Drei Eltern für ein Kind in Stuttgart Ein schwules Paar und eine Frau bekommen Nachwuchs

Sven (links), Felix und Christine werden zu dritt ein Kind großziehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Felix, Sven und Christine werden Eltern. Das schwule Paar und die Single-Frau haben sich diesen Schritt reiflich überlegt. Aber wie funktioniert das? Da sie kein Vorbild für ihr Modell kennen, loten sie ihren Weg selbst aus.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Stuttgart - Drei ist keiner zu viel“ steht auf einer Collage, die Felix, Sven und Christine aus frechen Sprüchen, klugen Wörtern und bunten Bildern zusammengeklebt haben. Und genau so fühlt es sich für sie an. Ihr großes Projekt: drei Eltern und ein Baby.

 

Dass sie sich gefunden haben, verdanken sie dem Zufall. Eine gemeinsame Freundin wusste vom Kinderwunsch der alleinstehenden Frau aus dem Stuttgarter Osten und der beiden schwulen Männer aus dem Stuttgarter Westen. Sie vermittelte ein erstes Treffen in einer Kneipe. „Das war wie Blind Dating“, erinnert sich Christine. Das war im August 2020. Nun, im Januar 2022, steht die Geburt des Babys unmittelbar bevor. „Das waren flotte anderthalb Jahre“, sagt die 37-Jährige und lacht.

Auch wenn im Nachhinein alles ganz einfach erscheint, der Weg dorthin war es nicht. Mit Anfang 30 wuchs in Christine der Wunsch nach einem Kind, doch es fehlte der Partner. Sie informierte sich über Samenspenden, „aber das hat sich für mich nicht richtig angefühlt“. Der Erzeuger sollte auch eine Vaterrolle einnehmen. Sie stieß auf die Idee des Co-Parenting: Menschen, die kein Liebespaar sind, bekommen zusammen ein Kind. Im Internet fand sie aber keinen Bewerber aus der Region.

„Wir wollen auch die schlechten Zeiten“

Felix und Sven sind seit sieben Jahren ein Paar. Beide hatten immer schon den Wunsch, Vater zu werden. „Auch mit dem Coming-out habe ich das Thema nie infrage gestellt“, sagt Sven. „Mir war klar, dass das irgendwie klappen würde.“ Auch für Felix war der Wunsch nach einem Kind da, er empfand die Homosexualität aber „wie einen Dämpfer“, sagt er. „Mir war die reelle Umsetzung nicht klar, und es fehlte die Akzeptanz in der Gesellschaft.“ Das habe sich mit der Ehe für alle, die 2017 eingeführt wurde, geändert. Was rechtlich erlaubt sei, stoße in der Gesellschaft auf mehr Zustimmung, so empfindet das auch Sven.

Nach ihrer Hochzeit begann das Paar, sich über das Thema Adoption zu informieren. Ein Modell, in dem sie nur eine Onkelrolle eingenommen hätten, kam für sie nicht infrage. „Wir wollen nicht nur die schönen Nachmittage. Wir wollen auch die schlechten Zeiten, wenn das Kind krank ist oder bockig“, sagt Sven. Auf die Idee von Co-Parenting kamen sie erst durch Christine. „Da war auf einmal eine Möglichkeit, den Kinderwunsch selbstbestimmt zu erfüllen“, sagt der 35-Jährige.

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Für Christine hätte es nach dem ersten Treffen „eigentlich gleich losgehen können“. Eilig war es ihr nicht unbedingt aufgrund ihrer lauter tickenden biologischen Uhr, vielmehr glaubt sie, „dass der Wunsch bei Frauen dann verstärkt aufkommt, wenn sie ihre Wege gelaufen sind. Für mich gab es kein größeres Ziel mehr, als Mutter zu werden“, sagt die Sozialpädagogin.

Sven und Felix wollten sich etwas mehr Zeit lassen. Sie schlossen mit Christine einen „Dreifaltigkeitspakt“, wie sie es nennen. Drei Dinge wollten sie miteinander erleben, ehe es ernst werden sollte: gemeinsam in den Urlaub fahren, sich miteinander betrinken und zusammen kochen. Letztlich wurden es viel mehr Treffen, bei denen es darum ging, sich gut kennenzulernen und herauszufinden, ob ihre Werte übereinstimmen. „Kinderthemen waren nicht immer präsent, aber manchmal haben wir uns auch zusammengesetzt und ganz konkret Themen besprochen“, erzählt Sven. Wollen wir unser Kind taufen lassen? Wie ist unsere medizinische Haltung? Was ist uns bei der Schulbildung wichtig? Soll das Kind Taschengeld bekommen? Wie soll es mit Nachnamen heißen?

Das Bauchgefühl stimmt

Bei vielem seien sie sich schnell einig gewesen, aber auch bei schwierigeren Themen hätten sie zueinandergefunden, sagt Sven. Irgendwann sei aber klar gewesen: Es bringt nichts, sich weiter in Details zu verlieren. „Wer hat sich in einer Partnerschaft schon vor der Geburt über jede Erziehungsmethode ausgetauscht?“, sagt Felix. Letztlich stimmte bei allen das Bauchgefühl, „und wir haben nichts gefunden, was dagegen sprechen würde“.

