Mit der „Olivia-Jones-Familie“, ihren schrillen Freunden aus der Szene, besucht sie Schulen, betreibt dort Aufklärung und wirbt für Toleranz. Ein Gespräch mit Olivia Jones über kreativen Denkmalschutz, Prostitution und ihre beruflich ausgelebte Persönlichkeitsstörung.
Olivia Jones, Sie sind eine Touristenattraktion auf St. Pauli, die schrille Giraffe vom Kiez. Wie gefällt Ihnen das?
Da ich sehr geltungsbedürftig bin und viel Aufmerksamkeit brauche, gefällt mir das gut. Ich bin mittlerweile so eine Art Sehenswürdigkeit, bei mir halten inzwischen sogar die Touristenbusse. Und alle wollen ein Foto mit mir.
Was möchten Sie den Menschen, denen Sie den Kiez zeigen, mit auf den Weg geben?
Meine Kiez-Führungen sind mittlerweile Kult. Wichtig ist mir zu zeigen, wie viele Facetten St. Pauli hat und was es für ein unvergleichlicher Stadtteil ist. Und ich möchte die Menschen dafür sensibilisieren, nicht bloß zum Saufen herzukommen. St. Pauli bietet viel mehr als Alkohol und Party. Sämtliche Theater sind hier, das große Operettenhaus, Musicals, das Kiez-Theater, Show-Cabarets, das ist schon sehr interessant. Nicht umsonst sagt man auch, die Reeperbahn ist der Broadway des Nordens.
Kritiker sagen, Sie und die Olivia-Jones-Familie würden St. Pauli „verballermannisieren“. Was sagen Sie dazu?
Wir machen genau das Gegenteil! Wir nennen es kreativen Denkmalschutz und versuchen, auch ein Stück vom alten St. Pauli am Leben zu erhalten. All unsere Läden haben Geschichte und ein Konzept, wir haben nicht einfach alles alte wegrenoviert, sondern Teile davon ins Neue integriert, es finden Shows statt und kein tumbes Trinkgelage. Die Ballermann-Szene ist sicherlich auch eine Facette von St. Pauli, das war aber schon immer so und auch schon vor hundert Jahren ein Diskussionspunkt.
Wie erleben Sie die Prostitution, die selbstverständlich zu St. Pauli gehört. Was halten Sie davon, Sie unter Strafe zu stellen?
Ich glaube, das würde uns nicht weiter bringen, aber die Politik sollte dafür sorgen, dass es den Frauen gut geht und hart gegen Zwangsprostitution vorgehen. Wir haben damit aber keine Berührungspunkte, das ist nicht unser Business. Es kommen ab und zu ein paar Mädels, die ihren Feierabend-Prosecco bei uns trinken, ansonsten bekomme ich davon nichts mit.
Sie haben vor Kurzem eine Burlesque-Bar auf St. Pauli eröffnet. Diese Spielart des Striptease ist momentan sehr angesagt. Warum?
Beim Burlesque wird die Weiblichkeit gefeiert und die Frau ist nicht das Sex-Objekt. Sie inszeniert sich stolz und selbstbewusst. Daher ist es auch kein Gegensatz zur Emanzipation. Bei Burlesque geht es darum, den weiblichen Körper zu feiern, fernab irgendwelcher Normen, die die Modeindustrie diktiert. Sämtliche Körpermaße werden kunstvoll in Szene gesetzt. Wir haben schon seit sieben Jahren in unserem Show-Club regelmäßig Burlesque-Shows, die kommen sehr gut beim Publikum an, vor allem bei den Frauen.
Neben Ihrem Vergnügungs-Imperium betreiben Sie Aufklärung an Schulen, haben ein Kinderbuch geschrieben. Wäre das vor 20 Jahren in Deutschland so möglich gewesen?
Nein, das Schöne ist, dass sich die Zeiten geändert haben. Aber Toleranz ist etwas, dass man immer wieder neu definieren und erkämpfen muss. Da gibt es ständig viel Gegenwind – Stichwort AfD und andere konservative Menschen. Aber dass ich, wie vor zwei Jahren, an der Wahl des Bundespräsidenten teilnehmen kann, wäre sicher vor 20 Jahren so nicht möglich gewesen. Inzwischen ist es ja zum Glück auch für homosexuelle Politiker möglich, offen damit umzugehen.
Welche Erfahrungen machen Sie im direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen?
Sehr positive! Gerade kleine Kinder sind grundsätzlich offen. Intoleranz kommt erst später beziehungsweise wird anerzogen. Ich bin für Kindergartenkinder wie eine Figur aus der Sesamstraße oder der Muppets-Show. Manche fragen „Warum bist du denn so bunt?“ oder sagen: „Ha, du bist ja überhaupt keine Frau!“ Aber das ist überhaupt kein Problem. Ich bin sehr kinderlieb und die Kinder fahren total auf mich ab.
