Out of und in Drag: Danny Dombrowski aka Danny Ma Fanny. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone (li.)/Danny Ma Fanny (re.)
Aus dem Archiv - In der Stuttgarter Drag-Szene ist Danny Ma Fanny keine Unbekannte. Der Stuttgarter Danny Dombrowski spricht mit uns über sein Alterego, das queere Nachtleben im Kessel, seine Sorgen mit Blick auf die aktuelle Weltlage und skurrile Fan-Geschichten.
Dieser Text ist zum ersten Mal am 17. April 2025 erschienen
US-Präsident Donald Trump jongliert mit Strafzöllen und geht in den USA unter anderem massiv gegen Transmenschen, Programme für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion vor. In Deutschland liegt die AfD laut Umfragen erstmals vor der Union – während die Welt in Stuttgart noch in Ordnung zu sein scheint. In der Marshall Matt Bar jedenfalls wird an diesem frühsommerlichen Spätnachmittag geschwätzt und getrunken – es herrscht eine ausgelassene Stimmung.
In der Bar in der Stuttgarter Eberhardstraße ist er oft und gerne, das hat mir Danny Dombrowski, der auch als Drag Queen Danny Ma Fanny bekannt ist, bereits erzählt. Klar also, dass wir uns dort treffen. Danny ist schon etwas früher da, sitzt mit einem Getränk an einem Zweiertisch im Außenbereich und begrüßt mich mit einer herzlichen Umarmung. Noch kurz ein letzter Schnack mit den Bekannten am Nebentisch, dann liegt seine Aufmerksamkeit ganz auf unserem Gespräch. „Ich habe in Stuttgart kein wirkliches Lieblingscafé, aber hierher komme ich echt gerne“, sagt er.
Danny Dombrowski beim Treffen in der Stuttgarter Eberhardstraße. Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone
Der 31-Jährige ist gebürtiger Leipziger, eine richtige Verbindung zu der Stadt in Sachsen hat er jedoch nicht mehr, wie er selbst sagt. „Meine Familie ist dort weggezogen, als ich 12 Jahre alt war. Das letzte Mal war ich vor Corona dort“, so Danny. Sein Herz schlägt viel mehr für Stuttgart, die Stadt, die er Heimat nennt und mit der er sich verbunden fühlt, wie im Gespräch klar wird.
In Stuttgart nachts nicht alleine Bahn fahren
Weil die politische Lage in Deutschland und anderen Teilen der Welt aktuell ein Thema ist, um das man kaum herumkommt, kommen auch wir darauf zu sprechen. Danny zeigt sich offensichtlich besorgt, vor allem was das Leben und die Rechte von queeren Menschen in Zukunft betrifft. Auch, wenn er sich hier in Stuttgart sicher fühlt, wie er selbst sagt. „Aber natürlich habe ich mir mit Blick auf die Wahlen und Dinge, die gerade in den USA, Ungarn und vielen anderen Ländern passieren, auch Gedanken gemacht.“
Ob er in Stuttgart schon mit Anfeindungen zu kämpfen hatte? „Nee, zum Glück noch nie so extrem“, sagt Danny, während er an seiner E-Zigarette zieht und seine dunkle Sonnenbrille zurechtrückt. „Man hört schon mal einen blöden Spruch oder kassiert Blicke und natürlich gab es schon unangenehme Situationen, in denen ich angemacht wurde. Zum Beispiel werde ich spät nachts im Drag nicht mehr alleine Bahn fahren, auch nicht am CSD – dann lieber ein Taxi oder mein Freund fährt mich.“
„Kinder können echt furchtbar sein“
Für seinen Freund, erzählt Danny, ist er vor 10 Jahren von der Ostalb nach Stuttgart gezogen. Für jemanden, der sich schon in frühen Jahren seiner Sexualität bewusst war, mitunter auch eine Erleichterung. „Ich wusste relativ früh, dass ich schwul bin und hatte schon immer diese feminine Ader in mir“, erzählt Danny.
