Stuttgart - Der letzte Mohikaner hieß Unkas, und Sven Hannawald verbindet etwas mit dem indianischen Helden aus der Erzählung „Der Lederstrumpf“. Auch Sven Hannawald ist ein Letzter, er ist der letzte deutsche Adler, der die Vierschanzentournee gewonnen hat. Das war 2002, also vor 19 Jahren, wenn am 6. Januar 2021 in Bischofshofen der nächste Sieger gekürt wird. Die deutschen Skispringer warten fast ein Sportlerleben auf einen Gesamtsieg beim Skisprung-Grand-Slam. Es ist dieser eine so wichtige Titel, den auch der sonst so erfolgreiche Bundestrainer Werner Schuster nicht holen konnte. „Als Nationaltrainer von Polen habe ich mit Kamil Stoch ja zweimal die Tournee gewonnen. Wir werden für diesen Sieg kämpfen. Es gibt im Hintergrund schon ein paar Vorbereitungen. Wir haben in Sachen Material noch etwas in petto“, sagt sein Nachfolger Stefan Horngacher. Es könnte klappen, es könnte aber auch wieder schiefgehen. Wir haben jeweils drei Gründe gesammelt.
Drei Gründe dafür Die Statistik
Manchmal gewinnt einer die Tournee, mit dem davor kaum ein Experte gerechnet hat. So war das etwa bei der vergangenen Auflage, als der Pole Dawid Kubacki triumphierte. Oder 2014, als Nobody Thomas Diethard aus Österreich am Ende vorn lag. Aber normalerweise schnappt sich einer den Gesamtsieg, der vor dem Spektakel im Weltcup unter den Top 5 liegt. Folglich kommt neben Seriensieger und Spitzenreiter Halvor Egner Granerud sowie dessen norwegischem Landsmann Robert Johansson (Platz drei) auch Markus Eisenbichler infrage, der in dieser Saison bereits zweimal ganz oben auf dem Podium stand und im Weltcup auf zwei rangiert. Und Karl Geiger belegte Platz zwei beim Saisonauftakt in Wisla, liegt im Weltcup wegen seiner Corona-Pause aber lediglich auf Platz elf. „Natürlich ist Granerud der große Favorit“, sagt Ex-Skispringer Martin Schmitt, „aber Markus und auch Karl haben ja kürzlich bewiesen, dass sie ihn schlagen können.“ Auch Bundestrainer Stefan Horngacher ist zuversichtlich, dass es mit dem ersten deutschen Gesamterfolg seit 2002 klappen könnte. „Wir reisen an, um zu gewinnen“, sagt der Tiroler, „wir haben zwei Leute, die das können – warum also sollte nicht mal wieder ein Deutscher in der Tourneewertung ganz vorn landen?“ Das neue System
Der Tiroler Stefan Horngacher folgte im Frühjahr 2019 als Bundestrainer auf Werner Schuster, der in seiner elfjährigen Amtszeit eine imposante Erfolgsgeschichte mit sieben WM-Titeln und zwei Olympiasiegen seiner Schützlinge geschrieben hatte. Die Spuren im Schnee waren tief, Stefan Horngacher suchte deshalb seinen eigenen Weg – bis auf Jens Deimel tauschte er das Trainerteam komplett aus, die Führung der Athleten an der langen Leine, wie sie Schuster praktiziert hatte, war vorbei, Horngacher steuerte die Springer persönlich über die Lehrgänge. „Er hat seinen eigenen Stil etabliert und liefert eine beeindruckende Arbeit ab“, sagt Ex-Weltmeister Martin Schmitt, „er ist mutig in Entscheidungen, er hinterfragt alles. Man sieht seine Handschrift deutlich.“ Stefan Horngacher, der mit Frau und zwei Kindern in Titisee-Neustadt im Schwarzwald lebt, konnte seit vergangenem Winter einige Glanzpunkte der deutschen Skispringer setzen. Deutschland gewann die Weltcup-Nationenwertung, Karl Geiger belegte Platz zwei im Weltcup. Das System Horngacher funktioniert und sollte mit der Zeit noch runder laufen.
Das Selbstvertrauen
Die deutsche Mannschaft ist gefestigt, auch der Corona-Fall Karl Geiger hat die Springer sowie die Trainer nicht aus der Spur katapultiert – das Szenario „Was wäre wenn …“ hatten sie in der Schublade und mussten es nur herausholen. „Wir wussten jederzeit, was zu tun ist“, betont Bundestrainer Horngacher, „wir waren vorbereitet, deshalb lief alles andere normal weiter.“ Davon haben die Springer profitiert. Markus Eisenbichler, ohnehin einer, der sich bei weniger Trubel wohler fühlt, sieht sich bestens gerüstet für die Tournee. „Ich traue mir schon etwas zu“, sagt der Dritte der Skiflug-WM, „wenn ich mein Niveau noch ein bisserl anhebe, kann ich schon um den Sieg mitstreiten.“ Dass er bei der Tournee-Generalprobe in Engelberg auf Platz vier landete, wobei der Bayer die Schanze nicht wirklich leiden kann, ist ein weiteres Indiz für seine derzeitige Leistungsfähigkeit. Karl Geigers Form ist wegen der Corona-Pause nicht exakt zu taxieren, für den Bundestrainer ist aber klar, „dass er ein Wörtchen um den Gesamtsieg mitreden wird“. Falls er starten darf. Auch Pius Paschke unterstrich mit Rang sechs in Engelberg, dass er mit der Weltelite mithalten kann. „In Topform kommt man auch auf Schanzen zurecht, die einem eigentlich nicht so liegen“, erklärt Martin Schmitt, der bei der Tournee als Experte bei Eurosport im Einsatz ist. „Ich bin in einer Form, die ich noch nie hatte“, versichert Eisenbichler. Das hört sich doch gut an.
