Drama im Bodensee Verdrängt der Stichling den Felchen?

Ein Paar des Dreistachligen Stichlings: oben das größere Weibchen, unten das kleinere Männchen, das im vorderen Bereich zur Laichzeit rot gefärbt ist. Foto: Hartl

Am Bodensee rätseln Forscher, wie der Stichling plötzlich so dominant werden kann – und was das bedeutet.

Stuttgart - Alexander Brinker ist besorgt: „Weltweit ist uns kein Beispiel bekannt, dass der Stichling einen so großen und nährstoffarmen See wie den Bodensee dominiert“, sagt der Leiter der baden-württembergischen Fischereiforschungsstelle in Langenargen. Der Stichling, ein gut zehn Zentimeter großes Fischchen, hat seit 2012 schlagartig den See erobert. „Heute ist er die mit weitem Abstand häufigste Fischart im See – im Freiwasser sind sogar mehr als 95 Prozent aller Fischindividuen Stichlinge“, berichtet Brinker. Auf die Fischbiomasse bezogen sind dies etwa 30 Prozent. Im Uferbereich spielt der Stichling ebenfalls eine Rolle, dort kommt er aber nicht so massenhaft vor.

 

Noch 1999 zeigten Probefänge, dass die Stichlinge häufig in Ufernähe, aber praktisch nicht im freien Wasser zu finden waren. Wieso sie ihr Verhalten geändert haben, ist noch ein Rätsel. Genau so wie die Tatsache, wie sie sich plötzlich so massenhaft vermehren konnten. Wie lange es überhaupt Stichlinge im Bodensee gibt, ist ebenfalls nicht bekannt. Sicher nachgewiesen wurde die Art erst 1951. Womöglich wurde sie in den 1940er Jahren von Aquarianern im See ausgesetzt.

Der Lebensraum der Felchen

Das freie Wasser, das die Stichlinge heute bevorzugt besiedeln, ist allerdings auch der Lebensraum der Felchen. Diese werden in den vergangenen Jahren immer seltener – und entsprechend klagen die Berufsfischer über immer geringere Erträge, die sie mit ihrem Brot-und-Butter-Fisch erwirtschaften. Im vergangenen Jahr wurden nur noch 127,4 Tonnen gefangen – der geringste Felchenertrag seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1910. Ebenfalls zum ersten Mal musste 2018 der sogenannte Laichfischfang auf Felchen abgesagt werden. Bei dieser Aktion, die im Zeitraum November bis Dezember stattfindet, wird Felchenlaich gewonnen. Aus den Eiern schlüpfen dann in sechs Brutanstalten rund um den See unter geschützten Bedingungen die Larven aus. Ende März bis Anfang April werden sie in den See gesetzt. Die Fischer hoffen, dass sie dann bessere Überlebenschancen haben und sich so die Erträge stabilisieren.

Doch diese werden wohl auch in diesem Jahr weiter sinken, befürchtet Alexander Brinker. Einen wesentlichen Anteil daran haben seiner Meinung nach die Stichlinge. Wie die Felchen fressen auch sie Zooplankton, also winzige Krebse, Wasserflöhe und andere Kleintiere, die sich im Freiwasser aufhalten, also demselben Lebensraum. Mehr noch: Die Stichlinge haben offenbar gelernt, wie gut Felchenlarven schmecken. So haben die Langenargener Forscher nachgewiesen, dass die kleinen Fische sowohl im Freiwasser als auch im Aquarium die Larven der Felchen fressen. Und es spricht viel dafür, dass sie dies in freier Natur ausgiebig tun: „Bei den jungen Felchen haben wir einen deutlichen Einbruch festgestellt“, berichtet Brinker.

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Die Felchenlarven sind dabei offenbar eine besonders leichte Beute der Stichlinge. Ihnen wird nun zum Verhängnis, dass in ihrem Erbgut keine Strategien verankert sind, wie sie instinktiv auf den Angriff eines Räubers reagieren müssen. Im Freiwasser, wo sie ihre ersten Lebenswochen verbringen, drohte ihnen zumindest bisher nämlich keine Gefahr. Ganz im Gegensatz zu den Jungfischen im Uferbereich, die sich vor Hechten und anderen Räubern in Acht nehmen müssen. So mussten die Felchenlarven auch keine Strategien entwickeln, um Angriffen auszuweichen – so wie zum Beispiel Rotaugen, die sich zu Schwärmen zusammenschließen und so die Räuber bei Angriffen verwirren. Oder junge Barsche, die blitzartig und mit schnellen Richtungswechseln fliehen. „Dagegen ändern Felchenlarven ihr Verhalten nicht, wenn ein Stichling in ihre Nähe kommt – sie schwimmen nicht weg und lassen sich nahezu widerstandslos fressen“, berichtet Brinker.

So bedrohen die Stichlinge die Felchen gleich auf zwei Ebenen. Zum einen nehmen sie ihnen die Nahrung weg, zum anderen fressen sie wahrscheinlich die Felchenlarven in großen Mengen auf. Für die Felchen ist dies höchst bedrohlich, zumal ihnen noch andere Faktoren das Leben potenziell schwer machen. Als neuer Nahrungskonkurrent könnte nun auch die Quagga-Muschel eine Rolle spielen, die sich seit Kurzem ebenfalls massiv im See ausbreitet. Hinzu kommt, dass sich die Nährstoffsituation im Bodensee dank umfangreicher Reinhaltemaßnahmen wieder den natürlichen Verhältnissen angenähert hat – was die Berufsfischer zu Klagen veranlasst, es seien zu wenig Nährstoffe im See, weshalb die Felchenerträge so stark gesunken seien. Wie dies alles miteinander zusammenhängt, wird am Bodensee derzeit in dem internationalen Forschungsprojekt „Seewandel“ untersucht, an dem auch die Fischereiforschungsstelle beteiligt ist.

Massive Gefahr für Felchen

Der Stichling aber, daran lassen Experten wie Brinker keinen Zweifel, wird wohl auch in nächster Zeit eine massive Gefahr für die Felchen sein. Zumal diese Art offensichtlich auch ihr räuberisches Verhalten an die jeweilige Situation anpassen kann. So haben die Forscher um Brinker deutliche Hinweise, dass sich die Stichlinge gerade dann besonders räuberisch verhalten, wenn es viele Felchenlarven im Freiwasser gibt, nämlich im Frühjahr.

Auf diesen Zusammenhang sind die Forscher gekommen, als sie die Isotope – also die unterschiedlichen Variationen von Atomkernen – vor allem von Stickstoff und Kohlenstoffatomen in den Fischen anschauten. In ausschließlich räuberisch lebenden Tieren, etwa Tigern oder Hechten, reichern sich nämlich bestimmte Isotope anders an als in Tierarten, die sich auch vegetarisch ernähren. In den Stichlingen lag die Isotopenzusammensetzung im Frühjahr sehr nah bei derjenigen des Hechts.

Im Laufe des Jahres drifteten sie dann wieder weiter auseinander. „Wir sehen in diesem Fingerprint der Nahrungsherkunft einen deutlichen Hinweis, dass die Stichlinge in dieser Zeit zumindest teilweise räuberisch leben“, deutet Alexander Brinker dieses Ergebnis.

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