In einer 8000-Seelen-Gemeinde nahe Aalen aufzuwachsen, war für den heute 31-Jährigen nicht immer einfach. „Du weißt ja wie es oft ist auf dem Land“, meint er. „Ich habe mich schon immer recht auffällig gekleidet, da gab es wenig Zuspruch. Und Kinder können schon echt furchtbar sein.“
Seine Familie stehe seit er denken kann hinter ihm. „Ich war schon immer ein sehr flamboyantes Kind“, lacht er. „Meine Eltern haben mich in meiner Kindheit und Jugend immer supportet. Wenn ich mir eine Barbie gewünscht habe, dann habe ich die auch bekommen.“ Allein stand Danny also nicht da. Und dennoch: „Blöde Sprüche tun natürlich trotzdem weh, auch wenn man nach außen versucht, stark zu bleiben – und das habe ich immer getan“, sagt er.
Ausgrenzungen in der Gay-Dating-Szene
Unterkriegen lässt sich Danny davon nicht. Auch wenn er sich schließlich doch ein wenig anpasst, als es für ihn als Jugendlicher mit dem Dating losgeht. „In der schwulen Community tun wir immer so, als wären wir so inklusiv, sind es aber tatsächlich nicht unbedingt immer.“ Auf Gay-Dating-Plattformen begegneten einem beispielsweise oftmals ausgrenzende Aufrufe wie „Suche nur straight acting oder hetero-like“, also Männer, denen man nicht unbedingt anmerkt, dass sie schwul sind, erzählt Danny. „Das fand ich schon krass.“
Dennoch bietet Stuttgart ihm nach dem Umzug die Freiheit, nach der er früher immer gesucht hat. Die US-amerikanische Reality-Show „RuPaul’s Drag Race“, in der Drag Queens gegeneinander antreten, ist es schließlich, die Danny zum Drag bringt. „Am Anfang fand ich die Show echt kacke“, sagt er und lacht. „Die lauten, teils vulgären Akteure haben mich zuerst total abgeschreckt.“
Drag als Persönlichkeitspush
Dennoch weckt die Kunstform das Interesse des Stuttgarters. Seine erstes Event in Drag erlebt Danny in der Stuttgarter Weißenburg, einem Treffpunkt und Safe Space für die Stuttgarter LSBTIQA+-Community. „Das erste Mal in Drag rauszugehen war für mich schon sehr nervenaufreibend. Mich als Person, die die eigene Feminität bis dahin immer als Problem gesehen hat, raus aus den eigenen vier Wände in diese Rolle zu begeben – mit der Sorge vor Ablehnung – das war schon krass, aber auch ein tolles Gefühl.“
Mittlerweile sei er an seinen Erfahrungen gewachsen – nicht nur im Drag, sondern auch persönlich. „Ich bin wesentlich mehr outgoing, denn ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Natürlich ist Danny Ma Fanny eine Kunstfigur, aber sie ist ja trotzdem ein Teil meiner Persönlichkeit“, so Danny.
„Ich kann eine Person sein, die in einer Unterhaltung einen wahnsinnig hohen Redeanteil hat, ich kann aber auch das komplette Gegenteil sein – das kommt ganz auf das Umfeld an. Im Drag geht das auf Knopfdruck. Und das hat auch meine Persönlichkeit enorm gepusht.“ Dass er persönlich sich mit dem Drag verändert hat, bemerkt er auch an diesen Nachmittag in unserem Gespräch. „Beispielsweise Interviewsituationen wie jetzt gerade fand ich früher sehr unangenehm, heute freue ich mich über ein gutes Gespräch“, sagt er, während er an seinem Getränk nippt.
Wenn du mich kacke findest, ist das nicht mein Problem“
Das Selbstbewusstsein, dass Danny anfangs fehlte, strahlt er heute aus. „Ich sage mir: Wenn du mich kacke findest, ist das nicht mein Problem“, erzählt er und lacht. „Ich habe die Freiheit, in einem Land leben zu dürfen, wo ich sein kann wie ich möchte.“
Mittlerweile hat sich der Stuttgarter als Drag Queen längst einen Namen gemacht, doch die Anfänge waren schwer. „Zu Anfangszeiten habe ich unter der Woche abends nach der Arbeit mein Make-up geübt, jedes Wochenende Bilder gemacht und immer versucht stetig zu wachsen und besser zu werden.“ Die regelmäßige Arbeit für seine Drag-Auftritte unter der Woche und am Wochenende hat Danny mittlerweile reduziert. Dennoch steckt er nach wie vor viel Aufwand und Herzblut in seine Bilder und Performances. Da kann schon mal ein ganzer Arbeitstag draufgehen.
