Auch beim traditionellen Dreikönigstreffen bieten die Liberalen ein Bild der Zerrüttung. Dirk Niebels Versuch, die Dinge beim Namen zu nennen, wird niedergeschwiegen. Der Parteichef Rösler kommt gegen Rainer Brüderle nicht an.
Stuttgart - Aufrecht und regungslos sitzt der Vorsitzende inmitten seiner schrecklich netten liberalen Familie – mit ruhigem, nach innen gewandtem Blick, der wenig von dem nach außen dringen lässt, was den Mann in diesen Sekunden bewegt. Philipp Rösler wirkt allein gelassen auf der rechten Seite des Podiums, obwohl auf der Bühne des Staatstheaters sich die Herren und Damen der FDP-Führung doch eigentlich so nah sein könnten. Ein paar Meter entfernt von Rösler präsentieren sich 152 Jahre Lebenserfahrung. Fraktionschef Rainer Brüderle und der umjubelte Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher, der von Röslers Führungsqualitäten bekanntlich wenig hält, stehen Seit an Seit, lassen sich vom Publikum im Staatstheater feiern. Generalsekretär Patrick Döring weiß, wie wirkungsmächtig das ist, wie schnell in der Bildersprache der Politik aus ein paar Meter Abstand eine unüberwindbare Kluft wird. Er zupft und drängelt Brüderle, dieser solle bitteschön seinen Platz neben Rösler einnehmen. Aber Brüderle lässt sich Zeit, zu viel Zeit.
Um was kämpft Rösler eigentlich noch? Warum tut sich der 39-Jährige das an? Vor zwei Jahren kämpfte ein Guido Westerwelle hier in Stuttgart immerhin noch mit realistischen Chancen ums politische Überleben und wäre Fukushima und die darauffolgende knappe Wahlpleite in Baden-Württemberg nicht gewesen, wer weiß, vielleicht stünde Westerwelle noch heute hier als Hauptredner. Aber bei Rösler ist die Lage anders, verzweifelter, aussichtsloser. Rösler wird von Führungsmitgliedern artig beklatscht, die ihn nicht erst am Vorabend beim Dreikönigsball in der Alten Reithalle in leisen Gesprächen politisch beerdigt haben. Sie tanzten, schlemmten, machten ein freundliches Gesicht. Einen König ließen sie da noch einmal hochleben, der doch angeblich schon tot ist. Wie soll man das nennen? Heuchelei? Oder grausame politische Notwendigkeit, weil ein zu früh vollzogener Sturz Röslers nun mal die letzte Hoffnung auf ein glimpfliches Wahlergebnis in Niedersachsen zerstören würde?
Am Vorabend haben Brüderle und Rösler noch gefeiert.dpa
Wie auch immer, einer will das alles nicht mitmachen. Dirk Niebel spielt den Spielverderber in diesem bizarren Stück, das auf zwei Bühnen zugleich zur Aufführung kommt. Bussi, Bussi vor Publikum, Meuchelei im Hinterhalt? Nicht mit Niebel, nicht diesmal. Er zieht auf dem Dreikönigstreffen den Teppich weg, unter den aus seiner Sicht zu viel in den vergangenen Monaten gekehrt worden ist. Beklommen sitzen sie während seiner Rede auf dem Podium, kaum einer, der applaudiert, ein Führungsteam, das sich entblößt fühlen muss, weil einer laut sagt, was doch noch nicht laut gesagt werden soll.
Nun hat Niebel gewiss sein Leben nicht gänzlich der Wahrhaftigkeit verschrieben. Für eine herzhafte Intrige war der baden-württembergische Spitzenkandidat bisher allemal zu haben, wenn aus seiner Sicht der Ertrag stimmte. Aber diesmal reitet er die Attacke offen, ohne Rückhalt, mit, wie er selbst weiß, hohem persönlichem Risiko. Er sagt, aus Sorge um die FDP. Er verliert nicht viel Zeit, kommt schnell zur Sache, wirkt nervös dabei und fahrig, wie einer, der die Sache schnell hinter sich bringen will. „So wie jetzt“, sagt Niebel, „kann es mit der FDP nicht weitergehen“. Als Team sei man „nicht gut genug aufgestellt“, er schließe sich da „ausdrücklich mit ein“. Die Partei könne mit Blick auf die offenen Führungsfragen nicht länger mit einer Entscheidung warten. Der Parteitag im Mai finde „viel zu spät“ statt. Schnell müsse jetzt gehandelt werden. „Es zerreißt mich innerlich, wenn ich den Zustand der Partei sehe.“ Einer schreit „Aufhören!“, aber nicht wenige applaudieren dem Rugbyfan, der sich dem Prinzip „Raufen nach Regeln“ verpflichtet fühlt. Niebel geht Rösler, der den Auftritt mit ausdrucksloser Miene verfolgt, nicht direkt an. Aber das muss er gar nicht. Verheerender kann ein Urteil über einen Parteichef nicht ausfallen.
