„Drittes Reich“ im Kreis Ludwigsburg Als die Gestapo nach Besigheim zog – Polizist deckt verborgene Geschichte auf

Ewald Anger hat seine Recherche in einem Band der Besigheimer Geschichtsblätter zusammengefasst. Foto: Simon Granville

Ewald Anger hat sich der Geschichte der Gestapo in Besigheim (Kreis Ludwigsburg) angenommen. Der pensionierte Polizist ging den Fragen nach, wie es dazu kam, dass in dem beschaulichen Städtchen die Geheimpolizei einen Standort hatte und wer dort arbeitete.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Im beschaulichen Besigheim hatte die Gestapo, die Geheime Staatspolizei der Nazis, zwei Standorte. Das war in Besigheim Zeitzeugen und ortshistorisch Interessierten auch schon bekannt, viel mehr über das dunkle Kapitel in der Stadtgeschichte allerdings nicht. Bis sich Ewald Anger, ein pensionierter Polizist und Stadtführer an die Recherche machte.

 

„Auslöser war ein Gespräch am Rande einer Beerdigung. Albrecht Joos erzählte mir, dass seine Mutter 1944 dienstverpflichtet wurde zum Schreibdienst bei der Gestapo in Besigheim“, sagt Anger. Diese lokale Verbindung und die persönliche Geschichte faszinierten den heute 70-Jährigen gleich. Über einen Zeitraum von drei Jahren sprach er mit Zeitzeugen und recherchierte in Archiven. Seine Erkenntnisse hat er in einem Band der Besigheimer Geschichtsblätter auf mehr als 100 Seiten zusammengefasst.

„Wenn man an Gestapo denkt, haben viele die Männer in schwarzen Ledermänteln im Kopf. Die gab es auch, aber in Besigheim waren vor allem Schreibtischtäter im Einsatz“, sagt Anger. Etwa 20 Bedienstete gab es in der ehemaligen Oberamtsstadt an Neckar und Enz. Dabei war Besigheim nie als Standort für die Gestapo vorgesehen.

Gestapo suchte Ausweichquartier

Im Kameradschaftshaus in Besigheim war eine Abteilung der Gestapo untergebracht. Foto: Stadtarchiv Besigheim

Als die Luftangriffe auf Stuttgart – den Sitz der für Württemberg zuständigen Stelle – während des Zweiten Weltkriegs zunahmen, entschied man, wichtige Unterlagen und Akten an einen sicheren Ort auszulagern. Dabei fiel die Wahl auf zunächst einen Standort in Besigheim. „Am Bahnhof gab es das Kameradschaftshaus. Das gehörte der Stadt und wurde zuvor von der NSDAP genutzt. Man konnte es also relativ einfach und schnell verfügbar machen“, sagt Anger.

Das sei ein Grund für die Verlagerung dorthin gewesen. Ein weiterer sei wahrscheinlich die gute Erreichbarkeit durch die Lage am Bahnhof gewesen und dann werde wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass Besigheim in den Jahren zuvor einen Bedeutungsverlust erleiden musste. Bis 1938 war die Stadt Verwaltungssitz des Kreises Besigheim gewesen. Der Kreis ging dann aber in den Kreisen Ludwigsburg und Heilbronn auf. Dass die Gestapo in die Stadt zog, könnte also auch als eine Art Wiedergutmachung für die Rückstufung angesehen werden.

Schreibtischtäter und schwarze Ledermäntel

Auch wenn die Gestapo also Prestige in die Stadt brachte, nach außen wirkten die Beamten kaum. In der Stadt verhielten sie sich unauffällig, „aber jeder wusste natürlich, dass dort die Gestapo arbeitete“. Die Männer mit den schwarzen Ledermänteln waren dann auch eher ein seltener Anblick, denn in Besigheim arbeitete die Verwaltungsabteilung. Dennoch fiel den Besigheimern zentrale Bedeutung zu, weil dort Informationen zusammenliefen, deren Auswertung dann zu den Aktionen der Gestapo führten. Später im September des Jahres 1944 bezog man weitere Räume in Besigheim, nämlich im einstigen Saal der heute noch bestehenden Gaststätte Hirsch im Zentrum der Stadt.

