Beim Chio, dem weltgrößten Reitturnier in Aachen, geht es in dieser Woche auch um die verbleibenden Tickets für die Olympischen Reiterspiele in Paris: Dressur-Ikone Isabell Werth kämpft mit Ingrid Klimke um den letzten freien Platz im deutschen Team.

Der 13. Juli 1924 war ein historischer Tag. Denn an jenem Sommersonntag vor hundert Jahren veranstaltete der Aachen-Laurensberger Rennverein auf den Wiesen in der Soers, etwas außerhalb der alten Kaiserstadt gelegen, zweierlei: Nicht nur seine beliebten Galopprennen, sondern auch sein allererstes Reitturnier. 1927 wurde der erste „Große Preis von Aachen“ ausgerichtet, das bis heute wertvollste Einzelspringen der Welt. Seit 1929 gibt es dort auch den Preis der Nationen, das Mannschaftsspringen – nicht minder renommiert.

 

Diese Woche richten die Aachener ihr 94. Turnier aus. Bei diesem „Weltfest des Pferdesports“, so das selbstbewusste Prädikat, geht es wenig um die glorreiche Historie – das wichtigste Sportereignis des Jahres überstrahlt alles, es beherrscht die Wettkämpfe und die Gespräche in den Ställen und auf den Tribünen: die Olympischen Reiterspiele von Paris, die vor dem weltberühmten Schloss von Versailles ausgetragen werden. In knapp vier Wochen läutet dort die Startglocke: zunächst für die Vielseitigkeit, danach für die Dressur und schließlich für das Springen. In Aachen laufen die letzten Tests.

Dennis Peiler, Chef des Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR), formuliert die Erwartungen an seine Reiter so: „Gegenüber dem Deutschen Sportbund und dem Innenministerium haben wir uns verpflichtet, alles zu tun, um drei bis fünf Medaillen zu gewinnen.“ Seine größte Goldhoffnung – die 38-jährige Jessica von Bredow-Werndl, Dressur-Olympiasiegerin von Tokio, und ihre jetzt 16-jährige Trakehner Stute Dalera – fehlt jedoch in der Soers. Monica Theodorescu, die Bundestrainerin, sagt: „Jessica hat mit Dalera bei der DM in Balve vollauf überzeugt. Sie ist für Paris gesetzt und soll ihr Pferd noch schonen.“

Werth: „Ich gebe niemals auf!“

Im Kampf um die zwei weiteren Dressur-Teamplätze sieht es so aus: Der Profi Frederic Wandres aus Hagen am Teutoburger Wald darf auf Grund seiner Erfolge mit dem zweiten Startplatz rechnen. Um den dritten gibt’s ein höchst spannendes Duell auf dem Sandviereck: Isabell Werth (54), eine Ikone des Dressursports, muss sich der Konkurrenz von Ingrid Klimke (56) aus Münster mit ihrem 16-jährigen Hengst Franziskus erwehren. Um am Ende nicht auf dem undankbaren Reserveplatz sitzen zu bleiben, hat die erfolgreichste Reiterin der Turniergeschichte kurzfristig ihren 14-jährigen Quantaz getauscht gegen die erst zehnjährige dänische Stute Wendy de Fontaine. Werth sagt: „Zugegeben, meine Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos! Wer mich kennt, der weiß: Ich gebe niemals auf!“

Team der Vielseitigkeitsreiter steht

Peter Thomsen, der Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter, hat sein Trio für Paris komplett: Michael Jung aus Horb, Olympiasieger von London 2012 und Rio 2016, mit dem 16-jährigen FischerChipmunk, Sandra Auffarth aus Ganderkesee auf dem 15-jährigen Viamant du Matz sowie Christoph Wahler vom Klosterhof Medingen mit dem 15-jährigen Carjatan. Der Reserveplatz ist noch offen. Thomsen erklärt: „Wir stellen seit 2008 die Olympiasieger: Hinrich Romeike mit Marius, 2012 und 2016 Michael Jung mit Sam und 2021 in Tokio Julia Krajewski mit Mandy. Das möchten wir gerne fortsetzen.“

Schließlich die Springreiter, deren Olympiasieger von 1992, Ludger Beerbaum, 2023 in Aachen seine Karriere beendet hat. Dennoch fiebert er Paris entgegen: Seine beiden Angestellten, der 34-jährige Christian Kukuk und der 38-jährige Philipp Weishaupt, hat Bundestrainer Otto Becker ins Trio für Olympia berufen. Der Dritte im Bunde ist der 27-jährige Profi Richard Vogel vom Reiterverein Mannheim. Vogel ist der Shootingstar der letzten beiden Jahre, aktuell als Zehnter der beste Deutsche in der Weltrangliste. Mit seinem 12-jährigen Hengst United Touch S gewann er 2022 das Weltcupspringen in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Die letzte olympische Medaille für die deutschen Springreiter war Bronze in Rio 2016.

Wenn am Montag die Aachener Woche vorüber ist, erwartet werden bis Sonntag wieder rund 350 000 Besucher, dann geht der Blick für die Macher vom Aachen-Laurensberger Rennverein übrigens gleich um zwei Jahre voraus: Im Sommer 2026 finden in der Soers die nächsten Weltmeisterschaften der Reiter statt.