Danny hat sich deshalb vor Kurzem eine Auszeit von seinem ursprünglichen Job als Hairstylist in einem Stuttgarter Studio genommen und macht derzeit eine Weiterbildung. Das Drag-Dasein läuft nebenher. Mit dem Drag hat sich Danny, wie er erzählt, in gewisser Form auch einen anderen geheimen Jugendtraum erfüllt. „Als Jugendlicher war ich ein riesengroßer Girlgroup-Fan, ich liebe die Sugarbabes“, sagt er. „Wenn ich heute als Drag Queen auf die Bühne gehe und zu den Songs meiner Lieblingsbands performen darf, ist das meine selbstverwirklichte Girlband-Fantasy, die ich jetzt mit 31 Jahren leben kann. Mit 13 konnte ich davon nur träumen.“
Drag-Karriere in Eigenregie
Im Gegensatz zu vielen anderen Drag Queens setzt Danny Ma Fanny heute zwar auch auf Auftritte, wie beispielsweise Anfang September gemeinsam mit den Drag Queens des House of V im Stuttgarter Renitenztheater, hat sich parallel aber auch auf Social Media mit regelmäßigem Content ein Standbein aufgebaut. Auf Instagram folgen ihm fast 20.000 Nutzer, auf Tiktok hat Danny Ma Fanny bereits rund 8600 Follower.
In TV-Shows wie „Viva la Diva“ saß er bereits in der Jury. Auch für Kooperationen und Werbeshootings wird der 31-Jährige als Danny Ma Fanny gebucht. Erst kürzlich fand eines für die Stylingmarke got2b statt. „Bei meinem ersten Job für got2b vor einigen Jahren habe ich gemerkt, dass ich jetzt an dem Punkt bin, wo ich sein soll“, erzählt er.
Doch nicht nur bei Werbeshootings gibt Danny alles, auch bei seinen eigenen Bilder ist er hinterher – oft in Eigenregie. Er bearbeitet jedes selbst und fotografiert sich zum Teil – „im Notfall“, wie er sagt – auch eigenständig, mit Selbstauslöser. „Der Großteil meines Instagram-Contents ist selbst produziert, ich habe auch kein Management“, erklärt er.
Ob er sich vorstellen könnte, wieder in den Job als Hairstylist zurückzukehren? „Ich mache mir gerade viele Gedanken darüber, was ich machen möchte und bewerbe mich auf verschiedene Jobs“, so Danny. Er lasse sich auf das ein, was kommt. Doch auch Drag und das Modeln für Werbekooperationen will Danny weiter vorantreiben. „Ich könnte mir schon vorstellen, in der Zukunft mal davon zu leben.“
Nur Social-Media- statt Drag Queen auf der Bühne?
Dass Danny, weniger als andere Stuttgarter Drag Queens, auf Auftritte setzt, stößt, wie er selbst beobachtet, teils auf Unverständnis in der Community. „In der Szene werde ich immer so ein bisschen belächelt, weil ich wenig performe und mehr auf Social Media unterwegs bin.“
Er werde von vielen Seiten als „Social-Media-Queen gesehen. „Es kommen Sprüche wie ,Danny Ma Fanny hat man doch noch nie draußen gesehen’. Die Drag-Szene ist eben wie viele andere Szenen auch schwer umkämpft“, so Danny. „Aber Content für Social Media machen und neue Dinge ausprobieren, das ist nun mal mein Ding“, schwärmt er. Die Euphorie steht Danny geradezu ins Gesicht geschrieben, das sieht man trotz Sonnenbrille. „Ich mache mir über das Gerede keinen Kopf, schaue wenig nach links und rechts und lege den Fokus auf mich, weil ich meine komplette Energie in mein Schaffen packen will.“
Von Fans beim Feiern tapeziert
Bekannt ist Danny in Stuttgart jedenfalls so oder so. Wenn er in der Stadt unterwegs ist, halten sich die Fan-Aufläufe dennoch in Grenzen, erzählt er lachend. „Meine Transformation ist doch so gut, dass man mich als Danny nicht unbedingt erkennt, außer man weiß es“, sagt er.
