Drohnenkrieg in der Ukraine Die Engel des Todes
Zwischen der Ukraine und Russland entbrennt ein erbarmungsloser Wettlauf bei der Entwicklung und Produktion von Drohnen. Ein ukrainisches Start-up treibt die Produktion voran.
Zwischen der Ukraine und Russland entbrennt ein erbarmungsloser Wettlauf bei der Entwicklung und Produktion von Drohnen. Ein ukrainisches Start-up treibt die Produktion voran.
Eine Idylle am Stadtrand von Kiew. Dichter Wald streckt sich bis zum Horizont, davor eine sattgrüne Wiese. In der Ferne summt der Verkehr der nahen Stadtautobahn. In der Luft sirrt es. Drohne im Anflug, pfeilschnell knapp über Kopfhöhe. Dann steigt sie rasant nach oben, steht für Sekunden in der Luft.
Schließlich die Punktlandung vor einem schwarzen VW-Bus, an dem ein Banner befestigt ist. „VYRIY - drone workshop“ steht in weißen Lettern auf schwarzem Grund, darüber schwebt aufgedruckt eine stilisierte Drohne. Die echte Drohne wirbelt noch ein wenig Staub und trockenes Erdreich auf, bevor die vier Rotoren zum Stillstand kommen.
Der 26-Jährige Dmytro Babenko ist ein Jungunternehmer. 2022 zu Beginn der Russischen Invasion half Babenko als Freiwilliger, Menschen aus den beiden Kiewer Vororten Irpin und Butscha zu retten, in denen während der kurzen Besatzungszeit über hunderte von Zivilistinnen und Zivilisten von russischen Soldaten getötet wurden. Die Brutalität der Invasoren traf Babenko ins Mark. „Ich wollte etwas tun, um unser Land zu verteidigen“, sagt der Ukrainer, der sich nach seinem BWL-Studium mit einem Nachhilfestudio selbstständig gemacht hatte. Schnell brachte der Krieg eine neue Waffengattung ins Spiel: Drohnen.
„Start-ups schossen damals aus dem Boden“, erinnert sich der 26-Jährige. Auch er gründete mit seinem Bruder eine Firma zur Drohnenproduktion – ein herausforderndes Produkt. „Die meisten Firmen von damals existieren heute nicht mehr. Geblieben sind nur die innovativen und leistungsstarken“, erklärt er.
Ortswechsel, Frontstadt Pokrowsk im Osten der Ukraine. Mit vollem Tempo und heulendem Motor fährt ein Wagen der ukrainischen Armee durch eine menschenleere Stadt. Wohnblocks, bei denen Explosionen ganze Stockwerke zum Einsturz gebracht haben, ziehen vorbei. Wracks ausgebrannter Wagen. Drohnentreffer. Auf dem Dach des Geländewagens sind die Antennen von Störsendern aufgeschraubt. „Nur helfen die nicht, wenn Kamikaze-Drohnen über Glasfaserkabel statt mit Radiowellen gesteuert werden“, erklärt Soldat Dimitri.
Der 33-Jährige kämpft als Drohnen-Pilot, gerade endet seine Schicht. Der Wagen bringt sein Team in sicheres Gebiet. Ein Keller in einem verlassenen Wohnblock ist die Kommandozentrale in Pokrowsk. Mehrmals pro Nacht lassen er und seine Kameraden eine große Transport-Drohne in die Dunkelheit steigen, die Munition und Lebensmittel zur Infanterie in der ersten Linie bringt. Oder Granaten auf die Angreifer abwirft.
„Keine Chance, über die Straße die Kameraden zu versorgen. Unsere Transporter werden dann von russischen Kamikaze-Drohnen gejagt“, erklärt er. Auch jetzt könnte eine Drohne einschlagen. Daran erinnern nicht nur die Autowracks. Ab und an gleißen im Licht der untergehenden Sonne silberne Schnüre in Grünflächen, am Straßenrand oder in Bäumen. Die Glasfaserkabel von Drohnen, die bereits niedergegangen sind. Mittlerweile tauchen in den sozialen Netzwerken Fotos auf, die zeigen, wie Vögel die Kabel zum Netzbau verwenden. Krieg nimmt oft bizarre Formen an.
