In der Halle, auf den Tribünen, herrscht der normale Ausnahmezustand. Laute, fröhliche Musik kommt vor und nach den Übungen der Turner aus den dröhnenden Lautsprecherboxen. Applaus und oft begeisterte Rufe gibt es von den Rängen, auf denen viele Familien Platz genommen haben und den DTB-Pokal auch in seiner 40. Ausgabe mit einer Mischung aus Fachkenntnis und Begeisterung goutieren. Klatschen (oft mit den wie immer ausgelegten Pappen), johlen, jubeln: Alles wie immer also beim Jubiläum, das von Donnerstag bis Sonntag über vier Tage in der Stuttgarter Porsche-Arena stieg?
Alles wie noch nie, diese Umschreibung passt dann trotz der gewohnt fröhlichen Atmosphäre in der Halle doch viel mehr. Denn die zahlreichen Missbrauchsvorwürfe vieler aktiver und ehemaliger Turnerinnen und deren Aufarbeitung, allen voran rund um das Stuttgarter Kunstturnforum (KTF), schweben über der Veranstaltung in diesem Jahr. Oder besser: Sie sind ihr großer Schatten.
So ging es auch bei der Abschlusspressekonferenz am Sonntag um dieses Thema – nachdem das klassische Fazit gezogen wurde, das in dem Fall spannend war. Denn eine drängende Frage war ja, ob sich die Missbrauchsvorwürfe negativ auf die Zuschauerzahlen ausgewirkt haben – was laut den Verantwortlichen nicht der Fall war.
So verzeichnete man mit insgesamt rund 21 000 Zuschauern an vier Tagen eine 17 prozentige Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Das Ziel der Organisatoren war bei 20 000 Zuschauern gelegen. „Wir sind erleichtert ob der Tatsache, dass wir ein positives Fazit ziehen können“, sagte Markus Frank, der Präsident des Schwäbischen Turnerbunds (STB).
Wieder über vier Tage
Allerdings: Es wurde nicht wie in den vergangenen Jahren an drei, sondern an vier Tagen geturnt. Und: Am Donnerstagabend war die Halle beim Teamwettbewerb der Männer abzüglich der anwesenden Delegationen und Teilnehmer auf den Rängen fast leer. Dennoch soll der DTB-Pokal auch im nächsten Jahr in seiner 41. Ausgabe wieder über vier Tage stattfinden.
Wie dann der Stand der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe ist, wird sich weisen – am Sonntag sprach Frank darüber, dass das Wohl der Turnerinnen und Turner über allem stehe. Da gebe es eine Kultur des Hinsehens: „Dafür tun wir alles. Wir arbeiten intensiv daran, verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen.“ Die Meldungen über die Missstände seien nun beim DTB-Pokal allgegenwärtig gewesen, so Frank weiter: „Das Thema ist überall präsent, du wirst überall angesprochen, das lässt sich nicht leugnen.“
Dem konnte Alfons Hölzl, der Präsident des Deutschen Turnerbunds (DTB), nicht widersprechen. Aus persönlicher Sicht, so der Verbandschef, schade es nicht, wenn man wie jetzt bei den vier Tagen von Stuttgart sehe, wie schön das Turnen sei und man nicht jeden Tag eine Ohrfeige bekomme. Mit Blick auf die Aufarbeitung sagte Hölzl noch dies: „Wir haben eine Verantwortung, und der müssen wir gerecht werden.“
An der Aufarbeitung gibt es teils massive Kritik, unter anderem monieren einige betroffene ehemalige Turnerinnen, dass die vom DTB eingesetzte Frankfurter Anwaltskanzlei zur Untersuchung der Ereignisse die falsche sei, da sie nicht unabhängig sei. Der DTB widerspricht dem.
Persönliche Gespräche
STB-Präsident Frank wiederum betonte am Sonntag, dass es ihm sehr wichtig sei, sich bei den betroffenen Athletinnen in Stuttgart zu entschuldigen: „Wir werden die Sachlage en Detail aufarbeiten und uns dann persönlich entschuldigen.“ Der STB-Präsident sagte weiter, dass es nicht sein Ding sei, sich vor der Kamera zu entschuldigen, sondern in einem vertraulichen, persönlichen, einzelnen Gespräch mit den Betroffenen. Bislang hat es laut Frank 19 Meldungen gegeben, die das Stuttgarter KTF betreffen.