Eine Waffe am Gürtel tragen, mit Blaulicht über rote Ampeln fahren und Menschen auf der Straße kontrollieren – Polizistinnen und Polizisten üben keinen trivialen Beruf aus. Nicht umsonst ist der Polizist bei Kindern weiterhin einer der beliebtesten Berufswünsche. Doch das stereotype Bild vom Polizeidienst ist nur die halbe Wahrheit. Polizist sein heißt auch sich beschimpfen lassen, tote Menschen beschauen oder sich gefährlichen Gewalttätern entgegenstellen.
Steffen Schmid, Alina Fehrenbacher und Henry Seid sind vor einigen Jahren in den Polizeidienst eingetreten, sie arbeiten heute im Revier und bei der Kriminalpolizei in Böblingen. Polizeioberkommissar Schmid liebäugelte schon früh mit dem Beruf: „Ich hatte einen familiären Bezug zur Polizei. Deshalb war mein Wunsch von Kindesbeinen an klar.“ Auch Kriminaloberkommissar Seid konnte sich den Job schon als junger Kerl vorstellen: „Ich hatte erst ein Wirtschaftsinformatikstudium ausprobiert, hatte die Polizei aber immer im Hinterkopf und mich dann auch für den Polizeidienst umentschieden.“
Polizeiarbeit ist keine alltägliche Arbeit
Anders als ihre Kollegen hegte Kriminaloberkommissarin Alina Fehrenbacher lange keine Wünsche, bei der Polizei zu landen. „Ich wusste nach dem Abi noch nicht genau, was ich machen wollte. Klar war aber, dass ich keinen eintönigen Job machen, sondern direkt mit Menschen arbeiten möchte“, erzählt die 26-Jährige. Als sie vor Jahren auf einer Berufsmesse am Polizei-Infostand angesprochen wird, packt es die Schwarzwälderin: „Es klang nach einem vielseitigen Job. Das hat mich überzeugt.“ Nach dem Studium an der Polizeihochschule und Praxiseinheiten landete das Trio in Böblingen: Steffen Schmid im Streifendienst, Alina Fehrenbacher bei der Kripo im Bereich Kapitaldelikte und Henry Seid in der Bekämpfung von Sexualstraftaten.
Alle drei sind bis heute überzeugt von ihrer Berufswahl. Aber rosig ist ihr Alltag nicht. „Wir sind mit Themen befasst, die für den Großteil der Bevölkerung nur schwer zu ertragen sind“, sagt Fehrenbacher. Etwa wenn eine Leiche gefunden werde, oder eine Todesnachricht überbracht werden müsse. Henry Seids Fach ist wohl mit das härteste, das man sich vorstellen kann: Bild- oder Videomaterial von Opfern sexualisierter Gewalt muss er auswerten und dann mit geschädigten Kindern sprechen. „Es ist schwer, ein Kind anzutreffen, das wir vorher auf einschlägigen Videos gesehen haben“, sagt der 28-Jährige. Nicht minder herausfordernd ist der Alltag von Schutzpolizist Steffen Schmid. Manchmal stellen sich eigentlich harmlose Situationen, wie einfache Personenkontrollen, plötzlich als gefährlich dar. „Man weiß nie, wie sich eine Situation, und sei sie noch so sehr Routine, entwickelt. Einsätze sind immer mit Unwägbarkeiten verbunden. Man muss sich dessen bewusst sein“, erläutert der 31-Jährige. Wie schnell ein Einsatz eskalieren kann, hat der Tod von Rouven Laur vor zwei Wochen bewiesen. Der 29-jährige Polizeibeamte war am 31. Mai in Mannheim von einem 25-Jährigen mit einem Messer attackiert und tödlich verletzt worden.
Der Tod eines gleichaltrigen Kollegen sensibilisiert
Wer zur Polizei gehe, müsse sich immer bewusst sein, wie risikoreich der Beruf ist und wie unberechenbar Menschen mitunter reagieren. Zwar werden in der Ausbildung das Abwehren körperlicher Angriffe geübt, die Realität voll abbilden können solche Trainings aber nicht, wie Schmid verdeutlicht: „Solche Übungen finden immer in einem geschützten Raum statt. Es sind Kollegen, die den Angreifer mimen. Da lassen sich zwar schon nützliche Automatismen antrainieren. Einen Moment und das Gefühl, plötzlich in Lebensgefahr zu schweben, kann man aber nicht simulieren.“
Mancher Anblick oder Geruch ist kaum zu ertragen
Abgeschreckt haben extreme Situationen sie bisher nicht. „Am Anfang ist der Anblick eines getöteten Menschen, einer Person, die Suizid begangen hat oder die Kontaktaufnahme mit Angehörigen herausfordernd. Man wächst aber hinein. Ohne professionelle Distanz könnten wir das aber nicht dauerhaft ausführen“, sagt Fehrenbacher. Ganz gefeit vor den eigenen Emotionen seien auch jene nicht, die wie Seid und Fehrenbacher regelmäßig mit Tötungs- oder schweren Sexualdelikten zu tun haben. „Es gibt auch den Fall, dass ein erfahrener Kollege die Stelle innerhalb der Kripo wechseln muss, weil es ‚die eine Leiche zu viel war in seinem Berufsleben’“, erläutert Henry Seid.
Alles das, was „Otto-Normalbürger“ als zu aufwühlend oder gefährlich ansehen würden, stellt gleichzeitig auch den Reiz des Jobs dar. „Die Abwechslung ist ein Pluspunkt. Auch dass wir etwas Sinnvolles tun, bestätigt mich in meiner Berufswahl“, erläutert Fehrenbacher. Kollege Seid ist sich sicher: „Ich würde den Beruf jederzeit wieder ergreifen. Ich hatte viele Einsätze, die prägend waren.“ Dabei denkt der 28-Jährige an den Doppelmord im Mercedes-Werk in Sindelfingen im Jahr 2023 oder den Flugzeugabsturz mit drei Toten in Steinenbronn zwei Jahre zuvor. Auch Steffen Schmid hatte nie Zweifel: „Ich wöllte nie etwas anderes machen. Ich habe mir beruflich immer genau das vorgestellt.“
Am 25. Juli findet ein Sommerpraktikum an der Hochschule für Polizei in Böblingen statt. Interessierte zwischen 14 und 20 Jahren erhalten Einblicke in den Beruf. Anmeldungen mit Lebenslauf, Zeugnis und Kontaktdaten der Eltern per E-Mail an ludwigsburg.berufsinfo@polizei.bwl.de. Weitere Infos auf https://ppludwigsburg.polizei-bw.de/berufsinfo/