Dry January Der ätzende Körperkult: Hart wie Kruppstahl, trocken wie die Sahara
Es gibt kein Entkommen vor dem Dry January. Diese Lust zum Bekenntnis und am Verzicht nervt. Haben wir Schwaben doch Jahrhunderte gebraucht, um sündigen zu dürfen.
Es gibt kein Entkommen vor dem Dry January. Diese Lust zum Bekenntnis und am Verzicht nervt. Haben wir Schwaben doch Jahrhunderte gebraucht, um sündigen zu dürfen.
Sind Sie auch genervt? Nein, nicht vom Verzicht auf Wein und Bier, sondern von all den Bekenntnissen der Januaristas, die in die Welt hinausposaunen, dass sie in diesem Monat keinen Tropfen Alkohol trinken. Wie Tom Kaulitz und Heidi Klum. Wenn sie der Menschheit wirklich helfen wollten, würden sie mal einen Monat auf soziale Medien, Singen und frauenfeindliche Sendungen verzichten. Auch Matthias Schweighöfer macht mit. Und Joko Winterscheid. Natürlich weist das Duo gleich mal „auf unsere Brand III FREUNDE unsere Nullis, also alkoholfreie Weine“ hin. Die Brand, aha. Nein, kein Schnaps, sondern die Marke. Vom Verzicht auf ein gutes Geschäft hat ja auch keiner geredet.
Da hat man sich in unseren Gefilden Jahrhunderte gemüht, das Erbe des Pietismus abzuschütteln; bei Androhung der Hölle war uns der Frohsinn verboten. Karten spielen, Sex, der nicht dem Fortpflanzen dient, gutes Essen, Alkohol, Wollust und Völlerei, alles böse. Deshalb trinkt man hierzulande Trollinger, weil man dann dem Pfarrer sagen konnte, das sei ja gar kein richtiger Wein. Und jetzt kommen sie alle wieder daher und rufen zur Mäßigung. Als seien Calvin und Zwingli wieder auferstanden. Sie drohen dieses Mal nicht mit ewiger Verdammnis, aber doch dem Fegefeuer in Tiktok, Insta und Co.
Schwächlinge allesamt, wer nicht verzichtet. Seht her, wie willensstark ich bin. Ich kann sogar vier Wochen lang auf Bier und Wein verzichten. Oder es zumindest behaupten. Hochmut ist übrigens auch eine Todsünde. Aber das nur am Rande. Letztlich ist das ja alles alter Wein in neuen Schläuchen. Die Fastenzeit ist nun wahrlich keine neue Erfindung. Zwischen Fasching und Ostern hat man schon seit zwei Jahrtausenden auf Alkohol verzichtet. Aber das musste man nicht rausposaunen, denn Gott sieht alles. Na ja, fast alles, bis auf die Füllung der Maultaschen. Aber sonst alles. Da musste man nicht angeben. Und verzichtete auf den Schnaps, um bis in alle Ewigkeit Ambrosia serviert zu bekommen.
Da Gott aus der Mode gekommen ist, braucht man neue Rollenmodelle. Es ist vielsagend, dass man mit dem Dry January andockt an das Jahr 1942. In Finnland wehrte man sich damals gegen einen Angriff der Sowjetunion. Und damit die finnischen Männer wehrhaft blieben, propagierte man den Raitis tammikuu, den trockenen Januar. Keine zitternden Hände beim Schießen, kein Nickerchen bei der Wache, keine Müdigkeit beim Gewaltmarsch. Der Verzicht auf den Alkohol sollte den Soldatenkörper stählen. Wie Kruppstahl halt. Schnell wie Windhunde, zäh wie Leder, trocken wie die Sahara – so bleibt man kampftüchtig. Das ist auch heute wieder erste Bürgerpflicht für die Jungen.
Wir Alten hingegen sollten aus unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung heraus unbedingt trinken. Jeden Abend ein Viertele. Gerne auch zwei. Muss auch nicht Trollinger sein. Und wenn eintritt, was wir uns alle gerade in grausigsten Farben ausmalen, muss nur noch das Timing stimmen: Mit 67 Jahren tot umfallen, das hilft den Rentenkassen.„Sozialverträgliches Frühableben“, so nannte das schon vor fast 30 Jahren Karsten Vilmar, damals Präsident der Bundesärztekämmer. Für alle über 60 braucht es dringend einen Wet January.