Niebel will, so ist in seinem Umfeld zu hören, dass Rösler seine Koffer packt und dem Einzigen das Feld überlässt, dem sie in der FDP noch zutrauen, das Ruder herumzureißen: Brüderle. Manche haben Niebel unterstellt, selbst an die Spitze zu drängen. Aber wollte er das wirklich, müsste er stillhalten. Auch die FDP liebt zwar den Verrat, aber nicht den Verräter. Hätte Niebel je eine Chance gehabt, er hätte sie so verspielt. Man merkt Niebel an, dass er sein Solo gewiss nicht genießt. Wie ein Ausgestoßener nimmt er Platz, ohne auch nur einen Glückwunsch für seine Rede entgegenzunehmen. Es heißt ja, Niebel sehne sich mehr als andere danach, gemocht und respektiert zu werden. Wenn das so ist, hat er mit diesem Auftritt mehr als nur die Aussicht auf einen weiteren Aufstieg verbaut.
Dirk Niebel nimmt kein Blatt von den Mund.dpa
Brüderle versucht danach, die Beklemmung zu lösen. Er will den Club der kalt Erwischten erheitern, macht damit aber alles zunächst nur schlimmer. Zum baden-württembergischen Dreigestirn Birgit Homburger, Hans-Ulrich Rülke und Dirk Niebel sagt er: „Ihr redet miteinander und gut übereinander, das macht ihr hervorragend“. Bitteres Lachen ist zu hören. Was zu viel ist, ist zu viel.
Aber dann schafft es Brüderle doch, sein Publikum zu packen. Er hält die Rede, die viele von ihm hören wollen, die Rede eines Parteivorsitzenden. Manches davon versteht man kaum, lauter als er kann in Berlin keiner nuscheln. Man muss auch gar nicht alles verstehen, denn das Grundmuster ist klar und altbekannt. Die FDP soll kämpfen, gegen Sozialismus und Regulierungswut. So groß ist die Verzweiflung bei der FDP, dass Brüderle nicht davor zurückschreckt, Rot-Grün mit nordkoreanischem „Tugendterror“ in Verbindung zu bringen. Er wisse, dass dies nicht so ohne Weiteres zu vergleichen sei, weil sie in Deutschland „subtiler“ vorgingen, die linken „Tugendwächter“, sagt Brüderle.
Damit nicht genug: der grüne Jürgen Trittin plane womöglich zur Aufdeckung der Vermögensverhältnisse einen „Überwachungsapparat“, eine „grüne Vermögenssteuerstasi.“ Da kocht der Saal, da jubeln die Frustrierten. Endlich teilt die FDP mit Brüderle mal wieder aus, statt immer nur einzustecken. Über Geschmack will in diesem Moment keiner streiten. Am Ende erlaubt sich Brüderle „ein persönliches Wort“. Er sei nun bald 40 Jahre in der FDP, diesem „sympathischen Haufen von Freidenkern“, habe Niederlagen erlitten und Siege errungen. Aber er wolle „keinen Tag davon missen“. Und dann sagt er jenen Satz, der wie kein anderer zuvor signalisiert, dass er bereit ist, die FDP zu führen, wenn man ihn darum bittet: „Ich werde kämpfen für die FDP und ich weiß, ich bin nicht allein.“
Dann tritt Rösler nach vorne. Seine Rede zieht sich in die Länge, nichts sagt er, was überraschen würde: dass der Staat sich nicht in alle Lebensbereiche einmischen dürfe, dass die Flamme der Freiheit auch in einem fürsorgenden Staat erlöschen könne, solche Sachen halt. Er findet keinen Rhythmus, keine Sicherheit. Was er zu sagen hat, sagt er zu hastig, die Pausen, die er macht, sind zu lang, die Stille in diesen Pausen wird drückend. Die ersten Zuhörer gehen noch vor dem Ende der Rede. Stimmung kommt nur auf, als einer „Arschloch“ ruft und Rösler kontert: „Das kann man auch höflicher formulieren.“ Als die Grüne Jugend Flugblätter von den Rängen wirft, fällt ihm der hübsche Satz ein: „Eigentlich geht das nicht, dass die Grünen Papier einfach so wegwerfen.“ Aber das war es dann auch schon an lockeren Momenten.
Eigentlich will er ja Niebel die Leviten lesen. Er hat das angekündigt. Hielte er sich ans Redemanuskript, er würde hinreichend deutlich. Aber am Ende bleibt die Abrechnung aus, er streicht die Passagen. Nur einen vagen Appell zur Geschlossenheit erlaubt er sich. Er bleibt der nette Herr Rösler. Die Niedersachsenwahl wird zeigen, ob er so bleiben kann.