Die Geburt seiner Tochter hat Frank dabei geholfen, die Heroinsucht zu überwinden. Er ist seit Jahren clean. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle
Frank hat durch seine lange Heroinabhängigkeit ein Bein verloren. Wie es dem 43-Jährigen gelungen ist, clean zu werden und was er tut, wenn der altbekannte Drang in ihm hochkommt.
Frank beschreibt seine erste Erfahrung mit Heroin mit großer Klarheit. Es habe nichts Benebelndes oder Unangenehmes an sich gehabt. Im Gegenteil. Diese Droge zu nehmen, sei fast wie eine mystische Erfahrung gewesen. Er war 16 Jahre alt und hatte bereits seit Jahren intensiv Drogen konsumiert. Manchmal habe er an einem Wochenende 30 Teile geschmissen – also 30 Pillen Ecstasy genommen. Zu der Zeit habe er auch viel gekifft und Alkohol getrunken.
Einmal habe ihm ein Freund „H“ angeboten, um von einem anderen Drogentrip wieder herunterzukommen, also um weniger aufgeputscht zu sein. Frank kannte die Abkürzung für Heroin zu dem Zeitpunkt nicht und habe einfach zugegriffen. Sein Leben habe sich damit schlagartig verändert, sagt er. „Heroin zu nehmen, hat sich angefühlt, wie am Ende einer langen Suche angekommen zu sein“, sagt er. Es habe ihm ein Gefühl von Geborgenheit gegeben, das ihm bis dahin in seinem Leben komplett gefehlt habe.
Frank nennt lieber nicht seinen echten Namen, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt. Er ist heute 43 Jahre alt. Er sagt, dass über 25 Jahre sein Leben geprägt gewesen war von Drogen, Sucht und Kriminalität. Heute hat er einen Bürojob im Kulturwerk in Stuttgart Ost. Man merkt ihm an, dass er vom Leben gezeichnet wurde. Er steht von seinem Arbeitsplatz schwerfällig auf und humpelt durch die Gänge. Sein rechtes Bein musste als Folge seines intensiven Heroinkonsums amputiert werden.
Er ist inzwischen nüchtern und clean. Seinen Arbeitsplatz hat er im Rahmen einer Maßnahme erhalten, bei der ehemalige Drogenabhängige wieder ins Berufsleben integriert werden sollen. Sein Leben hat sich in den vergangenen Jahren des Clean-Seins stabilisiert. Seine Eltern trauen ihm wieder mehr und sperren nicht mehr ihre Wertgegenstände vor ihm weg, aus Angst er könnte sie stehlen und verkaufen. Frank gelingt es, über die Ereignisse in seinem Leben zu reden, die in ihm das Bedürfnis nach Zuflucht geschaffen hatten. Alles habe damit angefangen, was in seiner frühen Kindheit passiert sei. Ein Trauma, das er nicht näher beschreiben will.
Mit 11 Jahren Alkohol, mit 12 der erste Joint
Er habe sich seiner Familie nie zugehörig gefühlt. Alkoholkonsum sei hingegen etwas ganz normales gewesen. Kindern Alkohol zu geben oder betrunken Auto zu fahren, sei ebenfalls nicht als Problem thematisiert worden. Mit 11 Jahren habe er dann das erste Mal Alkohol getrunken und mit 12 Jahren angefangen mit dem Kiffen. Später kamen härtere Drogen hinzu. Seinen Konsum habe er über Jahre zum einen mit Drogenhandel und zum anderen mit Diebstählen und Raubüberfällen finanziert.
Stuttgart sei für ihn immer ein wichtiger Ort gewesen, um an Drogen und Geld zu kommen. Hier gab es viel Kundschaft und bekannte Drogenumschlagplätze als eine Art offenen Markt. Er sei auch immer aus der Region nach Stuttgart angereist, um gefälschte Privatrezepte für Benzodiazepine einzulösen. In einer Großstadt ginge so etwas leichter.
Mit 19 Jahren zum ersten Mal im Knast
Ein Ort, an dem er sich häufig aufgehalten habe, sei die Haltestelle Innenstadt am Rotebühlplatz gewesen. Bis vor ein paar Jahren hätten sich dort immer Hunderte Menschen eingefunden, um Drogen zu kaufen und zu konsumieren. „Ich erinnere mich, wie da ein Dealer einfach offen seine Tüte in der Hand hatte, aus der er Heroin verkauft hatte. Das war einfach komplett üblich“, sagt er. Heute seien die bekannten Drogenumschlagplätze die Paulinenbrücke und die Gegend um die Leonhardskirche.
