Der Herrenberger muss sich vor dem Landgericht verantworten. Foto: Marijan Murat/dpa
Zerrüttete Familie, ein schwerer Unfall, Drogenmissbrauch: Es ist eine dramatische Lebensgeschichte, die ein Angeklagter aus Herrenberg vor dem Stuttgarter Landgericht erzählt.
Henning Maak
23.02.2026 - 18:41 Uhr
Der große, sportliche Mann mit dem roten Pulli und den kurzen Haaren auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts spricht trotz seiner Nervosität sehr flüssig, als er von seinem Leben erzählt, das ihm schon in jungen Jahren einige Steine in den Weg gelegt hat. Als er zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm aus beruflichen Gründen von Sindelfingen in die USA. Als er fünf war, ließen sich die Eltern scheiden, mit der Mutter startete er einen Neuanfang in Bremerhaven.
In der Grundschule fiel er als Zappelphilipp auf, erst viele Jahre später wurden ADHS und eine Lese-Rechtschreibschwäche bei ihm diagnostiziert. Der neue Mann, den seine Mutter kennen lernte, stellte sich schnell als gewalttätig heraus. Sie erlitt mehrfach Panikattacken und verbrachte rund eineinhalb Jahre in einer psychischen Klinik. Trotz all dieser Begleitumstände schaffte der Angeklagte den Gesamtschulabschluss und nach dem Umzug nach Herrenberg auch den Abschluss an der Hauptschule.
Von einem Schäferhund angefallen und schwer verletzt
Seinen Vater besuchte er in den Schulferien regelmäßig in den USA, er brachte ihm die Liebe zu amerikanischen Sportarten nahe. Neben seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker spielte der heute 32-Jährige Baseball und American Football auf sehr hohem Niveau. Beruflich fasste er bei einer Firma in Nufringen Fuß, doch bald folgte der nächste Rückschlag: Bei einer Fahrt auf Inline-Skatern wurde er 2019 von einem Schäferhund angefallen und stürzte schwer – ein Jahr lang war er wegen seiner Verletzungen an Bandscheibe, Knien und Schulter arbeitsunfähig.
Der Angeklagte griff während seiner Krankheit zum Cannabis. Foto: IMAGO
„Da ich sehr lange Schmerzen hatte, habe ich wieder zu Cannabis gegriffen, das ich mit 13 oder 14 schon einmal ausprobiert hatte“, erläuterte der Angeklagte den Richtern der 7. Großen Strafkammer. Es habe ihn beruhigt und gegen die Schmerzen geholfen. Sein beruflicher Wiedereinstieg gelang, weil ihn sein Onkel in seiner Firma für Glaserei und Fensterbau beschäftigte und bald sogar schon die mögliche Übernahme der Firma als sein Nachfolger in Aussicht stellte.
Absturz in die Depression und die Drogenszene
Da es in seiner langjährigen Beziehung zu kriseln begann, zog er aber 2020 zu seiner Freundin nach Rheinland-Pfalz und arbeitete bei einem Autozulieferer, doch nach insgesamt knapp zehn Jahren ging die Beziehung in die Brüche, da seine Freundin einen anderen Mann kennengelernt hatte. „Danach bin ich in ein tiefes depressives Loch gefallen“, schilderte der Angeklagte, der anschließend in die Drogenszene abrutschte, ehe ihn seine Mutter kurz vor Weihnachten 2022 wieder nach Herrenberg holte.
Dort arbeitete er wieder in der Firma seines Onkels für zweieinhalb Jahre, ehe er nach einer Wohnungsdurchsuchung im August vergangenen Jahres festgenommen wurde. Was die Beamten dort fanden, ist Gegenstand dieses Prozesses. Die Anklage lautet auf bewaffneten Drogenhandel, Verstoß gegen das Waffen- und das Arzneimittelgesetz.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem einschlägig vorbestraften 32-Jährigen vor, mindestens seit Mai vergangenen Jahres von seiner Wohnung aus einen schwunghaften Handel mit Kokain, Amphetamin, Ecstasy und verschreibungspflichtigen Medikamenten über verschiedene Messangerdienste betrieben zu haben. Bei der Durchsuchung seien entsprechende Substanzen im zweistelligen (Kokain) beziehungsweise dreistelligen Bereich (Amphetamine und Ecstasy), opioidhaltige Medikamente sowie ein Baseballschläger und ein Schlagstock mit Stahlkern gefunden worden.
Zu den Tatvorwürfen sowie detaillierter zu seinem Drogenkonsum will sich der Herrenberger in der nächsten Sitzung am 11. März über seinen Verteidiger äußern. Das Urteil ist für den 18. März geplant.