Um was geht es Ihnen bei Ihren Aufklärungsbesuchen?
Wir bekommen oft Hilferufe von Schulen, wo es mit Mobbing und Ausgrenzung aus dem Ruder läuft. Wir geben Nachhilfe in Sachen Toleranz und Offenheit. Das ist ganz interessant, weil es oft das erste Mal ist, dass die Schüler mit Homosexuellen reden. Bei vielen gibt es Berührungsängste, wir versuchen diese zu nehmen. Manchmal kam es auch schon zu Outings innerhalb dieser Diskussionen. Das sind tolle Momente, in denen wir merken, dass wir das richtige tun.
Sie sagen, Sie legen gerne den Finger in die Wunden der Gesellschaft. Was regt Sie auf?
Diese Hetze im Internet, das ganze Mobbing, der Tonfall, der immer rauer wird in der Gesellschaft und in der Politik. Welche Reden Politiker teilweise schwingen, das ist eine schlimme Entwicklung, der man etwas entgegensetzen muss. Das dürfen wir uns als Gesellschaft nicht bieten lassen. Wir leben in einer Demokratie, die wir uns hart erkämpft haben, die müssen wir uns erhalten.
Andere finden, man solle doch nicht alles so furchtbar ernst nehmen und auf die Goldwaage legen – Stichwort Gendersprache.
Ja, das finde ich in Teilen auch. Man sollte einfach aufpassen, dass man Menschen nicht beleidigt und versuchen, das Feuer zu löschen anstatt Öl ins Feuer zu gießen, wie das manche Politiker heutzutage machen, um auf Stimmenfang zu gehen. Wir müssen den Zusammenhalt fördern und den Respekt. Es gibt zu viele Politiker, die die Gesellschaft auseinander reißen wollen. Die AFD ist mir da wirklich ein Dorn im Auge.
Sie mussten sich Ihren Weg hart erkämpfen, Diskriminierungen inklusive. Inwiefern hat Sie das für Ihre Mission geprägt?
Ich musste schon immer sehr stark sein und habe mir einen Panzer antrainiert. Als ich mich als Künstler etablieren wollte, wusste ich zeitweise nicht, wie ich meine Miete bezahlen soll oder meinen Kühlschrank fülle. Daher versuche ich heute anderen Künstlern zu helfen. Ich war schon immer eine starke Persönlichkeit, aber ich weiß, dass viele Menschen diesen Mut nicht haben und für die würde ich gerne mitkämpfen. Ich finde es wichtig, gerade bei uns in den Bars, Paradiesvögeln ein Nest zu geben. Auch solchen, die auf dem freien Arbeitsmarkt kaum eine Möglichkeit haben, ihre Talente einzubringen.
Sie kokettieren damit, dass Sie Ihre Persönlichkeitsstörung beruflich ausleben können.
Das klingt erstmal witzig, hat aber einen ernsten Hintergrund. Ich bin eben sehr geltungsbedürftig und weil ich meine Bühne habe, auf der ich mich komplett ausleben kann, bin ich privat auch sehr geerdet und ausgeglichen.
Hatten Sie jemals Zweifel an Ihrer Inszenierung als Olivia Jones?
Nein. Ich habe nie Sinneskrisen gehabt oder Probleme mit Olivia. Natürlich sind das Teile von mir, die ich auslebe. Aber ich würde das nie komplett aufgeben wie das Cindy aus Marzahn oder Conchita Wurst getan haben.
Olivia Jones – der Paradiesvogel vom Hamburger Kiez
Olivia Jones (49), als Mann im niedersächsischen Springe geboren, bekannte sich schon als Jugendlicher offen zu seiner Homosexualität. Er schuf die Kunstfigur Olivia Jones und wurde als Drag-Queen bekannt und tritt fast ausschließlich in dieser weiblichen Rolle auf.
Jones führt Touristen mit Promi-Kieztouren durch St. Pauli, veranstaltet Hafen- und Stadtrundfahrten und führt auf der Großen Freiheit verschiedene Bars und Clubs, unter anderem Deutschlands ersten Menstrip-Club, zu dem nur Frauen Zutritt haben. Darüber hinaus wirbt Jones für Aufklärung, Toleranz und Vielfalt.
2004 trat sie bei der Hamburger Bürgerschaftswahl an, um den Einzug von Ronald Schills rechtspopulistischer Partei zu verhindern. Als eine von wenigen hundert Deutschen gab Jones 2017 ihre Stimme bei der Wahl des Bundespräsidenten ab und ihr erstes Kinderbuch „Keine Angst in Andersrum“ (2015), sorgte bundesweit für Gesprächsstoff.
2016 unterzog sich die ursprünglich 207 Zentimter große Olivia Jones einer Operation, bei der sie sich beide Beine um sechs Zentimeter verkürzen ließ.