Die Paulinenbrücke gilt als Drogenumschlagplatz. Foto: STZN
Die wirklich falschen Entscheidungen habe er immer dann getroffen, wenn ein Entzug gedroht habe. Mit 19 Jahren sei er beispielsweise das erste Mal ins Gefängnis gekommen. „Mein Dealer wurde damals abgeschoben und ich habe Geld gebraucht, um mir Drogen zu leisten, die ohne seine Verbindung plötzlich viel teurer waren“, sagt er. Er hab daraufhin mit einem Freund eine Tankstelle überfallen. Ein Bekannter hätte sie an die Polizei verraten.
Trotz seines intensiven Drogenkonsums sei es ihm über die Jahre immer wieder gelungen, auch Sachen zu erreichen. „Ich habe auf Heroin meinen Führerschein gemacht“, sagt er. Er sei nur dann schlecht gefahren, wenn er auf Entzug gewesen sei. Auf Drogen sei er oft mehr er selbst gewesen, sagt er. Auch habe er mit 19 seine Gefängnisstrafe verkürzen können, weil er noch seine Ausbildung abschließen konnte.
Die Rettung durch Paragraph 64
Wenn Frank von seinen Konflikten mit der Justiz redet, kommt er immer wieder auf zwei Paragraphen zu sprechen. Zum einen den Paragraphen 35 des Betäubungsmittelgesetzes. Dieser ermöglicht es, Abhängigen Teile ihrer Haftstrafe in einer Therapieeinrichtung statt im Gefängnis zu verbüßen. Diesen habe er oft beansprucht – wenn auch mit wenig Erfolg. Der andere Paragraph 64 ist aus dem Strafgesetzbuch. Diesem hat Frank es letztendlich wohl zu verdanken, dass er noch am Leben ist. Er beschreibt eine Zwangstherapie, die länger dauert und von einem Gericht angeordnet wird. „Ich habe die Maßregelung gebraucht, um auf mein Leben wieder klar zu kommen“, sagt er.
Es sei zu einer Zeit gewesen, in der sein Leben ständig an einem seidenen Faden gehangen habe. Er habe mehrere Überdosen pro Monat gehabt und alle Warnungen der Ärzte mit großer Gleichgültigkeit behandelt. „Die haben immer gesagt, ,was wenn du nicht mehr aufwachst’. Aber ich bin doch immer aufgewacht“, sagt er nüchtern.
Und dann habe er sein Bein verloren. „Ich hatte mir zu oft Heroin mit einer Spritze in die Leiste geschossen“, sagt er. Das habe zu einem Abszess geführt und die Blutzufuhr zu seinem Bein abgeschnürt. „Ich war zu der Zeit auf so vielen Schmerzmitteln, dass ich das einfach lange Zeit gar nicht bemerkt hatte“, beschreibt er den Zustand weiter. Als er sich nur noch kriechend fortbewegen konnte, habe seine Mutter sich das Bein angeschaut. Es habe bereits schwarze Stellen gehabt und intensiv gestunken.
Durch eine Zwangstherapie weg von den Drogen
Doch irgendwann hat sich sein Leben erneut radikal verändert. Er bekam mit seiner damaligen Freundin ein Kind. „Meine Tochter hat mich zurück ins Leben geholt“, sagt er. Sie sei der Anstoß für ihn gewesen, über den Paragraphen 64 eine zweijährige Zwangstherapie zu machen, obwohl er auch mit einer milderen Strafe hätte davon kommen können. So habe er immer den Richter im Nacken gehabt, der ihn ins Gefängnis hätte schicken können, wenn er rückfällig geworden wäre. „Es war der einfachste Entzug meines Lebens, denn ich wusste, dass ich es diesmal ernst meine“, sagt Frank rückblickend.
Das Geld ist manchmal knapp
Am Wochenende, erzählt Frank, sei seine Tochter wieder zu Besuch gewesen. Sie ist inzwischen neun Jahre alt. Ihre Eltern leben getrennt. Das Geld sei manchmal knapp. Dennoch war er mit ihr im Tierpark in Esslingen und danach in der Eishalle. Er möchte bald eine Weiterbildung machen zum Bürokaufmann, um auch seine Tochter mit einem höheren Einkommen besser unterstützen zu können. Sein Kampf zurück ins Leben hat noch nicht aufgehört.
Manchmal steigen noch die Gedanken und das alte Verlangen in ihm auf. Doch dafür hat er Strategien entwickelt. „Es gibt auf meiner Arbeit andere ehemalige Drogenabhängige. Mit denen kann ich reden und sie verstehen genau, wie es mir geht“, sagt er.
Frank besucht eine Männergruppe im Kulturwerk und hat eine Selbsthilfegruppe, zu der er geht. Ihm fällt es heute leichter, darüber zu reden, was in seinem Leben schiefgelaufen ist. Früher sei das Leben nie langweilig gewesen. Das sei heute anders bei ihm. Die Langeweile sei eben Teil eines Lebens ohne Drogen. Das nehme er gerne in Kauf. Dafür kann er für seine Tochter da sein. Sie gebe ihm die Kraft weiterzumachen.
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