Dramatischer Mangel in Baden-Württemberg Lehrer verzweifelt gesucht

Nach den Ferien werden im Land bis zu 30 000 Kinder aus der Ukraine in die Schule gehen. Bisher sind es 20 000 ukrainische Kinder und Jugendliche. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Der Lehrermangel ist nicht neu. Aber langsam wird Unterrichtsversorgung prekär. Die Schulen gehen mit viel Unsicherheit in die Ferien. Das liegt auch an der Landesregierung.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Für Ralph Grossmann ist die Sache klar. Wenn es nach ihm geht, ist er nach den Ferien wieder dabei. „Fragen Sie nächsten Sommer doch mal nach, wie viele meiner Schüler den Wechsel in eine Normalklasse geschafft haben“, schlägt er vor und lacht leise. Seit gut zwei Monaten unterrichtet er 19 Jugendliche aus der Ukraine in der Hans-Thoma-Schule in Titisee-Neustadt in Deutsch. Sein Ehrgeiz ist geweckt. Natürlich will er, dass möglichst alle den Wechsel von der Vorbereitungsklasse in die normale Schule schaffen. Früher hat Grossmann Englisch und Französisch gelehrt, war Rektor im benachbarten Gymnasium; als er in der Zeitung las, dass Deutschlehrer für Flüchtlinge benötigt werden, hat er sich sofort gemeldet. „Deutsch kann ich ja, und ich weiß, wie Fremdsprachenunterricht geht.“

 

Aber natürlich ist es eine Herausforderung, wenn er zuerst lateinische Buchstaben erklären muss und manche seiner Schüler kein Englisch können. Den pensionierten Pädagogen schrecken solche Hürden aber nicht. „Mir macht es unheimlich Spaß“, sagt Grossmann. Pädagoge mit Leib und Seele sei er immer gewesen. Und jetzt freut er sich, wieder vier intensiv vorbereitete Stunden wöchentlich zu unterrichten.

„Wir müssten die Pensionäre klonen“

Der Schwarzwälder ist nicht der Durchschnittspensionär, der über die Altersgrenze hinaus weiter unterrichtet. Ralph Grossmann ist 82 Jahre alt und seit 2004 im Ruhestand. Seinen ersten Einsatz als Ehemaliger hat er vor 18 Jahren am Freiburger Kolping-Kolleg begonnen. Sicher hatten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper nicht Senioren wie Grossmann vor Augen, als sie ihren Brandbrief an Rektoren und Lehrer schrieben. Darin appellieren sie an Teilzeitlehrkräfte und Lehrer vor und nach der Pensionierung, „in diesen schwierigen Zeiten mit zusätzlichen Stunden, einer verlängerten Dienstzeit oder mit Arbeit im Ruhestand mitzuhelfen, die Unterrichtsversorgung zu sichern“.

Dass Grossmanns Alter keine Hürde war, kann man aber als Indiz werten, wie brennend die Personalnot mancherorts inzwischen ist. Ohne Pensionäre wäre die aktuelle Flüchtlingshilfe kaum zu stemmen und der Lehrkräftemangel im normalen Schulbetrieb noch drückender als ohnehin. „Wir müssten unsere Pensionäre klonen, so viele werden gebraucht“, stöhnt der Vorsitzende eines Bildungsverbands im Südwesten.

Lehrerbedarf? Die Prognosen der Minister liegen notorisch daneben

Neu ist es nicht, dass die Schulverwaltung sich mit der Bitte um Deputatsaufstockung an die Teilzeitlehrer im Schuldienst oder an Senioren wendet. Die Schulentwicklung in Deutschland verläuft seit Jahrzehnten in Wellen von Lehrermangel und -überschuss. Die Bedarfsprognosen der Kultusministerkonferenz liegen notorisch daneben. Aktuell streiten Kultusministerkonferenz (KMK) und Bildungsforscher, ob bis 2030 bundesweit eher 20 000 oder sogar mehr als 80 000 Lehrkräfte fehlen. 2019 hat Schoppers CDU-Vorgängerin Susanne Eisenmann einen Bedarf von 10 600 zusätzlichen Pädagogen im Land ermittelt. Was sich seither verändert hat? Besser ist es nicht geworden. Im Südwesten wie bundesweit wirkt der demografische Wandel als Brandbeschleuniger, der die Unterrichtsversorgung weiter verschlechtert. Alle Kultusminister müssen Löcher stopfen und greifen auch zu Hilfsmitteln, die sie früher rigoros abgelehnt hätten.

Ärger richtet sich gegen Ex-Lehrer Kretschmann

Quereinsteiger sind eine bundesweit begehrte Arbeitsmarktreserve. In Sachsen-Anhalt wird ab Herbst mit der Vier-Tage-Woche experimentiert. Berlin verbeamtet Lehrer wieder, Sachsen zahlt Referendaren, die aufs Land gehen, 1000 Euro Zulage. Und im Südwesten hoffen Kretschmann und Schopper mit dem Appell zum Aufstocken 1000 zusätzliche Deputate zu gewinnen. „Wenn nur jede zweite Lehrkraft in Teilzeit eine Stunde zusätzliche pro Woche unterrichten würde“, sei dies zu erreichen. So haben Kretschmann und Schopper es der Lehrerschaft per Brief vorgerechnet. Was beide sicher nicht erwartet haben, ist, dass die Bitte „um eine, zwei oder gar drei“ zusätzliche Unterrichtsstunden vor allem dem Ex-Lehrer Kretschmann übel genommen wird. Er wisse schließlich, so heißt es oft, dass jede weitere Unterrichtsstunde viel mehr als eine Stunde Mehrarbeit erfordere. Die Reaktionen in der Lehrerschaft schwanken zwischen Resignation – weil sie diese Stellschraube für ausgereizt halten – und Ärger: Unverschämt sei es, wenn nach den ganzen Coronabelastungen der Druck zur Mehrarbeit erhöht werde.

