Timo Eder geht in Stuttgart für das deutsche Turn-Team an die Geräte – und gilt als Eckpfeiler der Riege für die Zukunft. Foto: Baumann
Die deutschen Turner stehen vor herausfordernden Jahren. Der neue Bundestrainer soll den Generationswechsel hinbekommen. Der DTB-Pokal in Stuttgart ist die erste Standortbestimmung.
Der DTB-Pokal in Stuttgart, das ist ein offenes Geheimnis, war noch nie ein Turn-Event wie alle anderen. Früher galt das Weltcup-Event in der Schleyerhalle als ein Treffpunkt der Weltbesten. Mittlerweile wird in der Porsche-Arena geturnt, der Weltcup-Status ist abhandengekommen, dafür punktet die Veranstaltung mit besonderen Team-Wettbewerben. „Das ist“, sagt der deutsche Männer-Bundestrainer Jens Milbradt, „ein Alleinstellungsmerkmal.“ Der DTB-Pokal 2025 hat noch zwei weitere.
Zum einen ist es die 40. Auflage – was aber eher nebensächlich ist. Und so meint Matthias Ranke auch nicht das Jubiläum, wenn er sagt: „Es ist leider etwas besonderer als sonst.“ Der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB) spielt damit auf die Missbrauchsvorwürfe zahlreicher Turnerinnen in den vergangenen Monaten an. Diese betrafen zu einem großen Teil den Turnstandort Stuttgart. „Diese Vorwürfe überschatten zwar nicht den DTB-Pokal“, sagte Ranke, „aber sie spielen eine Rolle.“
Vor allem gilt das natürlich für Gerben Wiersma und sein Team. Der Bundestrainer der deutschen Frauen greift mit seiner Riege am Freitag ins Geschehen ein. Schon an diesem Donnerstag eröffnen die Männer mit der Team-Challenge das Event – die ihre eigenen Probleme haben.
Die sind nicht schwerwiegend, persönlich verletzend oder gar struktureller Art. Aber der neue Bundestrainer Jens Milbradt übertreibt keineswegs, wenn er zu seinem neuen Amt sagt: „Es stehen große Herausforderungen vor uns.“
Die neuen Wertungsrichtlinien sind dabei das eine – an die müssen aber alle Turner weltweit ihre Übungen anpassen. Für das deutsche Turn-Team kommt eine weitere Herausforderung hinzu, die Milbradt so beschreibt: „Wir stehen am Beginn eines Generationswechsels.“
Generationswechsel bei deutschen Turnern
Womöglich ist auch deshalb die Wahl auf den 55-Jährigen gefallen, als der Deutsche Turner-Bund (DTB) im vergangenen Jahr entschied, dass nicht mehr Waleri Belenki der Chef-Bundestrainer sein soll. „Wir sind davon überzeugt, dass wir für die konzeptionelle Weiterentwicklung des Männerturnens und für die Führung des Teams auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 in Jens Milbradt den richtigen Trainer an der Spitze haben“, sagte seinerzeit der DTB-Sportvorstand Thomas Gutekunst. Denn: Milbradt, einst selbst Spitzenturner, hat seit 2013 den deutschen Nachwuchs verantwortlich betreut.
Mit einigen seiner bisherigen Schützlinge muss er nun ein Männerteam basteln, das im Idealfall in spätestens drei Jahren wieder voll in der Weltspitze mitmischen kann. Lukas Dauser gehört diesem Team ebenso nicht mehr an wie der Stuttgarter Carlo Hörr – beide haben ihre Karriere beendet. Und die Laufbahn von Andreas Toba, der an diesem Wochenende in Stuttgart leicht angeschlagen fehlt, wird auch nicht mehr ewig dauern.
Jens Milbradt ist Nachfolger von Waleri Belenki als Bundestrainer der deutschen Turner. Foto: IMAGO/Schreyer/IMAGO/Schreyer
„Nils Dunkel und Timo Eder“, sagt Milbradt stattdessen, „werden in den nächsten Jahren wesentliche Pfeiler sein.“ Beide, der 28-jährige Erfurter und der erst 19-jährige Ludwigsburger, waren im vergangenen Jahr schon bei den Olympischen Spielen in Paris dabei – und sollen sich nun vollends zu echten Führungskräften entwickeln. Beim DTB-Pokal gehen zudem Alexander Kirchner (19/Nürtingen), Alexander Kunz (22/Neu-Ulm) und Dario Sissakis (26/Berlin) an die Geräte.
Bei einer personellen Neuausrichtung wird es Jens Milbradt aber wohl nicht belassen. Die „Entwicklung“ der Turner stehe im Mittelpunkt dieses Jahres – wozu für den neuen Mann an der Spitze auch eine Analyse gehört, warum es bei dem einen oder anderen bisher nicht geklappt hat, trotz reichhaltiger Trainingserfahrung weitere Schritte nach vorne zu machen. Milbradt will Raum für mehr Krafttraining schaffen, um etwa die generelle deutsche Schwäche an den Ringen ausmerzen zu können. „Wir werden mehr Wert auf die generelle körperliche Verfassung legen“, kündigt er an. Und er will das Wettkampfjahr für jeden Turner mehr als bisher „periodisieren“.
Langfristiges Ziel ist die erneute Olympiaqualifikation der deutschen Turner als Team im Jahr 2028, der DTB-Pokal dient als erste Standortbestimmung dieser neuen Zeitrechnung. „Wir freuen uns auf die Tage in Stuttgart“, sagt Jens Milbradt – auch, weil er sich hier ganz gut auskennt.
Vor 35 Jahren, errechnete er auf der Fahrt in den Neckarpark, habe er erstmals beim DTB-Pokal geturnt. 1989 wurde er in der Schleyerhalle zudem Vizeweltmeister mit dem Team der damaligen DDR. Klingt also auch hier: nach einer besonderen Beziehung.