Parteichef Christian Lindner hat sich auf dem Dreikönigstreffen der Liberalen in Stuttgart wacker geschlagen. Ob’s hilft, zeigt bald die Wahl in Hamburg.

Stuttgart - Christian Lindner ist angespannt. Man merkt es ihm an. Der cremefarbene Sessel, auf dem er Platz genommen hat und in dem er es sich zu anderer Stunde sicher bequem machen würde, ist für den FDP-Chef in diesen Minuten ein marterndes Möbelstück. Noch ein flüchtiger Blick aufs Smartphone, wohl, um die Uhrzeit zu prüfen, denn die Vorredner haben überzogen. Dann, endlich, steht er auf, tritt auf eine runde, hellblaue Fläche wie in eine zu klein geratene Manege. Den Kreis haben die Neugestalter der FDP ersonnen, um den Rednern zu zeigen, wo sie von den Kameras am besten eingefangen werden. Denn kein Stehpult gibt ihnen diesmal Halt, die Sessel ersetzen die Parteitagskulisse, die früher den Hierarchen als Sitzgelegenheit diente – eine antiquierte Kulisse, die ein alter FDP-Veteran gern und abschätzig „Politbüro“ schimpfte.

All das soll anders wirken, sympathischer, unverkrampfter. Magentatöne sollen dem traditionellen Gelb-Blau die Härte nehmen. Man will ja jetzt nicht nur leidenschaftlich, ja, man will sogar empathiefähig sein bei der FDP, wo man früher glaubte, die Existenzangst von Schlecker-Frauen mit dem Wort „Anschlussverwendung“ treffend zu umschreiben.

Zwischen Ernsthaftigkeit und Optimismus

Andererseits soll aber auch nichts an den inhaltsleeren Spaßwahlkampf erinnern, mit dem die FDP einst um Aufmerksamkeit buhlte. Deshalb gibt es auch keinen fallenden Vorhang, keinen Tusch, kein Ah und kein Oh, wie dies früheren FDP-Chefs sicher gefallen hätte. Beiläufig kommt die neue Farbgebung stattdessen daher. Als Baden-Württembergs Landeschef Michael Theurer endet, wechselt im Hintergrund die Optik. Keiner weist darauf hin, es passiert einfach und mancher bemerkt es erst spät. Lindner will schließlich, dass seine Partei jetzt seriös daherkommt, traditionell und zukunftsbejahend zugleich. Ein bisschen viel auf einmal hat er sich also vorgenommen. Aber was bleibt ihm übrig – bei Umfragewerten von zwei Prozent und tristen Aussichten bei den Wahlen in Hamburg und Bremen.

So tritt er nach vorn, vor die 1200 FDP-Mitglieder und Sympathisanten, die auch dieses Jahr wieder zu diesem kollektiven liberalen Glaubensbekenntnis erscheinen. Weit mehr hätten es werden können, wenn die Größe der Oper es zuließe. Es ist eine trotzige Demonstration des Überlebenswillens, verknüpft mit der Hoffnung, ja mehr noch, der grimmigen Erwartung, dass Lindner ihnen mit nur einer einzigen Rede den Weg zeigen kann zu neuer Bedeutung. Tja, was soll man da noch sagen?

Lindner findet: eine ganze Menge. 70 Minuten am Stück redet er frei daher und nur ein zerknittertes, kleines Stück Papier, das er hin und wieder aus der rechten Sakkotasche fischt, navigiert ihn durch seinen liberalen Kosmos. Wer aber erwartet, dass er Programmbausteine präsentiert oder zünftig die Konkurrenz tunkt, hat sich vergebens nach Stuttgart aufgemacht. Lindner geht es um etwas anderes. Es geht ihm um einen radikalen Mentalitätswechsel. Er will die FDP, die sich über Jahre im Freund-Feind-Modus durch die Republik keifte, andere Sitten lehren, einen anderen Umgang, auch mit der politischen Konkurrenz. Es ist ihm nicht entgangen, dass die meisten anderen Parteien auch von durchaus liberal denkenden Menschen bevölkert werden, die es anwidert, von der FDP fortdauernd sozialistischer Umtriebe verdächtigt zu werden.

Gleich zu Beginn der Rede sagt er deshalb, es müsse Schluss sein, die anderen immer nur verächtlich zu machen. Die Union, die SPD, die Grünen, sie alle hätten sich um die Republik verdient gemacht, verfolgten ehrenwerte Motive, nur eben aus Sicht der FDP mit oftmals problematischen Methoden. „Wer nur die Schwächen der anderen betont, scheint sich seiner eigenen Stärke nicht sicher zu sein“, sagt Lindner. Und wer sich, wie die FDP, für Meinungsfreiheit starkmache, der müsse „schon im Stil den Unterschied ausmachen“. Er, der an diesem Mittwoch gerade mal 36 Jahre alt wird, redet da wie ein Erzieher mit verhaltensauffälligen Kindern. Erstaunlich ist: bis jetzt lässt die Partei das mit sich machen.