Dmytro Babenko, der Chef des Drohnen-Startups in Kiew, räumt ein: „Leider sind uns bei kabelgesteuerten Drohnen die Russen noch einen Schritt voraus. Wir versuchen, die Reichweite zu vergrößern. Aber das bedeutet mehr Kabel, mehr Gewicht, stärkere Rotoren und bessere Batterien.“
Die Entwickler setzten auf Künstliche Intelligenz. Sie soll Drohnen effizienter und weniger störanfällig machen. „KI kann zum Beispiel die Steuerung übernehmen, wenn Störsender den Kontakt zum Piloten abbrechen. Oder für mehr Zielgenauigkeit auf den letzten Metern sorgen“, so Babenko. „KI-Drohnen in Verbindung mit Quantencomputing wird viel verändern.“
In der Ukraine ist längst eine erfolgreiche Rüstungsindustrie entstanden. Babenko nutzt zur Herstellung der Drohnen den 3-D-Drucker. Generell gilt es, möglichst autark bei der Produktion zu sein und so viele Teile wie möglich aus ukrainischer Produktion zu verwenden. Die Nachfrage ist groß: 66 Prozent der erfolgreichen ukrainischen Angriffe auf russische Militärtechnik entfielen zu Beginn des Jahres auf Drohneneinsätze, betont der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj. Nach eigenen Angaben hat der ukrainische Staat 96 Prozent seiner Drohnen bei heimischen Produzenten gekauft, bei Unternehmen wie das von Babenko.
Das Angebot ist groß: von primitiven Einwegmodellen über Aufklärungs- bis hin zu Kamikaze-Drohnen mit Hunderten Kilometern Reichweite. Dazu kommen Unterwasser-Drohnen und die Entwicklung von Robotersystemen. Die ukrainische Regierung wirbt zugleich um ausländische Investoren, die vor Ort produzieren lassen. Rheinmetall baut eine Munitionsfabrik. Quantum System, eine Unternehmen aus Bayern, ist in der Ukraine in die Drohnenproduktion eingestiegen. Der französische Automobilhersteller Renault könnte bald nachziehen. Das aktuelle militärische Unterstützungspaket Deutschlands geht in eine ähnliche Richtung. Mit der Finanzierung von sogenannten Deep-Strike-Drohnen „Made in Ukraine“ wird die Produktion einer Waffengattung gefördert, deren Reichweite tief in das russische Territorium reicht. Außerdem investiert Deutschland erstmals direkt in die Rüstungsproduktion der Ukraine. Eine Vereinbarung wurde Ende Mai zwischen den deutschen und ukrainischen Verteidigungsministern Boris Pistorius und Rustem Umerov geschlossen. Im Gespräch könnten die Deep-Strike-Drohnen des Typ BARS oder AN-196 Liutyi sein. In einem Interview nannte der Minister für strategische Industrien, Herman Smetanin, eine Reichweite von 700 bis 800 Kilometern für das als „Raketen-Drohne“ bezeichnete BARS-Waffensystem.
Auf der anderen Seite fährt Russland seine „Geran-2“-Produktion hoch. Die Langstecken-Drohne basiert auf der iranischen Shahed-Drohne, führt aber eine größere Sprengladung mit sich. Mittlerweile werden Gerans mit Düsenantrieb produziert. Sie sind damit zu schnell und fliegen zu hoch, um von der ukrainischen Flugabwehr mit dem Maschinengewehr abgeschossen zu werden. Fast jede Nacht fliegen Shaheds und Raketen derzeit Angriffe auf Kyjiw und viele andere ukrainische Städte. Experten sehen darin eine Vergeltung für den jüngsten ukrainischen Coup, bei dem Hunderte von Kamikaze-Drohnen zahlreiche Bomber tief im russischen Hinterland zerstörten oder beschädigten. Die Drohnen wurden mit Lkws in die Nähe ihrer Zielorte geschmuggelt.
Für Babenko zeigt der Erfolg der Drohnen in Russland erneut, wie wichtig die Waffe ist, die er entwickeln und produzieren lässt. Beobachter rechnen, dass die Ukraine 2025 bis zu 1,5 Millionen Kamikaze-Drohnen für die Front produzieren wird. Der Preis für eine Funk-Drohne liegt bei 500 Euro das Stück, eine Glasfaser-Drohne kostet das Doppelte.
„Eine Kamikaze-Drohne kann einen Raketenwerfer zerstören, der unsere Häuser in Asche legt. Oder einen Bomber, der auf unsere Kinder Gleitbomben wirft. Baue ich gute Drohnen, schütze ich das Leben unserer Soldaten. Der Krieg hat mir eine Aufgabe gegeben, so Babenko.“ Denn was russische Besatzung bedeutet, habe er 2022 in Irpin gesehen. Daran erinnert er zur Verabschiedung.