Insgesamt ist zum Ferienstart viel Stress im Schulsystem. Zwar ist die Erhöhung der Mindestteilzeit vom Tisch, aber kaum hatte Theresa Schopper erklärt, sie wolle nicht „die letzte Patrone nutzen“ und die Klassen vollstopfen, konterte der Regierungschef: Wenn die Lücken nicht durch freiwillige Mehrarbeit gestopft würden, „haben wir natürlich noch etwas in der Tasche, um das zu lösen: die Erhöhung des Klassenteilers“.

Wie es im September weitergeht, ob und wo das Kultusministerium nachjustiert, ist derzeit ungewiss. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft stimmt ihre Mitglieder schon auf teils „verheerende“ Zustände ein und fürchtet, dass auf viele allgemeinbildenden Schulen zukommt, was an Berufsschulen längst Realität ist: dass nur noch der Pflichtunterricht erteilt werden kann.

Dabei ist das Ziel der Landesregierung richtig, den 1,5 Millionen baden-württembergischen Schülern ein möglichst gutes, lückenfreies Bildungsangebot zu machen. Und die flächendeckende Unterrichtsversorgung an 4500 Schulen ist auch in guten Zeiten ein schwieriges Geschäft. Es genügt nicht, wenn es landesweit ausreichend Bewerber für die freien Stellen gibt. Jede Schule braucht nicht irgendeinen, sondern einen Pädagogen mit spezieller Fächerkombination: Wo Mathe und Englisch fehlen, helfen Geschichte und Deutsch nicht. Die Verteilung der Lehrkräfte verlangt stets viel Feinabstimmung.

Dass der Nachwuchs die Marktmacht hat, verkompliziert die Situation: Junglehrer lassen sich lieber befristet als Krankheitsreserve in ihrer Wunschregion anstellen oder spekulieren auf das Nachrückverfahren, als anderswo eine Stelle auf Lebenszeit anzutreten. Teile Südbadens und fast der gesamte Regierungsbezirk Stuttgart sind zu einer Art No-go-Area für Nachwuchslehrkräfte geworden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Der ländliche Raum gilt als unattraktiv, die Region Stuttgart wird zu teuer. Dass Theresa Schopper auch langjährige Vertretungslehrer in die Sommerarbeitslosigkeit entlässt, obwohl sie diese Praxis beenden wollte, stiftet massiven Unmut.

Nach wie vor brechen zu viele Studenten ihr Lehramtsstudium ab

Nachwuchswerbung nicht so wichtig?

Dabei hat das Land einiges getan, um die Lehrerversorgung zu verbessern: Mehr Studienplätze wurden geschaffen, der Quereinstieg erleichtert. Aber nach wie vor brechen zu viele Studenten ihr Lehramtsstudium ab. Und als strategische Aufgabe erster Güte rangiert die Nachwuchsgewinnung im Kultusministerium nach wie vor nicht: Ein Verbandschef war vor Kurzem bei der Ausbildungsmesse Vocatium in Stuttgart, hat Polizei, Zoll und das Landesamt für Besoldung bei der Nachwuchswerbung beobachtet. Das Kultusministerium war nicht vertreten.

Dass noch längst nicht alles getan wird, um Lehrer zu gewinnen, belegt auch die Geschichte von Anna-Christin Ballheimer. Die 39-Jährige hat nach einem Kunststudium mit pädagogischem Einschlag zunächst als Aushilfslehrerin gearbeitet. Dann studierte sie wieder, wurde Fachlehrerin für Kunst und Alltagskultur, Ernährung und Soziales (AES). Seit 2018 ist sie im Schulzentrum von Blaufelden, seit 2019 Beamtin auf Lebenszeit in Baden-Württemberg. Nebenberuflich hat sie danach erneut studiert, um auch in der Sekundarstufe unterrichten zu können. Im Februar wird sie fertig. Ihr Antrag auf Erlassung des zweiten Referendariats wurde abgelehnt: Dafür seien neun Jahre Berufserfahrung nötig, sie habe aber nur sieben.

Wenig Gewicht hat bei dieser Entscheidung, dass Anna-Christin Ballheimer aktuell 16 Stunden Deutschunterricht für Flüchtlinge macht, und im Mai und Juni wegen akuter Personalnotlage in die Grundschule von Langenburg abgeordnet war. Dort hat sie Zweit- und Viertklässler in Deutsch, Sachkunde, Sport, Religion und Musik unterrichtet – eigenverantwortlich und fachfremd. „Geschätzt verliert das Land 1000 reguläre Unterrichtsstunden, wenn ich noch mal anderthalb Jahre Referendariat mache“, hat sie ausgerechnet. „Ist das nicht völlig verrückt?“

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