Drag Queen im Kreis Böblingen Vom Musikpädagogen in den Fummel

Um so auszusehen, schminkt sich Patrick Winter zwischen zwei und drei Stunden. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Buerke

Patrick Winter ist ein Verwandlungskünstler: Wenn er sein Make-up, seine Perücke und sein Kostüm anlegt, verwandelt er sich in die Drag Queen Miss Roxxy. Mit Hilfe der Kunstfigur drückt er nicht nur seine künstlerische Ader aus, sondern schafft auch gesellschaftliche Akzeptanz.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Patrick Winter sitzt im Auto und fährt zu einem Auftritt. Auf dem Weg dorthin wird er von einem Polizisten angehalten, der mit großen Augen durch die Fensterscheibe des Autos späht. Der Ordnungshüter erblickt eine Person, die mit mehreren Schichten Make-up, aufgeklebten Wimpern, Plastik-Brüsten, glitzerndem Outfit und einem Haarnetz auf dem Kopf hinterm Steuer sitzt. Einzig die Perücke fehlt, sie liegt auf dem Beifahrersitz. Als der Polizist seinen Führerschein sehen will, dämmert es ihm wahrscheinlich bereits, dass die Kontrolle nichts bringen wird: Denn äußerlich hat Patrick Winter nichts mit der Person auf dem Foto des Ausweisdokuments gemein. In diesem Moment ist er Miss Roxxy – eine Drag Queen.

 

Nach der Schule fängt ein neues Leben an

Eine Drag Queen ist eine Person, die weibliche Attribute in stark überzeichneter Art und Weise zur Schau stellt. Die Aufmachung zieht Blicke auf sich – etwas, das der 28-jährige Patrick Winter, der in Waldenbuch und Steinenbronn aufgewachsen ist, in seiner Jugendzeit stets vermieden hat: „Ich bin nie aufgefallen. Ich war immer derjenige, der halt auch da war.“ Nach seiner Mittleren Reife beginnt er mit sechzehn Jahren eine Ausbildung zum Musikpädagogen. „Viele fragen sich jetzt wahrscheinlich, wie ich vom Musikpädagogen in den Fummel gekommen bin“, sagt er über seinen Weg zur Drag Queen. Die Antwort: Nach dem Schulabschluss fängt für ihn ein neues Leben an: Er outet sich als homosexuell und findet in seiner Ausbildung gleichgesinnte Kunstschaffende.

Eine Dompteur-Jacke für den Anfang

Lange Zeit interessiert ihn das Thema Drag überhaupt nicht. Als er in Stuttgart in einem Club einen durchtrainierten Mann sieht, der Eyeliner trägt, ist er zunächst schockiert, dann aber fasziniert. In diesem Moment fühlt er sich, als wäre er neu geboren worden. Ein Mann, der Eyeliner trägt – geht das denn? An Halloween 2018 probiert er zum ersten Mal aus, was bis dahin nur in seiner Vorstellung existiert hat: Er kauft sich eine Perücke und ein Kostüm – eine rote Dompteur-Jacke mit goldenen Knöpfen. Als er im Badezimmer vor dem Spiegel steht und die Perücke aufzieht, macht es klick: „Das war der Moment, in dem ich realisiert habe, dass das etwas werden könnte“, sagt er. Er ist fasziniert davon, wie er sein Aussehen verändern kann – wie er zum Formwandler wird.

Meist zu Halloween verkleidet er sich in den folgenden Jahren als Drag Queen, doch mit der Pandemie schwinden die Gelegenheiten. 2021 dann hat ein befreundeter Musiker eine zündende Idee: Warum nicht als Drag Queen auftreten und live auf der Bühne eine musikalische Show abziehen? Die perfekte Kombination für den Musikpädagogen, der in Hildrizhausen lebt und hauptberuflich in Reutlingen Klavierunterricht gibt.

