InterviewDUH-Geschäftsführer Jürgen Resch zu Feinstaub „Erste Fahrverbote wird es spätestens im Januar 2018 geben“

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt und Konstantin Schwarz 
Das Land fordert die blaue Plakette. Was hält denn die Umwelthilfe davon?
Die blaue Plakette haben wir 2014 entwickelt. Nach unserem Konzept bekämen sie nur Autos, die die Abgasnorm auf der Straße einhalten. Die Stickoxidwerte neuer Diesel-Pkw sind im Schnitt schlechter als die von zehn Jahren alten Euro-4-Dieseln. Daher darf die blaue Plakette nur für Wagen gelten, die die Grenzwerte auch auf der Straße einhalten. Wir haben bei Temperaturen von fünf Grad Celsius bei einer aktuellen B-Klasse von Mercedes 13-mal höhere Stickoxide als erlaubt gemessen.
Gibt es bald Fahrverbote?
Ja, die ersten Fahrverbote gibt es spätestens im Januar 2018. Stuttgart wird wegen der katastrophalen Luftqualität zu den ersten Städten gehören. Das Düsseldorfer Verwaltungsgericht hat bestätigt, dass hierzu das Verkehrszeichen „Durchfahrverbot Kraftfahrzeug“ mit dem Zusatz „Gilt für Diesel“ verwendet werden kann. Es wird bei der Umsetzung rumpeln. Aber Stuttgart wird in 18 Monaten lebenswerter sein.
Die Industrie behauptet, ihre Fahrzeuge seien rechtskonform.
Die Vorschrift sagt klar, dass die Abgasreinigung im normalem Gebrauch funktionieren muss und nicht nur auf dem Prüfstand. Diese Formulierung findet sich auch bei den Regelungen für Bremse und Kindersitz. Nur bei der Abgasreinigung behauptet die Autoindustrie, sie habe das Recht, die Reinigung abschalten und unsere Städte mit giftigen Abgasen fluten zu dürfen.
Sie verklagen Daimler, weil der Konzern aus Ihrer Sicht einen Diesel als sauber vermarktet hat, der nicht sauber ist.
Als klageberechtigter Verbraucherschutzverband ist es unsere Aufgabe, den Bürger vor falschen Werbeversprechen zu schützen. Es kann nicht angehen, dass Daimler einen der schmutzigsten Diesel-Pkw als besonders sauber und umweltfreundlich bewirbt.
Sind die neuen Motoren von Daimler besser?
Daimler hat uns im Sommer ein Vorserienmodell für Messungen zur Verfügung gestellt. Der Wagen hat die Grenzwerte auf der Straße eingehalten. Wir wissen aber nicht, wie es in der Serie und bei Kälte mit diesem Motor aussieht.
Wie ist Verhältnis zwischen Bundesregierung und Autoindustrie?
Es ist eheähnlich, und da zitiere ich eine Sprecherin der CDU. Es fehlt die nötige professionelle Distanz, auch bei der Landesregierung.
Ermitteln die USA nur gegen VW?
Wegen unserer Messungen haben US-Behörden Ermittlungen gegen Daimler aufgenommen. Der Konzern kooperiert inzwischen mit dem Justizministerium. Neben Volkswagen ist in Deutschland die Daimler AG das von den meisten illegalen Abschaltvorrichtungen betroffene Unternehmen.
Wie sieht es beim Verbrauch aus?
Die Autoindustrie nutzt zwischenzeitlich präparierte Testfahrzeuge bei der Ermittlung von zunehmend unrealistischen Verbrauchsangaben. Die Differenz zum realen Verbrauch beträgt heute bis zu 45 Prozent. In den USA sind es dank strenger Nachkontrollen nur drei Prozent.
Werben Sie für den Umstieg auf E-Autos? Erhalten Sie Spenden aus diesem Bereich?
Die bis jetzt in unser neues Messinstitut investierten 400 000 Euro haben wir von durch zwei Stiftungen und privaten Spender bekommen. Ein Ehepaar aus dem Land hat allein 90 000 Euro gegeben. Elektroautos sind auf Jahre noch keine Lösung. Bezahlbare Alternativen zum Diesel sind Benzin-Hybride und Erdgasautos, E-Autos erst mittelfristig. Die haben aber lokal schon heute Vorteile.
Wie sieht ein schadstoffarmes Stuttgart aus?
Die Stadt sollte sich vornehmen, die Anzahl der Privat-Pkw zu halbieren und den Nahverkehr auszubauen. Die Halbierung des Verkehrs genügt nicht, weil Diesel 30-mal mehr Stickoxid als Benziner ausstoßen. Ein sauberes Stuttgart ist nur mit einem weitgehenden Diesel-Fahrverbot denkbar. Der Diesel muss raus aus der Stadt.

Jürgen Resch:
Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) war auf Einladung des Klima- und Umweltbündnisses Stuttgart (KUS)in Stuttgart. Vor seinem Vortrag über ein „schadstoffarmes Stuttgart“ im Kunstgebäude äußerte sich der 56 Jahre alte Kritiker der Autoindustrie im Interview mit dieser Zeitung über die Schritte zu einer besseren Luft und einer schadstoffärmeren Stadt.

Vater des Dosenpfands
: Resch begann seine umweltpolitische Karriere 1975 als Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee. Er gilt er als einer der Väter des Dosenpfands. Reschs jahrelange Bemühungen im Streit um saubere Luft wurden 2008 mit dem Entscheid des Europäischen Gerichtshofs belohnt, der ein individuell einklagbares „Recht auf saubere Luft“ anerkannte.

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