Lindner beschreibt den Raum, den die FDP künftig wieder ausfüllen soll. Er adressiert seine Botschaft aber nicht an Zielgruppen, sondern vertraut darauf, dass in allen Bevölkerungsschichten Menschen den Drang nach Freiheit verspüren. „Das hat nichts mit Alter, Einkommen, Geschlecht oder Beruf zu tun“, sagt er. Freiheit werde auch nicht in „den gläsernen Fassaden der Banken gespiegelt“.

Er beschreibt stattdessen ein „Lebensgefühl“, das jeden beglücken könne, etwa, wenn man erstmals im Leben eine eigene Wohnung bezieht, Verantwortung für sich selbst übernimmt, „voll Vorfreude auf das, was da kommen mag.“ Solche Menschen will er ansprechen. Jenen, die SPD-Chef Sigmar Gabriel die „kleinen Leute“ nennt, verspricht er: „Wir machen dich größer.“ Durch „das weltbeste Bildungssystem“, weniger Bürokratie, ja, auch durch mehr Netto durch Brutto, auch wenn Lindner das natürlich so nicht mehr sagt, sondern stattdessen lieber erst mal die Abschaffung des Solis fordert.

Ein wenig spielt er mit der Angst der Deutschen

Lindner konstatiert in Deutschland Verunsicherung „hinter der Fassade der Prosperität“. Zuwanderung, Alterung, Digitalisierung und Globalisierung stellten Gewissheiten in Frage. Schwarz-Rot-Grün wollten wegen dieser Angst vor dem Wandel am liebsten nichts verändern. Andere verschanzten sich hinter den Grenzen des Nationalstaats. Es fehle an Tatkraft, Optimismus und Freiheitsliebe. Was er damit eigentlich sagen will, ist: es fehlt die FDP.

Nur kurz streift er die Vergangenheit, räumt persönliche Mitverantwortung ein, weil sich die FDP 2010 von Kanzlerin Angela Merkel ihr zentrales Wahlkampfversprechen aus der Hand schlagen ließ: eine große Steuerreform. Es sei auch falsch gewesen, 2009 nicht das Finanzministerium zu besetzen. Das ist es dann aber auch gewesen mit dem Blick zurück. Für Lindner gilt: vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Frei machen müsse sich die FDP von Selbstzweifeln, nicht ständig überlegen, was Zeitungen schreiben werden oder Hans-Dietrich Genscher wohl sage, wenn dies oder das gefordert wird. Dieses dauernde Lavieren habe die FDP „unfrei gemacht“. Wer aber andere vom Gedanken der Freiheit begeistern wolle, der müsse „sich zuerst einmal selbst befreien.“

Was er sich darunter vorstellt? Die Zukunft und den Wandel als Chance begreifen. Unvoreingenommen die Chancen neuer Technologien prüfen. Gründern und Tüftlern das Leben leichter machen, damit ein Mann wie Steve Jobs, der Apple in einer Garage gründete, in Deutschland nicht „bereits an der Baunutzungsordnung seiner Garage“ scheitere. Warum gegen den Fahrdienst Uber lästern und nicht stattdessen einen fairen Wettbewerb zwischen Etablierten und Neulingen ermöglichen, fragt er. Wohl wissend, dass viele in der FDP das Taxigewerbe als klassischen Mittelstand begreifen.

Die Gedanken sind frei in Lindners FDP? Nicht ganz. Ein Anbiedern an die AfD oder Pegida-Wutbürger, die sagen, man müsse doch mal sagen dürfen, wird es mit Lindner nicht geben. Das ist keine triviale Aussage. Der FDP ist Islamfeindlichkeit unter ihren Mitgliedern nicht völlig fremd und bei zwei Prozent Zuspruch könnte der eine oder andere in Versuchung geraten. Man müsse Sorgen ernst nehmen, sagt Lindner, dürfe aber nicht jene hofieren, die Minderheiten und Schwache an den Pranger stellen und in jedem Muslim einen Islamisten sehen. Wer dieses Klima der Ausgrenzung zulasse, der riskiere, dass morgen die nächste Bevölkerungsgruppe und damit vielleicht sogar er selbst angefeindet werde. Weltoffen und tolerant: auch das soll Lindners neue FDP sein, wenn sie denn irgendwann mal wieder was zu sagen hat.