Durch Corona: Fälle häuslicher Gewalt deutlich angestiegen In Todesangst gelingt kein Hilferuf mehr

870 von 1135 Tatverdächtigen waren Männer, die ihren Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen Gewalt antaten. Foto: dpa/Maurizio Gambarini
870 von 1135 Tatverdächtigen waren Männer, die ihren Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen Gewalt antaten. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Die schweren Fälle von häuslicher Gewalt sind in den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg um fast 25 Prozent angestiegen. In der Beratungsstelle Amila in Böblingen sahen die Sozialarbeiterinnen anhand der Anrufe, wie restriktiv der Lockdown war.

Böblingen: Carola Stadtmüller (cas)

Böblingen - Wenn der Ort, an dem man sich aufhalten soll – weil draußen die Pandemie wütet – Lebensgefahr birgt, dann werde Gewalt zur alltäglichen Normalität. Die Frauen, die Vergewaltigungen, Erniedrigungen, Schläge oder Knochenbrüche erleben, seien seit dem Beginn der Pandemie noch isolierter, sagt Nadine Walch-Krüger von der Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt Amila in Böblingen. Die Zahlen häuslicher Gewalt stiegen – natürlich nicht im selben Rahmen, aber vor allem, wenn die Inzidenzzahlen zu sinken begannen.

Das zeigt die Kriminalitätsstatistik des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. „Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen haben das Leben vieler Menschen beeinflusst. Kurzarbeit, Homeoffice und Kinderbetreuung bestimmten den Alltag 2020 und haben sich mutmaßlich auch auf das soziale Miteinander ausgewirkt“, schrieben die Autoren der Polizeidirektion Ludwigsburg.

1345 Opfer von Partnergewalt

Konkret: 2020 wurden im Präsidiumsbereich (das sind die Kreise Böblingen und Ludwigsburg) 1345 Menschen Opfer von Partnergewalt und somit 94 (oder 7,5 Prozent) mehr als 2019. Rund 1000 Betroffene waren weiblich; von den 1135 Tatverdächtigen waren 870 männlich. 300 der Verdächtigen standen bei der Tat unter Alkoholeinfluss.

Der Sprecher der Polizeidirektion, Peter Widenhorn, sagt: „Corona hat das in sofern begünstigt, dass der Funke leichter zur Explosion wird, wenn man auf engstem Raum Haus und Hof hüten muss.“ In vielen Fällen hätten die Kollegen aber auch zu einschlägigen Adressen fahren müssen. Sprich: in Häuser oder Wohnungen, in denen Gewalt auch ohne Corona ein Dauerthema ist.

Nadine Walch-Krüger sagt: „Ganz oft läuft die Gewalt zyklisch ab. Einer Phase extremer Gewalt folgt eine Phase der Reue. Da kann auch Versöhnung gelingen – oft ist das aber nicht von Dauer.“ Frauen wollen dann ihren Partnern glauben, hoffen darauf, dass den Worten nicht wieder Taten folgen. Aber dann komme wieder etwas dazwischen. Manchmal seien es äußere Veränderungen, die Gewalt in einer Partnerschaft entstehen ließen – „und damit sind wir wieder bei Corona“, sagt sie. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, äußere Veränderungen für die Gewalt verantwortlich zu machen.

Im Lockdown fehlt ein stützendes Umfeld

Warum halten Frauen diese Pein über Jahre aus? Diese Frage stellten Außenstehende oft. Auch ohne Pandemie seien die Frauen von Angst gelähmt. Sie blieben lieber im bekannten Umfeld, statt sich ins Unbekannte zu wagen. Häufig fehlten auch finanzielle Ressourcen. Kinder seien oft ein Schlüsselfaktor, um sich aus einer jahrelangen Hölle zu befreien – weil Frauen nicht wollen, dass ihre Kinder so aufwachsen. Und ein Umfeld, das stärke. Und wieder fällt der Bezug zu Corona deutlich auf: In den Phasen des extremen Lockdowns gab und gibt es kein stützendes Umfeld. Kinder konnten keiner Sozialarbeiterin von Gewaltexzessen daheim erzählen. Und Frauen keine Freundinnen treffen.

Es geht bei der Beratungsstelle Amila sogar soweit, dass die Mitarbeiterinnen anhand der Anrufe die Härte des Lockdowns festmachen konnten: Wenn alles geschlossen war, so wie nach Weihnachten oder im vergangenen Jahr im ersten Lockdown, stand das Beratungstelefon still. Erst danach klingelte es wieder. Etwa dreimal so oft, wie zu üblichen Zeiten.

Gewalt bleibt nicht auf demselben Level – sie steigt

Aber nicht nur die Zahlen häuslicher Gewalt sind gestiegen, auch die Form: Bei den Straftaten dominiert die Körperverletzung mit 926 Fällen (plus 9,2 Prozent), gefolgt von der gefährlichen/schweren Körperverletzung mit 161 Fällen (plus 24,8 Prozent). Hier wurde ein Anstieg bei der gefährlichen Körperverletzung durch lebensgefährdende Behandlung festgestellt (plus 88,5 Prozent von 26 auf 49 Fälle). Polizeisprecher Widenhorn erklärt, was das heißt: „Dazu zählt etwa das Würgen einer Person.“

Auch das bestätigt Walch-Krüger: „Gewalt bleibt selten auf demselben Level. Sie steigert sich.“ Und wenn die Lebensumstände sich verschlimmern, verschlimmert sich auch die Gewalt. Corona wirkt auch hier wie ein Brennglas.




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