Dreidimensionales Modell in Waiblingen Rundgang auf Fingerspitzen

Von Annette Clauß 

Vor dem Haus der Stadtgeschichte in Waiblingen steht nun ein dreidimensionales Modell Waiblingens. Das Bronzekunstwerk von Egbert Broerken macht die Straßen und Häuser in der Innenstadt auch für blinde Menschen begreifbar.

Unverkennbar: Das Marktdreieck sticht beim Fühltest   klar hervor. Foto: Gottfried Stoppel
Unverkennbar: Das Marktdreieck sticht beim Fühltest klar hervor. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Gerd Widmanns Finger tasten sich die Winnender Straße entlang, wandern über das Dach des Kulturhauses Schwanen und in Richtung des Beinsteiner Tors. „Um einen Überblick zu bekommen und sich selbstständig orientieren zu können, ist so ein Stadtmodell für Blinde gut“, sagt der Leiter der Bezirksgruppe Rems-Murr des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Württemberg. Und so hat sich die Blindenbezirksgruppe gemeinsam mit einer Reihe weiterer Stifter an den Kosten für das dreidimensionale Waiblinger Stadtmodell zum Anfassen beteiligt, das auf eine Initiative des Heimatvereins zurückgeht, und sämtliche Gebäude der Innenstadt im Maßstab 1 : 600 darstellt.

Seit Samstag steht das aus Bronze gegossene Werk des Künstlers Egbert Broerken vor dem Haus der Stadtgeschichte, schräg gegenüber der Galerie Stihl und der Kunstschule. Rund 30 000 Euro waren nötig, um das detailreiche Modell anzufertigen. Wolfgang Wiedenhöfer, der Vorsitzende des Heimatvereins Waiblingen, bezeichnete das Stadtmodell als „eines der finanziell größten Projekte“ seines Vereins, dessen Verwirklichung insgesamt rund drei Jahre gedauert habe.

Waiblingen ist die Nummer 120

Eigentlich war geplant gewesen, das Modell pünktlich zur Eröffnung des benachbarten Stadtmuseums im Mai aufzustellen, doch zu diesem Zeitpunkt war das Bronzekunstwerk noch nicht fertig. So sei aus dem Eröffnungsgeschenk eben ein Weihnachtsgeschenk geworden, sagte Wiedenhöfer. Das Warten habe sich aber gelohnt und bei dem Modell habe sich ein Spruch des Fußballtrainers Jogi Löw bewahrheitet: „Auch schwierige Geburten bringen schöne Kinder.“

Das von allen Seiten zugängliche, etwa 90 auf 120 Zentimeter große Modell thront auf einem Sockel aus rostigem Stahl, dessen Design der Heimatverein bewusst an jenes des unweit aufgestellten Denkmals am Tränktörle angelehnt hat. Dort steht ein Torbogen aus rostigem Stahl, der an einen schmalen Durchlass in der Waiblinger Stadtmauer erinnert. Durch ihn hatten beim Stadtbrand im Jahr 1634 viel zu viele Menschen zu flüchten versucht, was verheerende Folgen hatte.

Waiblingen ist bereits die 120. Stadt, die Egbert Broerken mit einem begreifbaren Modell ausgestattet hat. Der aus Soest in Nordrhein-Westfalen stammende Künstler hat am Samstag erzählt, wie er vor rund 30 Jahren auf die Idee für das erste Stadtmodell gekommen ist: „In meiner Heimatstadt gibt es eine Blindenschule und ich habe dort eine Stadtführung mit blinden Kindern erlebt.“ Die Führerin habe vom 76 Meter hohen Dom im romanischen Stil erzählt – Informationen, mit denen vermutlich keines der Kinder viel habe anfangen können. „So kam ich auf die Idee, dass man Blinden etwas an die Hand geben muss.“

Versprochene Lebenszeit: 3000 Jahre

Seine Modelle versieht Broerken mit Straßennamen in Schreib- und Brailleschrift, auch wichtige Gebäude sind so gekennzeichnet und für blinde wie sehende Menschen zu erkennen. Zu Beginn des Projekts hat Egbert Broerken Tausende von Fotos in der Stadt gemacht, jede Gasse, jedes Haus mehrmals und von allen Seiten abgelichtet, um auch Details wie Dachgauben und Erker zu erfassen. „Es schreit geradezu danach, dass man es anfasst“, sagte der Oberbürgermeister Andreas Hesky, „ich bin begeistert.“ In einem Vierteljahr, so Broerken, werde die Spezialpatina an den besonders häufig betasteten Stellen verschwunden sein. „Dort glänzt es dann golden“, sagte Broerken, der seinen Modellen eine Lebenszeit von 3000 Jahren bescheinigt. „Wir werden Sie beim Wort nehmen“, meinte dazu Wolfgang Wiedenhöfer.