Es brauchte vier Versuche, bis Christine schwanger war. Die Zeugung fand über einen Becher mit Sperma und einer Spritze statt. Es gab keinen Sex, „wir sind jetzt nicht polyamor, wie manche denken“, betont Felix. Der leibliche Vater ist Sven, aber dem Paar ist wichtig, dass beide gleichberechtigte Papas sein werden. Rechtlich gesehen geht das nicht, das Sorgerecht werden sich Christine und Sven teilen. „Ich bin nur der Partner des Vaters“, sagt Felix, dem es nicht so wichtig war, ob das Kind seine Gene hat oder nicht. Er freut sich, dass die neue Regierung plant, Regenbogenfamilien zu stärken und das sogenannte kleine Sorgerecht für soziale Eltern auszuweiten. „Ich hoffe, dass Felix dadurch ein paar mehr Sicherheiten bekommt“, sagt Sven.

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Auch um die Frage, was passiert, falls die Ehe der Männer zerbricht, hat sich das Elterntrio Gedanken gemacht. Vertraglich haben sie nichts festgehalten. „Wir wollten nichts Starres auf Papier“, sagt Christine. Vertrauen ist schließlich die Basis ihrer Zweckgemeinschaft. „Das ist eines der Themen, wo man sich nur ranfühlen kann.“ Einig sind sich die drei, dass das Wohl des Kindes auch im Fall einer Trennung immer an erster Stelle stehen soll.

Der Geburtstermin ist Ende Januar, es kann jeden Tag so weit sein. Das Kind soll bei einer Hausgeburt zur Welt kommen, damit beide Männer dabei sein können – wegen Corona darf derzeit meist nur eine Begleitperson mit in den Kreißsaal. Das erste Lebensjahr des Kindes hat das Elterntrio konkret geplant. Direkt nach der Geburt nehmen sich beide Männer Urlaub. Einer wird während der ersten Wochen immer bei Christine und dem Baby sein, auch nachts. „Vielleicht wechseln wir uns ab. Der andere kocht und bringt das Essen“, sagt Felix. Solange Christine stillt, wird das Baby eng an die Mutter gebunden sein und nur bei ihr wohnen. „Wir könnten eine aktivere Rolle spielen, wenn das Kind nicht gestillt werden würde. Aber es ist super für das Kind, und das ist am wichtigsten“, sagt der 33-Jährige.

Wechselmodell nach einem Jahr

Nach einem oder anderthalb Jahren wollen sie ein Wechselmodell probieren, bei dem das Kind tage- oder wochenweise bei seinen Vätern ist. Konkreter haben sie sich noch nicht festgelegt. „Wir schauen, wie es passt.“ Irgendwann im Laufe des ersten Jahres wollen die Männer gemeinsam zwei Monate Elternzeit nehmen. Für Sven kein Problem, Felix hat rechtlich gesehen keinen Anspruch darauf. Sein Arbeitgeber habe sich aber offen dafür gezeigt, „so was wie Elternzeit“ zu ermöglichen. Christine hat zwei Jahre Elternzeit beantragt. Das Elterngeld kann über diesen Zeitraum gestreckt werden, fällt dann aber entsprechend gering aus. „Ich bin darauf angewiesen, dass die Jungs mich unterstützen.“ Angelehnt an die Düsseldorfer Tabelle, die als Unterhaltsleitlinie dient, haben sich die drei auf eine monatliche Summe geeinigt. Von einem gemeinsamen Konto sollen Anschaffungen für das Kind bezahlt werden, alle Kosten werden auf drei Schultern verteilt. „Wir haben den Luxus, dass wir das Kind lange zu Hause betreuen können, ohne in eine finanzielle Schieflage zu kommen“, sagt Felix.

Und nicht nur finanziell bedeutet ihr Trio Entlastung: Später einmal können sie die Schulferien mit dem Urlaubsanspruch von drei Arbeitnehmern und mit der Unterstützung von drei Großelternpaaren auffangen. Urlaube können in den Konstellationen Väter mit Kind, Mutter mit Kind, drei Eltern mit Kind oder nur als Paar verbracht werden. „Das gibt uns Freiheit“, sagt Sven.

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Die drei sind sich sicher: Grundlage für ihr gutes Auskommen ist ihre Kommunikation. Die funktioniere deshalb so gut, weil sie auf einer rationalen Ebene stattfinde, sagt Sven. „Es diskutieren drei Gleichberechtigte.“ Es gebe keine Front von der Mutter auf der einen und der schwulen Väter auf der anderen Seite. Vielmehr wechselten die Koalitionen immer wieder. „Oft tun sich Felix und Christine zusammen“, sagt Sven und grinst.

Für das Modell gibt es keine Vorbilder

Für ihr Modell haben sie keine Vorbilder. „Es gibt niemanden, den wir fragen können: ,Wie habt ihr das gemacht?‘“, sagt Christine. Auch die eigene Kindheit sei kein geeigneter Ratgeber, weil sie alle in klassischen, intakten Familien aufgewachsen seien. „Wir müssen alles komplett neu ausloten.“ Am ehesten, findet Felix, seien sie so etwas wie eine Patchwork-Familie – „nur ohne Trennung“.

Dass die Dreierkonstellation in Zukunft noch bunter wird, könnte durchaus sein, denn Christine möchte nicht auf Dauer Single bleiben. Sie wünscht sich irgendwann wieder einen Partner an der Seite. „Der muss sehr tolerant sein“, sagt Felix und lacht. Er vertraue darauf, dass Christine jemanden aussuche, der zu ihrer Runde passt. Vorher soll es aber vielleicht noch ein Geschwisterchen für das erste Kind geben – dann mit Felix als leiblichem Vater. Ein Blick auf ihre Collage könnte ihnen dabei den Weg weisen: „Seid nett zueinander“, steht da. Und: „Auf ins Abenteuer!“

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