Drei Fragen an Deniz Utlu „Ich versuche an die ewigen Momente zu gelangen“

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Deniz Utlus neuer Roman „Gegen Morgen“ entfaltet ein existenzielles Spiel zwischen Leben und Tod, Magie und Ratio. Im Literaturhaus Stuttgart stellt er ihn vor.

Jenseits der Berechnbarkeit: Deniz Utlu Foto: Suhrkamp-Verlag
Jenseits der Berechnbarkeit: Deniz Utlu Foto: Suhrkamp-Verlag

Stuttgart - – Eigentlich wollte der Protagonist von Deniz Utlus Roman gar nicht erst losfliegen. Als der Pilot bereits zur Landung ansetzt gerät alles aus den Fugen. Und plötzlich wird der Flug von Berlin nach Hamburg zu einer Reise durch die Zeit und die Sphären, die über unser Dasein bestimmen.

Herr Utlu, in Ihrem Roman befasst sich jemand damit, eine Formel für die Kosten des Lebens zu finden. Hat Sie dazu Ihr VWL-Studium inspiriert?

Wir treffen auf einen Protagonisten, der mit allen Mitteln aus seiner Krise finden will. Ein poetischer Ökonom, der das Leben sowohl mathematisch befragt als auch mit Beobachtungen der Welt – samt verschiedener Wirklichkeiten und Zeiten. Sprachlich hat mich interessiert, wie das Erzählen und das mathematische Modellieren jeweils aufeinander wirken.

Ihr Roman beginnt mit heftigen Turbulenzen im Flugzeug. Wie hängen Tod und Erkenntnis zusammen?

Mich faszinieren Vorstellungen über das Ende des Lebens: Es heißt, das Erlebte ziehe noch einmal an einem vorbei – auch das Versäumte? Oder dass sich der letzte Moment des Lebens ausdehnt, also genau dort, wo keine Zeit mehr bleibt, paradoxerweise eine Verbindung zum Ewigen entstehen kann. Ich habe versucht, in diesem Roman immer wieder an diese ewigen Momente zu gelangen.

Die Möglichkeit des Todes irritiert die Ordnungen der Rationalität. Ist Literatur das Ausdrucksmittel für das, was sich nicht formalisieren lässt?

Das Leben, reduziert auf das Berechenbare, verliert an Zauber. Literatur, vor allem eine so wandelbare Form wie der Roman, kann hinter das Berechenbare gelangen, ohne die Rechnungen aufzugeben, kann das Magische suchen, ohne den Realismus zu verlassen.