„Bloody Idiots“, wie Engländer wahlweise hinter vorgehaltener Hand – oder auch ganz offen - sagen würden, haben das Gastgeschenk aus der englischen Partnerstadt Dronfield zur Landesgartenschau Sindelfingen 1990 immer wieder malträtiert. Im März 2016 wurde sogar eine kleine Explosion in dem roten Schmuckstück aktenkundig. Täter hingegen nie gefasst.
Den Schwätzweibern tut es leid um die rote Box mit den vielen Sprossenfensterchen und das an ein Mausoleum erinnernde Dächle. Sie haben zwar keine Ahnung, wann zuletzt dort ein Orts- oder Ferngespräch stattgefunden hat. Aber mit solchen Zeitzeugen des einst großen britischen Empire verbinden sie Jugenderinnerungen. Etwa an den Phone-call zu Mum at home. Wenigstens ein paar Mal musste man sich doch aus den UK-Ferien bei seinen Eltern kurz melden (time is money). Sagen, dass man noch lebt. Dass man kein Opfer vieler Pints im Pub geworden ist. Außerdem konnte man in so einem Ding auch mal zwar halbaufrecht, aber kälte- und windgeschützt übernachten. Bevor im Morgengrauen die erste Fähre von Dublin Richtung Wales über raue Nordsee fuhr.
Die Schwätzweiber fragen sich auch, ob der rote Briefkasten neben der Telefonzelle still in use ist, also noch gefüllt und regelmäßig geleert wird. So ein handgeschriebener Liebes-Letter hätte in diesen Tagen, wo man per SMS oder WhatsApp Beziehungen beginnt und wieder beendet, wieder echte Qualitäten. Wie haben doch die Beatles einst geplärrt: „Mr. Postman, look and see (oh yeah), is there a letter in your bag for me?“
Vermutlich nicht auf dem Post-, sondern auf elektronischem Weg soll die Stadt noch vor Weihnachten 2020 den Auftrag erteilt haben, die beschädigte Telefonzelle instand zu setzen. Sichtbar von Erfolg gekrönt ist die Initiative indes auch sieben Monate später nicht. Nicht nur die Grundstruktur der Tür sei nachhaltig demoliert, sagt der kommissarische Stadtpressesprecher Bastian Junkermann. Auch Verstrebungen und Aufhängungen hätten schwere Schäden abbekommen. Also hat die Stadtverwaltung mittlerweile in Dronfield angefragt, ob man dort nicht eine gebrauchte Originaltür aus einer ausrangierten Telefonzelle auftreiben und über den Kanal verschicken kann. Bisher habe man von dort „noch keine Reaktion erhalten“, erklärt der junge Mann aus dem Rathaus.
Die Schwätzweiber würden gerne wissen, weshalb nicht. „Tell me why“ haben die Beatles auf „A Hard Day’s Night“ geträllert, sag mir warum. Findet man bei den einstigen Schenkenden die Anfrage „embarrassing“, peinlich? Sucht man noch nach einem polnischen Handwerker, wie sie im Vereinigten Königreich weit verbreitet sind, der seinen deutschen Kollegen zeigt, wie man such a broken door wieder „fixed“?
Müßige Fragen, womöglich. Das grüne Sindelfinger Urgestein Herbert Rödling jedenfalls hält den misslichen Fall für in gewisser Weise symptomatisch für den Zustand der Sindelfinger Verwaltung. Er hat auf Ebay recherchiert, wo man günstige gebrauchte Telefonzellen auf der Insel findet. Dort sind in den letzten Jahr(zehnt)en Abertausende ausrangiert worden – und haben Tausende wieder einen Liebhaber gefunden – als Duschkabine, Garten-Deko, Weinschrank oder Mini-Bar. Oder sie fanden einen oder mehrere Paten, die das nationale Erbe hegen und pflegen.
Nun haben die Schwätzweiber beschlossen, es erst mal wie die Briten zu halten: abwarten und englischen Tee trinken. „Das mit der Reparatur kriegen die nie hin“, hat ein Gemeinderat längst jede Hoffnung fahren lassen. Wäre es so, müsste erneut George Harrison in Aktion treten: „All things must pass.“ Alles ist vergänglich, hieß dessen legendäres Dreier-LP-Album.