Mit der Premiere von Anna Seghers’ Exilroman „Transit“ feiern Michael Stülpnagel (rechts) und der Musiker Johannes Weigle das Zehnjährige ihres Duos Phantasma, das Weltliteratur als Hörstück auf die Bühne bringt. Foto: /Gaby Weiß
Michael Stülpnagel und Johannes Weigle inszenieren als Duo Phantasma Anna Seghers‘ großen Exilroman „Transit“ in der Esslinger Scala als beeindruckend aktuelles musikalisch-literarisches Hörstück.
Gaby Weiß
18.02.2025 - 11:27 Uhr
Ein schwarzer Vorhang, ein paar Koffer und Reisekisten, Tisch und Stuhl, eine Flasche Wein und ein Glas, ein Flügel. Das Bühnenbild ist bewusst schlicht gehalten, nichts soll ablenken von der Sprache, vom Text, von der Geschichte. Das Format des musikalisch-literarischen Hörstücks, das das Esslinger Duo Phantasma seit mittlerweile zehn Jahren erfolgreich auf die Bühne des ehemaligen Scala-Lichtspielhauses bringt, ist in Zeiten schneller Filmschnitte, serieller Erzählweise und sensationsheischender Videobilder etwas Besonderes: Als „Kino im Kopf“ inszenieren der Sprecher Michael Stülpnagel und der Musiker Johannes Weigle ihr neues Stück – den Exilroman „Transit“ von Anna Seghers.
Hier beeindruckt der Text, den Michael Stülpnagel in aller Ruhe erzählt. Da begeistert der Live-Soundtrack, mit dem Johannes Weigle sehr zurückhaltend eine klangliche Atmosphäre schafft, die Emotionen verstärkt und musikalische Akzente setzt. Und dort genießt das Publikum, das sich daran freut, eine Geschichte professionell vorgetragen zu bekommen, und das sich fallen lassen kann, weil sich vor dem inneren Auge ein ganzer Kosmos entfaltet.
Das Konzept des Duos Phantasma fordert die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Mitdenken und Sich-Einlassen heraus. Es entzündet Gedanken, die nach Hause begleiten: Wenn ich selbst flüchten müsste? Wie fühlen sich Menschen, die heute nicht wissen, ob sie morgen satt werden und wo sie schlafen können? Kann es überhaupt gelingen, in einem fremden Land, bei fremden Menschen, in einer fremden Sprache ein neues Leben zu beginnen?
Anna Seghers schrieb ihren Roman 1941/42 im mexikanischen Exil, nachdem sie aus dem besetzten Frankreich geflohen war. Die Geschichte beginnt mit einem Gerücht: „Die Montréal soll untergegangen sein.“ Jenes Schiff, das 1940 für viele Europäer die letzte Hoffnung war, vor den deutschen Besatzern zu fliehen und Frankreich in Richtung Casablanca, Mexiko oder Kuba zu verlassen. „Transit“ begleitet Michael Stülpnagel seit dem Studium, als er auf den Spuren von Seghers’ Roman eine literarische Exkursion nach Marseille unternahm: „Viele der Straßen, Orte, Hotels und Cafés kann man auch heute noch genau verorten“, erzählt er.
Anna Seghers 1962 bei einer Lesung in der DDR. Foto: imago
Seit vielen Jahren trägt sich der Sprecher mit dem Gedanken, die vielschichtige Geschichte auf die Bühne zu bringen. Dafür musste er die rund 300 Seiten deutlich kürzen und deshalb sogar auf einzelne Handlungsstränge, Figuren, Schauplätze und Winkelzüge verzichten: „Wie mussten auswählen, verdichten, aber so, dass die Essenz dennoch erhalten bleibt, vielleicht sogar klarer wird als im hochkomplexen Roman mit seiner mehrschichtigen Struktur. Es war uns wichtig, dass sich am Ende wieder ein rundes Ganzes ergibt, sogar für ein Publikum, das das Buch nicht gelesen hat.“
Marseille – in der französischen Stadt am Meer spielt die Geschichte. Foto: imago
Die entstandene zweistündige Fassung „Transit. Fluchtpunkt Marseille“ ist stimmig. Sie kommt mit viel Wärme und Empathie daher und macht – trotz der beklemmenden Situation der Flüchtenden – auch die spielerisch-leichten Züge des Textes deutlich. Einerseits herrschen Hektik, Chaos, Unsicherheit und Dramatik in dem aufgewühlten, mit ungezählten Flüchtlingen bevölkerten Marseille, wo sich alles um Duldung, Aufenthaltsverlängerung, Schiffspassagen, Tickets und Visa, Stempel und Papiere dreht. Andererseits gibt es als Kontrast dazu den unaufgeregten, namenlosen Erzähler, der einem deutschen Arbeitslager und der französischen Internierung entkommen und ebenfalls in Marseille gestrandet ist: Er ist der Einzige, der bleiben möchte, um Wurzeln zu schlagen, denn in der Stadt spürt er „das Glück, zu leben“.
Immer wieder wendet der Erzähler sich direkt an das Publikum und lädt es „auf ein Glas Rosé und ein Stück Pizza“ ein, damit er seine abenteuerliche Geschichte berichten kann. Die dreht sich um einen Handkoffer mit einem Manuskript eines Schriftstellers, der sich umgebracht hat, um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen. Und sie dreht sich um dessen Frau Maria, die mit ihrem neuen Geliebten auf der Flucht ist, aber nichts vom Tod ihres Mannes weiß und rastlos nach ihm sucht.
„Dieser Roman hat auch eine gewisse Allgemeingültigkeit, was Flucht, Vertreibung und Entwurzelung angeht. Er ist in diesen Zeiten höchst aktuell und gibt vor allem den Flüchtenden eine Stimme. Er fokussiert sich auf diese Personen, deren Welt in Auflösung begriffen ist, die aber trotzdem weiterleben, weiterlieben, weiterhoffen“, fasst Michael Stülpnagel seine Faszination für Anna Seghers’ Roman zusammen.
Zehn Jahre für die Dichtung
Duo Phantasma Vor zehn Jahren haben der Sprecher Michael Stülpnagel und der Multi-Instrumentalist Johannes Weigle das Duo Phantasma gegründet. Fast jedes Jahr entstand seitdem eine Produktion. Das Spektrum reicht von Alessandro Bariccos Legende vom Ozeanpianisten „Novecento“ über Antonio Skarmétas „Mit brennender Geduld“, Nikos Kazantzakis‘ „Alexis Sorbas“ und Stefan Zweigs „Fantastische Nacht“ bis jetzt zu Anna Seghers‘ Roman „Transit“. „Die Menschen hören uns zwei Stunden lang einfach nur zu. In absoluter Konzentration kreieren sie in ihren Köpfen ihre eigenen Bilder. Die Kraft, die dabei entsteht, ist im Saal spürbar. Sie gibt Stärke“, berichtet Michael Stülpnagel.
Termine „Transit. Fluchtpunkt Marseille“ nach dem Exilroman von Anna Seghers ist an den Sonntagen, 23. Februar, 23. März, 6. April, 18. Mai und 29. Juni, jeweils um 17.30 Uhr in der Esslinger Scala (Blumenstraße 15, Eingang Neckarstraße) zu sehen. Weitere Informationen unter www.richtungdichtung.de