Stuttgart - Wie so oft im Leben bestimmte der Zufall, wie Monica Menez an diesen Ort, ein Haus in der Nähe von Bad Waldsee, kam. Ein Privatmann hat sich dort einen Bungalow des renommierten Designers Wolfgang Feierbach in den Garten gestellt. Auf einem Betonunterbau thront das Haus aus Glasfaserkunststoff. Nur sechs Stück gibt es davon weltweit.
Wie ein visueller LSD-Trip
Entworfen wurde es 1968, eine Pop-Illusion aus Plastik. Genutzt nicht zum Wohnen, eher ein Traum von einem Gartenhaus für Feierlichkeiten – oder eben eine Location für Fotografen und für Videodrehs. Sattlila Teppiche, eine Sofalandschaft in Greige, futuristische Schaltkonsolen, groß gemusterte Vorhänge, Hartplastikschalensitze plus Discokugel. Alles ist wunderbar kunterbunt, wie ein visueller LSD-Trip. Feierbach orientierte sich an den Ikonen der Sixties, etwa Verner Panton. Die legendäre Kantine des „Spiegel“ lässt grüßen. Der Bungalow lässt einen auf Zeitreise gehen – zurück in eine vergangene Moderne.
Monica Menez ist eine Sucherin
Warum das alles erzählt werden muss? Weil die Stuttgarter Regisseurin und Fotografin Monica Menez eine Sucherin ist. Eine, die nicht aufgibt, bis sie schließlich die perfekte Location, das noch so kleine Accessoire für ihre visuellen Inszenierungen gefunden hat. Wenn man sie Künstlerin nennt, dann lacht sie: „Nein, Kunst das mache ich nicht.“ Tiefstapeln kann sie. Und Maeckes, der eigentlich Markus Winter heißt, erklärt: „Kompromisse gibt es für sie nicht. Wenn sie etwas will, dann findet sie es auch. Diese sture, stoische Art, sich nicht vom Weg abbringen zu lassen, macht sie besonders.“
Maeckes und Menez sind ein Dreamteam
Diese Getriebenheit, die mit einer Leidenschaft kombiniert ist, verbindet die beiden. Den Rapper von den Orsons und die Fotografin Monica Menez. Maeckes und Monica Menez sind nicht nur wegen der hübschen Alliteration ihrer Namen ein Dreamteam. „Es matcht halt“, sagt Monica Menez. Das passt.
Es ist nicht das erste Video, das Menez und Winter zusammen gedreht haben. Sie führten schon Regie bei „Grille“ von den Orsons, das sie in einer rosafarbenen Turnhalle in Tübingen filmten. Es als Meilenstein der jüngeren Musikvideogeschichte zu bezeichnen, ist nicht übertrieben. Überhaupt: Musikvideos? Das war in den 90ern ein großes Ding, als hunderttausende Mark an Budget da waren. Die beiden machen das heute noch, wo alle nur Musik streamen, aber kaum Zeit haben, auch die Bilder dazu zu schauen.
Der Zeitgeist ist egal
„Musikvideos haben heute keinen hohen Stellenwert mehr“, sagt Markus Winter. Zu MTV-Viva-Zeiten waren sie ein „universelles Werkzeug“. Dann kamen die Blogs, auch da waren Videos noch en vogue. Heute sind Musikvideos zwar nicht mehr etabliert, aber Maeckes und Monica ist der Zeitgeist relativ egal. Reich wird damit niemand. Perfekt muss das Ergebnis für sie dennoch sein.
So wie „Grille“, das allererste Musikvideo von Monica Menez. Bekannt ist die Fotografin vor allem für ihre preisgekrönten Modefilme, die nicht nur schön sind, sondern humorvoll und hintersinnig. Genau so, witzig und doppelbödig, ist die Musik von Maeckes – ob solo oder mit seiner Band Die Orsons.
„Hey, Musikvideos mache ich nicht.“
Eine gemeinsame Bekannte brachte Maeckes und Monica damals zusammen. Beim ersten Treffen im Stuttgarter Café Herbertz lautete Monicas erster Satz: „Hey, Musikvideos mache ich nicht.“ Es sollte zum Glück anders kommen.
Natürlich wissen die beiden Tiefstapler nicht, wie viele Zugriffe das Video auf Youtube hat. Stand Ende März 2021: knapp 750 000. Wahrscheinlich hat keiner der Zuschauer verstanden, was das alles überhaupt soll. Das Video trägt klar Menez‘ Handschrift: Menschen in fleischfarbenen Anzügen haben aufgeblasene Haie auf den Rücken gebunden und rennen auf allen vieren durch die Sporthalle. Derweil sitzen die Hip-Hopper von den Orsons in einem Schlauchboot. Außerdem kommen Meerjungfrauen, Popcorn, Zigaretten, Wasserskier und aufblasbare Palmen vor. Maeckes und Monica bauten sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. „Wir sprudeln und schauen, was passiert“, sagt Maeckes.
„Ich mochte den Spagat zwischen Detailliertheit und Verrücktheit.“
Er hatte die Arbeit von Menez schon aus der Ferne verfolgt: „Ich mochte den Spagat zwischen Detailliertheit und Verrücktheit. Ich dachte immer: Das passt zu den Orsons. Dieser Hauch von Fashion.“
Dann stand ein neues Soloalbum von Maeckes an. Er, der Künstler, ließ Menez die Lieder hören – ohne Vorgabe, welches als Single ausgekoppelt werden soll und wozu er sich ein Video vorstellt. Menez war gleich schockverliebt in „Swimmingpoolaugen“. „Ein dramatischer, romantischer Song“, schwärmt sie.