Stundenlanges Schminken

Der 28-jährige stellt sieben Livestream-Konzerte mit anderen Künstlern auf Instagram auf die Beine. Eine Gelegenheit für ihn, zu üben und eine Routine zu entwickeln. Um sich in Miss Roxxy zu verwandeln, braucht es viel Zeit, Aufwand und Können. Seine ersten Make-up-Versuche beschreibt Patrick als wilde Mischung aus Harald Glööckler und Nina Hagen. Vor einem Auftritt braucht er zwischen zwei und drei Stunden allein, um sein Make-up aufzulegen. Dann beginnt er, die „Unterkonstruktion“ zu bauen, wie er es nennt. Bis zu vier blickdichte Strumpfhosen zieht er über. Um breitere Hüften zu bekommen, schlüpft er in eine mit Schaumstoff gepolsterte Hose. Dann schnallt er sich ein Korsett um und legt eine sogenannte Brustplatte an, die er sich um den Nacken schnallt. Dann noch eine Perücke auf den Kopf, und High Heels an die Füße.

In seinen Shows erwartet das Publikum Live-Musik und Unterhaltung. Zwar ist sein großes Vorbild Hape Kerkeling, doch er sieht sich selbst nicht als Comedian, sondern als Entertainer. In Aichtal stellte er voriges Jahr mit einigen anderen Künstlerinnen und Künstlern zwei Shows auf die Beine, die sich mehrere Hundert Leute anschauten. Politische Themen kommen in seinen Shows kaum vor – mit Absicht. „Ich weiß, dass ich als Mann im Fummel sowieso schon ein Statement setze“, sagt der 28-Jährige. Sein Auftreten provoziert manche Menschen, darüber ist er sich im Klaren. Aber er will niemanden mit dem Brecheisen davon überzeugen, eine Drag Queen gut finden zu müssen.

Patrick Winter alias Miss Roxxy will Berührungsängste abbauen

Vielmehr will er Akzeptanz durch Neugier schaffen: Nach seinen Shows mischt er sich deshalb unters Publikum. Statt einer Perücke hat er eine Mütze auf dem Kopf, statt eines glitzernden Outfits ein schwarzes T-Shirt. Einzig sein geschminktes Gesicht erinnert noch an Miss Roxxy. „Die Berührungsangst nimmt ab, weil ich in diesem Moment wieder überwiegend Patrick bin“, sagt er. Dann merken die meisten Zuschauer, dass er eigentlich ein ganz „normaler“ Kerl ist – auch wenn er das Wort nicht leiden kann.

Über persönliche Gespräche und positive Erfahrungen will er skeptische Leute aufweichen und die Person hinter der Miss Roxxy Fassade zeigen. Seine Herangehensweise führt er darauf zurück, dass er in einer ländlichen Gegend aufgewachsen ist: Gemeinschaft, zwischenmenschliche Nähe und ein familiäres Zusammensein – darauf legt er Wert. Der 28-Jährige ist überzeugt, dass der persönliche Kontakt mit ihm am Ende den Unterschied macht: Wohl sind manche anfangs irritiert oder unsicher, doch meistens flauen diese anfänglichen Gefühle ab, wenn sie merken, dass hinter Miss Roxxy der junge Kerl steckt, mit dem sie beim letzten Dorffest mit einem Bier angestoßen haben.

Oder – wie bei der Polizeikontrolle – ein seriöser Bürger, der seiner Arbeit nachgeht.

Drag Queens

Die Kunstform
 Jede Person kann sich in eine Drag Queen verwandeln. Drag hat grundsätzlich nichts mit Sexualität zu tun. In der Regel stellen Drag Queens weibliche Ausdrucksformen in überhöhter Art und Weise dar. Die Verwandlung hat durchaus eine politische Dimension: Drag als Kunstform stellt Geschlechterrollen in Frage und rüttelt vor allem an den Vorstellungen von Männlichkeit.

Der Begriff
 Woher der Begriff „drag“ kommt, ist nicht ganz klar. Es gibt die Theorie, dass das Wort für „Dressed Resembling a Girl“ steht, zu deutsch „gekleidet wie ein Mädchen“.

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