Drogensubstitution in Stuttgart "Wir werden behandelt wie Drogendealer"

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Komplizierte Rechtslage, hohe Auflagen, schwierige Patienten: immer weniger Ärzte in Stuttgart engagieren sich in der Drogenhilfe. Ein Mediziner schlägt Alarm.

In Stuttgart gibt es rund 870 Plätze für die Substitution von Patienten mit Methadon. Foto: dpa
In Stuttgart gibt es rund 870 Plätze für die Substitution von Patienten mit Methadon. Foto: dpa

Stuttgart - In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Drogenabhängigen, die mit einem Ersatzstoff behandelt werden, stetig gestiegen. Genau umgekehrt verläuft die Entwicklung bei den Ärzten, die diese Süchtigen behandeln: deren Zahl nimmt wegen schlechter Rahmenbedingungen ab. Der Stuttgarter Suchtmediziner Michael Parys, der bald seine Praxis aufgibt, schlägt Alarm: er wirft der Kassenärztlichen Vereinigung in der Sache mangelndes Engagement vor, dem Gesetzgeber Untätigkeit.

Wenn Michael Parys die Situation von sogenannten substituierenden Ärzten schildern soll, erzählt er eine Geschichte: Unlängst war der Mediziner wieder als Gutachter in einem Prozess tätig, im Südbadischen stand ein Kollege vor Gericht, weil einer seiner Klienten die gesamte Wochenration Methadon auf einmal geschluckt und sich so das Leben genommen hatte. Der angeklagte Arzt wurde nach einem Gesetzesparagrafen aus dem Jahr 1981 belangt, der die Abgabe von Betäubungsmitteln ahndet, die zum Tod des Süchtigen führt. "Das Gesetz ist für Drogendealer gedacht", sagt Parys. "1981 hat es ja noch gar keine Substitution gegeben." Der angeklagte Arzt wurde schließlich zu einer Geldstrafe verurteilt. "Das könnte jedem von uns passieren", sagt Parys. "Man steckt nicht drin in seinen Patienten."

Arztpraxen sind oftmals überaltert

Der Prozess sei kein Einzelfall, dem Suchtmediziner sind mehrere Fälle dieser Art auch aus anderen Bundesländern bekannt. "Solche Anklagen haben eine abschreckende Wirkung. Wir werden doch behandelt wie Drogendealer", sagt der 59-Jährige. "In Lörrach haben danach gleich zwei Ärzte sofort mit der Substitution aufgehört." Angesichts solcher rechtlicher Gefahren und einer Klientel, die nicht immer einfach sei und neben ihrer Sucht mitunter auch an psychiatrischen Erkrankungen litten, werde es immer schwieriger, neue Kollegen für die Drogensubstitution zu finden.

Dies könnte auch in Stuttgart demnächst der Fall sein. Die zehn Arztpraxen in der Landeshauptstadt, die heute noch Drogensüchtige mit Methadon behandeln, seien zumeist überaltert, sagt Parys. Er selbst hat schon vor längerer Zeit angekündigt, dass er und seine Frau, die dann die Altersgrenze erreicht, in zwei Jahren ihre Praxis aufgeben.

900 Plätze für die Substitution von heroinsüchtigen Patienten hat es bisher in Stuttgart gegeben. Inzwischen sind es noch 870, weil Michael Parys, der die Suchthilfeambulanz der Caritas in der Hauptstätter Straße leitet, im ersten Schritt seine Kapazität bereits um 30 Plätze reduziert hat. In zwei Jahren werden es nochmals 180 Plätze weniger sein. Dabei sind heute alle Plätze belegt. Auch die Stadt schätzt die Lage für die Zukunft als "äußerst schwierig" ein, wie es in einem Bericht dazu heißt.

Kassenärztliche Vereinigung will aktiver werden

Was also tun? Andreas Parys findet, die Kassenärztliche Vereinigung (KV) im Land müsste sich stärker einsetzen. "Ich muss leider sagen: man trifft dort auf wenig Unterstützung", kritisiert er die KV. "Das wird dort als Randproblem weggeschoben." Da schiebe einer die Verantwortung auf den anderen. Immerhin soll es dazu bald ein Gespräch des Sozialreferats der Stadt mit dem Landessozialministerium geben. Bei der Stadt hofft man, dass die geplante Einrichtung der kontrollierten Heroinabgabe an Schwerstabhängige für Ärzte so attraktiv sein könnte, dass sich junge Mediziner für die Suchthilfe gewinnen lassen.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung will aktiver werden. "Wir betrachten die Entwicklung, dass die Zahl der substituierenden Ärzte zurückgeht, mit Sorge", sagt KV-Pressesprecher Kai Sonntag. Deshalb werde "in den nächsten Wochen" ein Treffen mit substituierenden Ärzten stattfinden. Der Sprecher sagt aber auch, die Möglichkeiten der KV, eine Verbesserung der Lage zu erreichen, seien "begrenzt". Es handle sich um "ein Patientenklientel, das nicht jedem Arzt liegt".

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