Monica Menez bewundert Maeckes: „Er ist einer der kreativsten Menschen, die ich kenne. Er kann alles. Er kann zeichnen, singen, schreiben, er ist Regisseur und wahrscheinlich kann er auch fotografieren.“ Er sitzt da, fühlt sich geschmeichelt – und stapelt tief: „Aber ich kann nichts richtig.“
Gleich zwei Videos wurden gedreht
In „Swimmingpoolaugen“ geht es um Beobachtungen einer Person, die sich selbst nicht schön findet. Es ist eine Liebesgeschichte, die doch keine ist. Monica Menez meint: „Es ist eigentlich eine Liebeserklärung an exzentrische Menschen.“ Und genau die sind der Künstlerin nahe: „Ich liebe Exzentriker. Menschen mit verschrobenen Hobbys.“
Im verschneiten Januar reisten sie unter strengen Coronabedingungen mit einem Team von neun Leuten nach Bad Waldsee, um in kurzer Zeit gleich zwei Videos abzudrehen: Der glitzernde Clip von „Stoik & Grandezza“ wurde ohne einen Schnitt aufgenommen. Alle Beteiligten wurden durchgetestet, um etwas Normalität, zumindest im Arbeitsalltag zu haben. „Es war sehr familiär“, erzählt Maeckes.
„Heute funktioniert Stuttgart nur noch als romantischer Gedanke“
Aufgewachsen ist der 38-Jährige in Kornwestheim. Er zog zwischendurch nach Wien, kam wieder zurück. Seit acht Jahren lebt er in Berlin-Schöneberg. „Heute funktioniert Stuttgart nur noch als romantischer Gedanke“, sagt er – und nimmt sich eine Brezel.
Er hat sich nie ausschließlich als Musiker verstanden: „Ich beschäftige mich mit Ideen und Schreiben. Musik war das erste Handwerkszeug. Aber das Visuelle ist mir auch ganz wichtig.“ 2016 erschien sein letztes Soloalbum, 2019 dann „Orsons Island“ mit Band. Irgendwo dazwischen sind die Songs zum neuen Album „Pool“ entstanden, das jetzt im Juni erscheint.
„Ich möchte nicht jeden mit seiner Klampfe auf seiner Couch zuhause sehen und schief singen hören.“
In den Schweizer Bergen unter dem Einfluss von französischem Chansons dichtete er das Lied „Swimmingpoolaugen“ – das war noch vor der Coronapandemie, mit der er sich künstlerisch nicht auseinandersetzen möchte. Es hat ihn viel genervt in jüngster Zeit: „Ich möchte nicht jeden mit seiner Klampfe auf seiner Couch zuhause sehen und schief singen hören.“ Auch Monica Menez muss, wie alle Künstler, zwar mit Corona leben, stellt aber die Pandemie nicht in ihren Werken dar. Irgendwie wohltuend.
In einem Instagram-Video thematisiert Maeckes, dass Kunst und Kultur gerade keinen Stellenwert haben. Er ist in diesem Krisenjahr auch schon vor Autos aufgetreten. Es war innerhalb der Orsons eine Mehrheitsentscheidung. „Es ist grotesk. Ich wurde da überstimmt, habe das aber dann doch gern gemacht. Es ist so absurd, dass ich dem etwas Positives abgewinnen kann. Es ist etwas anders als ein Konzert.“ Während eines Songs schnappte er sich einen Roller und düste nach hinten zwischen die Autos. „Die Stimmung hatte was vom Parkplatz vor dem Club Prag früher. So ergab es doch irgendwie Sinn.“
„Für Kreative ist es sicher nicht unbedingt der beste Standort“
Das Gespräch mit den beiden findet in Stuttgart statt. Winter ist auf der Durchreise, schaut noch bei Orsons-Kollege Bartek im Studio vorbei. Am Tag zuvor haben Monica und er Fotos für das Album-Cover und Pressebilder in einem Schwimmbad in Cannstatt aufgenommen.
Monica Menez ist nie aus Stuttgart weggezogen, weil es bei all den vielen beruflichen Reisen immer ihr Heimathafen bleiben sollte. Sie mag das Übersichtliche. „Ich bin gerne hier. Das Thema wegzugehen, ist für mich durch. Doch für Kreative ist es sicher nicht unbedingt der beste Standort“, sagt sie. Maeckes fügt an: „Ich finde beeindruckend, wie du von Stuttgart aus international agierst.“
Die Reisen fallen nun flach. „Ich habe zwangsläufig mehr Zeit. Zeit, mich damit zu beschäftigen, wie es weitergehen soll“, sagt Menez, die sonst von Job zu Job hetzt. „Es war natürlich sehr viel negativ. Nur diese Ruhe, die kannte ich nicht.“
Maeckes wird jetzt Schauspieler
Markus Winter auch nicht. Aber für den Multitalentierten tut sich schon wieder ein neues Fenster auf. Er geht jetzt unter die Schauspieler. Die ZDF-Neo-Serie „Deadlines“, die am 13. Juli startet, erzählt von vier Freundinnen, Markus spielt den Freund einer der Hauptprotagonistinnen. Auch das kann er. Monica Menez hat bereits große Pläne für ihn: „Irgendwann macht der mal einen Spielfilm.“ Sie dreht sich zu ihm und sagt: „Das war das letzte Musikvideo. Ein Musical, das würde ich mit dir machen. Dazu lernst du dann noch steppen. Das wär’s.“