Drei Gründe dagegen Fehlende Konstanz
In der jüngeren Vergangenheit kämpften zwei Deutsche um den Tourneesieg. Im Winter 2017/2018 war es Richard Freitag, in der vergangenen Saison war es Karl Geiger, doch beide Male genügte ein verpatztes Springen in Innsbruck, um der schönen Rechnung einen Strich zu verpassen. Freitag, damals Gesamtweltcup-Führender, stürzte 2018 in Innsbruck im ersten Durchgang schwer, trat zum zweiten nicht mehr an – der Traum vom Gesamtsieg war geplatzt. Geiger wurde zwei Jahre später auf der Bergisel-Schanze im ersten Durchgang vom Winde verweht, lag auf Platz 23; zwar verbesserte sich der Oberstdorfer mit Durchgang zwei auf Rang acht – doch um den Rückstand auf die Spitze aufzuholen, dafür hätte Geiger einen Propeller in Bischofshofen benötigt. „Es muss einfach alles passen“, sagt Martin Schmitt, dessen beste Platzierung bei der Tournee Rang drei (2000 und 2001) war, „die Voraussetzungen sind gut, aber es wird verdammt schwer.“ Die Tournee zu gewinnen, ist eben schwieriger als Olympiagold zu holen. Die Sorgenkinder
Der Deutsche Skiverband geht mit lediglich einem Siegspringer in die deutsch-österreichische Flugshow, Markus Eisenbichler. Wie es um Karl Geiger nach seiner Corona-Infektion steht, ist fraglich – auch wenn Martin Schmitt überzeugt ist, dass der Skiflug-Weltmeister „wegen der Pause keinen nennenswerten Rückstand“ gegenüber der Konkurrenz aufweisen dürfte: „Er kennt die Schanze in Oberstdorf außerdem sehr gut.“ Pius Paschke kann an guten Tagen unter die Top Ten springen, dann klafft eine Lücke. Andreas Wellinger und Severin Freund waren vor drei Jahren das Traumduo des DSV, aktuell haben beide so viel Weltcup-Punkte gesammelt wie die Fußballer des FC Schalke Saisonsiege: null. Doppel-Olympiasieger Wellinger und Ex-Weltmeister Freitag befinden sich in Schaffenskrisen, auch ein weiterer Ex-Weltmeister erreicht nicht mehr das Topniveau vergangener Tage: Severin Freund. „Ich sehe bei Wellinger die Talsohle durchschritten“, meint Bundestrainer Horngacher, „wenn er nicht mehr verkrampft, kann es schnell gehen mit dem Anschluss.“ Freitag und Freund müssen sich wieder allmählich herantasten. „Ich gehe eigentlich mit keinen Erwartungen zur Tournee“, sagte Freund. Der Oberstdorf-Fluch
Manchmal geht es im Skispringen nicht nur um Tagesform und Weite, manchmal mischen auch unerklärliche Vorgänge mit. Die Geschichte der Tournee warnt: Wer das Auftaktspringen in Oberstdorf gewinnt, sollte sich ernsthaft Sorgen machen – ein Erfolg zu Beginn scheint mehr Fluch als Segen zu sein. Beispiele gefällig? Severin Freund triumphierte 2015 als bislang letzter Deutscher in Oberstdorf und kämpft seitdem mehr mit Verletzungen als um großartige Ergebnisse. Das einstige Teenie-Idol Martin Schmitt siegte sogar dreimal in Folge beim Auftakt auf der Schattenbergschanze, doch der Schwarzwälder gewann nie die Tournee. Christoph Duffner triumphierte einmal in Oberstdorf und dann nie wieder. Jens Weißflog holte seinen letzten Tourneesieg 1996 vor allem deshalb, weil der unschlagbar scheinende Mika Laitinen einen Tag nach seinem Oberstdorf-Sieg schwer stürzte. Erstaunlich oft brach der Dominator des ersten Springens ein – und erholte sich teilweise niemals davon. Nur Sven Hannawald (2002), dem Polen Kamil Stoch (2018) und dem Japaner Ryoyu Kobayashi (2019) gelang es, alle vier Wettbewerbe zu gewinnen. Stoch hat auch Bundestrainer Horngacher in dieser Auflage auf der Rechnung. „Kamil kommt immer besser in Form“, sagt der 51-Jährige. Nun, vielleicht gewinnt Stoch ja in Oberstdorf, dann wäre der Weg frei für Eisenbichler – oder auch für Granerud. Bislang bleibt Sven Hannawald weiter der letzte Mohikaner Deutschlands.