Blick in die Besigheimer Altstadt aus dem Jahr 1935. Rechts ist die Gaststätte Hirsch zu sehen. Foto: Stadtarchiv Besigheim

Die Gestapo-Mitarbeiter bezogen auch alle Quartier in der Stadt und meldeten sich brav im Rathaus an. Wie Anger berichtet, gaben sie dabei im Rathaus auch stets „Gestapo“ als Arbeitgeber an. Das war für den Ortshistoriker eine wichtige Quelle, denn die wichtigen Gestapo-Akten, die in Besigheim gelagert und bearbeitet wurden, wurden vor Kriegsende vernichtet. Standen darin doch nicht nur Informationen über Bürger, es handelte sich nämlich auch um Personalakten der Gestapo-Mitarbeiter. Mit einem Lastwagen wurde in der Osterwoche 1945 ein Großteil der Akten in die Papierfabrik nach Gemmrigheim gebracht und dort vernichtet. Für Ilse Joos, die junge zwangsverpflichtete Schreibkraft aus Besigheim, begann mit dem nahenden Kriegsende und dem Abzug der Gestapo aus der Stadt auch eine Odyssee. Sie hatte Befehl bekommen, sich in einer Rot-Kreuz-Uniform in einen Ort namens Talheim durchzuschlagen. Dort bekamen Gestapo-Mitarbeiter gefälschte Papiere.

Während die Männer in den Untergrund gingen, mussten sich die Frauen mit ihren Kindern wieder in ihre Heimatgemeinden zurückdurchschlagen. Ilse Joos wurde nach ihrer Rückkehr in Besigheim verhaftet, aber das Verfahren wurde eingestellt. Einer Reihe von ehemaligen in Besigheim tätigen Beamten der Gestapo gelang wegen der vernichteten Personalakten nach dem Krieg die Rückkehr in den Staatsdienst. Viele hatten angegeben „von Amts wegen“ zur Gestapo versetzt worden zu sein. Friedrich Feuersinger etwa, Sachgebietsleiter für Besoldung und Versorgung, konnte Laienrichter davon überzeugen als Verwaltungsbeamter der Gestapo im eigentlichen Sinn gar nicht angehört zu haben. Er wurde zum Mitläufer erklärt und erlangte eine Anstellung bei der Stadt Waiblingen.

Die Spuren der Gestapo im Ort

Das Gasthaus Hirsch gibt es auch heute noch. Foto: Simon Granville

Das Kameradschaftshaus wurde 1999 abgebrochen, heute steht an dieser Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus. Das Gasthaus Hirsch steht immer noch in der Besigheimer Altstadt. Die Wirtsfamilie hat allerdings gewechselt. Viele der Zeitzeugen mit denen Anger in seiner drei Jahre andauernden Recherche zu dem Thema sprach, sind inzwischen verstorben.

Die Gestapo in Württemberg

Politische Polizei
 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Politische Polizei, die zur „Bekämpfung staatsfeindlicher Bestrebungen“ da war, mehr und mehr zentralisiert. Eine Verschmelzung mit der SS war angestrebt. Ab Oktober 1936 hatten alle politischen Polizeien einheitliche Bezeichnungen zu führen.

Neuer Name
 Aus dem Württembergischen Politischen Polizeiamt wurde die Geheime Staatspolizei – Staatspolizeistelle Stuttgart. Das Hotel Silber in Stuttgart war wichtig für die Gestapo. Es wurde mehr als ein halbes Jahrhundert von der Polizei genutzt und war Zentrale der Gestapo für Württemberg und Hohenzollern.

Heute
Am einstigen Ort des Nazi-Terrors in Stuttgart entstand der Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Seit 2018 informieren eine Dauerausstellung zu Polizei und Verfolgung sowie unterschiedliche Veranstaltungen über Täter und Opfer, die Institution Polizei und ihre Rolle in drei politischen Systemen.

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