DRK hat neues Konzept fürs Haus am Killesberg Der Sieg der Senioren

Von Eva Funke 

Der DRK-Kreisverband plant nach politischem Druck das Haus am Killesberg neu und verspricht, dass alle, die bereits ausgezogen sind, zurückkommen dürfen.

Das Trio Heinz Gaisser, Erika Moik und Frank Beutter (v. li.) hat hartnäckig  für die Bewohner gekämpft. Foto: Eva Funke
Das Trio Heinz Gaisser, Erika Moik und Frank Beutter (v. li.) hat hartnäckig für die Bewohner gekämpft. Foto: Eva Funke

Stuttgart - Sie können stolz auf sich sein: Einem Trüppchen wackerer Senioren, alle über 90, ist es gelungen, die Abrisspläne des Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) für ihr Heim in eine neue Richtung zu lenken. Das DRK-Seniorenzentrum Haus am Killesberg wird zwar tatsächlich abgerissen, aber erst nachdem auf dem Parkplatz des Areals ein neues Gebäude mit 45 Pflegeplätzen, 28 öffentlich geförderten Pflegewohnungen und fünf geförderten Mietwohnungen für betreutes Wohnen gebaut sein wird. Statt in entfernte Heime wie das Seniorenzentrum im Roser-Areal in Feuerbach müssen die Senioren beim 2022 geplanten Abriss ihres Zuhauses nur ein paar Meter weiter in den Neubau ziehen.

Nach zwei Jahren zähem Kampf gegen das DRK und die Stadtverwaltung, bei dem die Niederlage bis zum Schluss näher schien als der Sieg, hätten die Senioren nun allen Grund zur Freude über ihren Erfolg. Doch die will nicht so recht aufkommen: „Es ist eher Genugtuung darüber, dass sich der Kreisgeschäftsführer des DRK mit seinen Plänen nicht durchsetzen konnte“, sagt Heinz Gaisser. Der 91-jährige promovierte Diplom-Ingenieur ist Sprachrohr der Bewohner und hat nie locker gelassen. Gaisser: „Auch wenn ich allen auf die Nerven gegangen bin.“ Immer an seiner Seite: Erika Moik (93). Sie ist Vorsitzende des Bewohnerbeirats Haus am Killesberg. Und der Zahnarzt Frank Beutter (90) vom Bewohnerbeirat. Wie sehr der Kampf um ein Bleiberecht in der alten Umgebung an ihnen und den übrigen Bewohnern des Hauses gezehrt hat, gesteht Moik: „Ich konnte nicht mehr schlafen, hatte Angstattacken. So oft musste ich in meinem Leben Abschied nehmen. Das möchte ich nicht mehr. Ich will hier auf dem Killesberg in Frieden sterben.“ Und Beutter stellt mit einer Portion Sarkasmus fest: „Jetzt weiß ich wenigstens, wie lange ich noch leben darf: vier Jahre.“

Senioren sind zuversichtlich, dass die Zeit für sie spielt

Im Seniorenzentrum Haus am Killesberg sind derzeit noch 24 von 68 Appartements und 35 von 70 Pflegeplätze belegt. Die meisten Bewohner sind realistisch: Bis das Projekt von DRK und dem neuen Investor Siedlungswerk in trockenen Tüchern ist, leben sie laut Statistik nicht mehr. Der Neubau auf dem Parkplatz soll 2022 fertig sein, dann das jetzige Seniorenzentrum abgerissen und bis 2025/26 ein neues Zentrum eröffnen. Darin: 16 Pflegewohnungen, elf öffentlich geförderte Mietwohnungen, 29 Eigentumswohnungen für betreutes Wohnen, 20 freifinanzierte Mietwohnungen, 31 Wohnungen mit bis zu vier Zimmern für Familien. Um Gaissers Mundwinkel spielt ein Lächeln: „Bei so einem großen Projekt verzögert sich sowieso alles, so dass wir noch mehr Spielraum haben“, sagt er. Angst macht ihm und den anderen ihre überschaubare Lebenszeit nicht, sie lässt sie eher gelassen sein.

Während die Senioren ihren Sieg noch nicht feiern wollen, ist die Begeisterung groß im Ausschuss für Umwelt und Technik des Gemeinderats. Denn was jetzt vorliegt, ist das Konzept einer modernen, integrativen Wohnanlage wie sie bisher nicht einmal angedacht war: Die CDU, von der sich die Senioren im Stich gelassen fühlen, weil sie die ursprünglichen Baupläne im Prinzip akzeptiert habe, betont jetzt, „dass man alte Bäume nicht verpflanzen sollte“ und fragt, wie es mit den Menschen weitergeht, „die unter Druck“ ausgezogen sind (Beate Bulle-Schmidt). „Auf Wunsch können sie zurück“, versichert DRK-Kreisgeschäftsführer Frieder Frischling. Die Grünen im Gemeinderat, die laut Gaisser abgetaucht und nicht einmal mehr ans Telefon gegangen seien, wenn seine Nummer auf dem Display aufleuchtete, loben nun die städtebauliche Aufwertung des Quartiers durch das neue Konzept (Clarissa Seitz).

In dem Disput mit dem DRK standen vor allem die SPD im Gemeinderat und die Linke an der Seite der Senioren. Die Stadträte Marita Gröger (SPD) und Luigi Pantisano sowie Bezirksbeirat Jürgen Klaffke (beide SÖS-Linke-Plus ) haben immer wieder auf die Not der Bewohner hingewiesen und sich gegen die Abrisspläne des DRK gestellt. Auch der Bezirksbeirat-Nord hielt den Senioren mit großer Mehrheit die Stange. Trotz CDU-Parteibuch und von amtswegen neutral, hat sich Bezirksvorsteherin Sabine Mezger für die Bewohner des Hauses am Killesberg eingesetzt ebenso wie der Bürgerverein Killesberg. „Ihnen allen ist es zu verdanken, dass unser Anliegen zum Politikum mit gutem Ausgang wurde“, stellt Heinz Gaisser fest.

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