten Leonhardvorstadt zu schaffen. Sara Dahme sucht seit Wochen nach neuen, möglichst zentralen Räumen für ihr Kulturprojekt. Bisher hat sie nichts Geeignetes gefunden.

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