Dennoch komme es gerade beim Feiern gehen in Stuttgart immer mal wieder zu Situationen, in denen er von eingefleischten Fans dann doch ausgemacht und angesprochen werde. An eine Situation erinnert sich der 31-Jährige nachhaltig: „An einem Abend ist ein Typ durch den Club gegangen und hat unsere Gesichter mit roten Herzen beklebt“, erzählt er lachend.
Flaute in der queeren Partyszene in Stuttgart
Was die queere Partyszene in Stuttgart angeht, ist Danny heute generell weniger in entsprechenden Locations unterwegs als früher – auch privat, out of Drag, sagt er. „Ich finde, mit der Zeit und auch der Corona-Pandemie hat sich das alles etwas zum Negativen gewandelt. Früher waren wir gefühlt jede Woche im Kings Club, der ja nun leider geschlossen ist. Jetzt gibt es gefühlt noch eine Handvoll Gay-Bars, queere Partyreihen – und das Studio Gaga.“ Das Zwischennutzungskonzept im Rahmen des Studio Amore Clubs im ehemaligen Hotel am Schlossgarten sei für ihn tatsächlich eine Art Ersatz-Kings Club gewesen, sagt er. „Aber das muss ja leider auch bald schließen – ich finde, da könnte wirklich mehr sein.“
Danny vermisst vor allem Bars und Clubs, wo man auf Pop feiern gehen kann – nicht unbedingt nur innerhalb der queeren Szene. „Viele ältere Läden, wo das ging, gibt es nicht mehr.“
„Ist Stuttgart not ready oder zu konservativ?“
Zwar gäbe es in der Drag-Szene zudem beispielsweise auch Public Viewing-Events oder Drag-Bingo-Abende, dort blieben, wie ihm auch andere Stuttgarter Drag Queens erzählt hätten, immer häufiger die Gäste aus. „Da muss man sich dann halt schon fragen: Ist Stuttgart not ready oder zu konservativ? Oder was muss man den queeren Menschen – vor allem auch den jungen, die sich vielleicht nicht mit dieser glitzernden Bubble identifizieren – bieten, damit sie es annehmen?“, so Danny.
Auch für die Stuttgarter Weißenburg würde sich Danny mehr Support wünschen. „Ich finde es schade, dass das von der Stadt nicht stärker subventioniert wird – aber vor Ort gibt es wohl auch Ärger mit Anwohnern, denen die Events teils zu laut sind.“ Laut Danny hat Stuttgart echten Nachholbedarf, was Orte für die queere Community angeht.
Die CSD-Planung steht an
Was den CSD im Juli angeht, ist Danny Ma Fanny dieses Jahr auch überregional unterwegs. „Ich bin dieses Jahr in Köln auf dem got2b-Truck dabei.“ Auch die Vienna Pride könnte er sich vorstellen. Metropolen Berlin oder Wien ist er im Übrigen nicht abgeneigt, wie er erzählt – auch wenn er immer wieder gerne nach Hause, in den Kessel, zurückkommt.
Denn Danny schätzt das entspannte Leben hier – mit Freundeabenden in Bars oder gemütlichen Abendessen in Stuttgarts zahlreichen Gastronomien. Auch an diesem Abend verabschiedet er sich, denn es geht noch weiter in den Biergarten im Klingenbachpark im Stuttgarter Osten, der Homebase des 31-Jährigen. „Dort bin ich im Frühling und Sommer immer richtig gerne. Für einen fairen Preis gibt’s dort richtig leckeres Essen.“ Ein Schwabe im Herzen halt.